Wer hat an der Uhr gedreht?

Wer hat an der Uhr gedreht?

Es gibt sicherlich einige Leser, die sich noch an den rosaroten Panther erinnern können. Wenn ich mich recht entsinne, wurde der Vorspann zum Film mit derartiger Begeisterung aufgenommen, dass daraus eine Serie gemacht wurde mit dem Titel Der rosarote Panther.
Als Kind fand ich diese Serie köstlich und habe mich immer sehr amüsiert. Besonders dann, wenn Kommissar Clouseau verzweifelt versuchte, den Panther zu fangen, es ihm aber nie gelang oder der Panther ihm Streiche spielte.
Leider war die Sendung immer viel zu kurz. Der Abspann begann mit einem kleinen Liedchen: Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?
Das waren noch Zeiten, wenn man sich einmal die Nachricht ansieht, die nicht am 1. April, sondern kurz danach die Runde machte: Britische Schulkinder können die Uhr nicht mehr lesen.
Ich bin inzwischen auf alles gefasst, was Nachrichten anbelangt. Es gibt aber immer wieder welche, die mich dann doch überraschen.
Wobei es so überraschend eigentlich nicht ist, wenn man nur lange genug darüber nachdenkt. Im Digitalzeitalter mit Digitaluhren fällt es offensichtlich schwer, analoge Tätigkeiten zu lernen, lernen zu können oder lernen zu wollen.
Unterstützt wird das an den Schulen. Als ich Der rosarote Panther sah, war meine Klasse in zwei Fraktionen gespalten. Die einen benutzten einen Pelikan-Füller, die anderen einen von Geha. Wir hatten ein Schönschreibheft, bei dem, wie der Name ahnen lässt, wir uns besondere Mühe geben mussten. Meine Schönschrift wurde allerdings öfter bemängelt. Kritisiert wurde auch, dass ich ab und zu zum Kugelschreiber griff. Das „versaue“ die Handschrift. An diese Worte kann ich mich noch genau erinnern.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Wer hat an der Uhr gedreht?

Ich kann mich auch noch erinnern, wie ich lernte, die Uhr zu lesen. Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Man muss erst einmal das Grundprinzip mit den beiden Zeigern begreifen, und dann noch wissen, was „Halb“ und „Viertel“ bedeutet etc. Vielleicht begreift man es beim ersten Erklären nicht so richtig, aber beim zweiten Versuch sollte es dann alsbald klappen.
Aber die Zeit der analogen Uhren scheint vorbei zu sein. Jedenfalls bei denen, die gerade in die Schule gehen. Die sehen auf dem Computermonitor rechts unten die Uhrzeit – digital. Die sehen auf ihren Handys die Uhrzeit – digital. Sicherlich kann man mittels dem einen oder anderen Programm auf eine künstliche digitale Uhr umstellen, aber wer macht das schon?
In Großbritannien fiel das Problem bei Abschlusstests auf. Es handelte sich also um Schüler, die schon etwas älter waren. Keinesfalls um Grundschüler. Und trotzdem konnten sie die Uhr an der Klassenzimmerwand nicht lesen. Sie bekamen für einen Test eine Stunde oder vielleicht auch länger Zeit und konnten beim Blick auf die Uhr nicht herausfinden, wie viel Zeit ihnen noch bis zur Abgabe blieb.
Das glauben Sie nicht? Wie gesagt, es handelt sich nicht um einen verspäteten Aprilscherz. Es ist auch kein Scherz, dass die britische Schulverwaltung reagierte: Sie lässt zurzeit alle analogen Uhren in Schulgebäuden abmontieren und durch Digitaluhren ersetzen. Ehrlich, kein Witz!
Die Tests, die in der Schule absolviert werden und bei denen die Schüler gerne wüssten, wie viel Zeit sie noch haben, änderten sich auch ein wenig. Früher griff die Geha- bzw. Pelikanfraktion zum Füller und dann wurde Seite um Seite geschrieben. Hoffentlich hatte man genügend Tintenpatronen dabei. Wenn man sich verschrieb, gab es die Wunderwaffe „Tintenkiller“.
Heute sitzen Schüler vor einem Tablet und krakeln mit ihrem Zeigefinger auf dem Bildschirm herum. Der Computer versucht dann zu interpretieren, welcher Buchstabe „gemalt“ wurde. Hinzu kommt vielleicht noch „Schreiben nach Gehör“. Und dann darf man sich natürlich nicht wundern, wenn die Kinder weder Schreiben noch die Uhr lesen können.
Bei den Tests gibt es häufig „multiple choice“. Das ist dann wie in Thailand. Es werden Aussagen gemacht und die richtige Antwort muss angekreuzt werden. Da muss nicht mehr viel geschrieben werden, da reicht auch ein Kuli.
Unbeachtet bleibt bei heutigen Lehrmethoden offenbar, dass es für ein Kind wichtig ist, die Feinmotorik und die Fingermuskeln zu trainieren. Das geht am Besten, wenn es lernt, wie man schreibt. Schreiben ist eine recht komplizierte Übung, wenn man es genau betrachtet. Es fängt mit Bauklötzen im Kleinkindalter an, mit Malen und dann eben mit Schreiben. Da aber schon Kleinkinder einfach nur dasitzen und mit Telefonen spielen, darf man sich durchaus fragen, wie das noch weitergehen wird.
Jedenfalls scheint es eine Zwischenstation zu sein, dass Selbstverständliches nicht mehr erledigt werden kann. Dass es zum Beispiel schwerfällt, eine analoge Uhr zu entziffern. Für Fortgeschrittene mit römischen Ziffern.
Da muss sich die Jugend von heute doch wie in einem ägyptischen Grabmal mit Hieroglyphenschrift vorkommen.
Das ist aber wie gesagt nur eine Zwischenstation. Wo das enden wird? Wer weiß das schon.

Euer

Walter Weiß

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