Wenn Menschen plötzlich spurlos verschwinden

Wenn Menschen plötzlich spurlos verschwinden

Thailand ist seit langem dafür berüchtigt, dass es zahlreiche mysteriöse Fälle von außergerichtlichen Morden, Folter oder erzwungenem Verschwinden ungelöst ließ und unter den angeblich beteiligten staatlichen Akteuren eine Kultur der Straflosigkeit herrscht.
Eine seltene Ausnahme scheint es jetzt zu geben, weil ein mysteriöser Fall des erzwungenen Verschwindens teilweise gelöst wurde. Die Sondereinheit der Polizei, Department of Special Investigation (DSI), bestätigte, dass der Karen-Aktivist Porlajee „Billy“ Rakchongcharoen, der vor mehr als fünf Jahren nach einer Festnahme spurlos verschwunden war, gefoltert und ermordet wurde.
Aber ob die Ermittlungen dazu führen, dass es Gerechtigkeit gibt oder nicht, ist eine ganz andere Geschichte.
Am 17. April 2014 wurde Billy das letzte Mal gesehen. Er war in Gewahrsam von Beamten des Nationalparks Kaeng Krachan, die ihn wegen „Sammelns von wildem Honig“ festnahmen. Er kehrte nie nach Hause zurück.
Zum Zeitpunkt seiner Festnahme half er Angehörigen der Karen dabei, den Chef des Nationalparks Kaeng Krachan, Chaiwat Limlikit-aksorn, zu verklagen. Der hatte befohlen, Häuser und Scheunen der Karen in Brand zu stecken. Die siedeln seit Generationen auf dem Gebiet und leben mit Einklang in der Natur. Dennoch wollten die Beamten des Nationalparks die Karen vertreiben. Billy half ihnen, sich gegen den Staat zu wehren und geriet so auf die Abschussliste.
Obwohl seine Familie den Fall gegen Chaiwat und andere Beamte vor Gericht brachte, wurden er wegen mangelnder Beweise freigesprochen.
Fest stand, dass Billy ein weiteres Opfer des sogenannten „erzwungenen Verschwindens“ geworden war. Problematisch ist, dass sich solche Fälle nur sehr schwer beweisen lassen.
Im Juni letzten Jahres übernahm die DSI den Fall und ermittelte zusammen mit Beamten anderer Behörden sowie Wissenschaftlern.
Mitarbeiter aller beteiligen Behörden gaben auf einer Pressekonferenz die Ergebnisse ihrer Ermittlungen und grausige Details bekannt.
Ein Stück verbrannter Schädeldecke wurde in einem Ölfass im Stausee des Staudamms Kaeng Krachan in der Provinz Phetchaburi gefunden. Die aus dem Fragment entnommene DNS ist mit der von Billys Mutter verwandt. Taucher fanden 20 weitere Knochenfragmente, von denen acht menschlich sind. Eine Untersuchung dieser Knochen ist noch im Gange.
Die DSI kam zu dem Schluss, dass das Verbrechen ein Foltermord war.
Die Ergebnisse geben einigen Hoffnung, dass die Täter angesichts der neuen Beweislage doch noch irgendwann vor Gericht gestellt werden. Wichtig ist, dass der Ort, an dem die Knochen gefunden wurden, ein geschlossener Bereich ist, in dem der Zugang der Öffentlichkeit streng kontrolliert wird. Die DSI kann ihre Ermittlungen nun auf diesen Teil des Parks konzentrieren und alle relevanten Protokolle oder Aufzeichnungen prüfen.
Zweifler haben jedoch möglicherweise Grund zu der Annahme, dass der Fall nirgendwohin führen wird. Angesichts der geringen Verurteilungsrate in Bezug auf zahlreiche Fälle außergerichtlicher Tötungen, des Verdachts auf Folter und des erzwungenen Verschwindens von Personen, an denen angeblich Staatsbeamte beteiligt waren, ist das kein Wunder.
Das Ermittlerteam des DSI und anderer Behörden verdient großen Beifall für ihre Arbeit und braucht Unterstützung beim nächsten Schritt: Billy und seiner Familie Gerechtigkeit zukommen zu lassen.
Es darf keine Form von „Einflussnahme von außen“ oder Einmischung in diesen Prozess geben, der die Ermittlungen und Bemühungen des DSI behindern könnte.
Die Enthüllungen im Fall Billy betonen erneut die Notwendigkeit, Rätsel hinter anderen ähnlichen Fällen zu lösen und die Täter vor Gericht zu stellen.
Unter ihnen ist das Verschwinden des Landrechtsaktivisten Den Khamlae im Jahr 2016, der sich gegen die Bemühungen des Staates von der Vertreibung von Waldbewohnern einsetzte. Die außergerichtliche Ermordung des Lahu-Aktivisten Chaiyaphum Pasae am helllichten Tag durch einen Soldaten an einem Kontrollpunkt in Chiang Mai im März 2017 gehört ebenfalls dazu. Schließlich ist da noch der rätselhafte Tod des aufständischen Verdächtigen Abdulloh Esormusor, der Ende Juli dieses Jahres in Militärhaft starb.

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