Was für ein Tier wären Sie, wenn Sie ein Tier wären?

Was für ein Tier wären Sie, wenn Sie ein Tier wären?

von Wolfgang Rill

Die Frage taucht in Illustrierten auf oder bei Gesellschaftsspielen. Seltener wird nach einer Landschaft gefragt. Was für eine Landschaft wäre ich, wenn ich eine wäre? Wäre ich ein zerklüftetes Himalaya mit schroffen Felswänden, gähnenden Abgründen und himmelstürmenden Gipfeln? Oder wäre ich ein Ozean, kühl, weit, flach, endlos? Vielleicht wäre ich etwas gemäßigter flach, so eine Art Lüneburger Heide mit Farnkraut und Erika. Oder doch ein bisschen bergig, mittelgebirgig wie zum Beispiel die Rhön.
Er redet sich noch den Mund fusselig, denkt sie und äugt nach dem Kellner. Ein zweiter Caipirinha wäre schön, wo er sich doch so eine Mühe gibt und, zugegeben, auch nicht ganz langweilig ist.
Ich denke, so fährt er fort, ich war nicht immer dieselbe Landschaft. Stell dir mich als Kind vor …
Sie äugt ihn so an, dass er droht, aus dem Gleis zu geraten. Sie kennt das. Wenn sie Männer so mustert, werden die oft unsicher.
… Also, da war ich … da war ich …
„Na, was denn?“, wirft sie ein. Ein Vulkan. Ein Pinatubo. In mir rumpelte und grollte es. Ich drohte immer Feuer zu spucken. Wenn ich‘s dann tat, veränderte sich die Atmosphäre. Ich habe Lava gespuckt und in meiner Umgebung das Klima verändert. Manchmal habe ich Pompeji und Herkulanum einfach zugeschüttet. Meine Eltern waren verzweifelt. Im Kindergarten sagten sie, dieses Kind sei nicht beschulbar, beziehungsweise bekindergartenbar.
„Kaum zu glauben, wirklich?“, sagt sie und mustert seinen beachtlichen Bauch.
Klar doch, sagt er. Ich war ein Wirbelwind, ein Orkan, ein Hurrican. Später hat sich das gemäßigt. In der Pubertät habe ich mich zum Irrgarten verwandelt. Ich war plötzlich ein Labyrinth zwischen Felsbrocken, Schluchten und Dornenhecken, in dem ich mich nicht auskannte. Ich irrte in mir umher und suchte den Ausgang. Hätte viel darum gegeben, da raus zu kommen.
Interessant, sagt sie und zieht ein wenig an ihrem Minirock, weil sie bemerkt, wie er ihr auf die Beine guckt, während er redet. Dann fingert sie eine der schlanken Damenzigaretten aus dem Päckchen, schaut sich im Gartenrestaurant um ob jemand Anstoß nehmen könnte, dass sie hier raucht und beugt danach graziös ihr Köpfchen zu ihm rüber, da er rasch nach dem Feuerzeug gegriffen hat und ihr nun Feuer gibt.
Wo war ich stehen geblieben? Irrgarten, richtig. Also das war so im Alter von 14 bis 17, 18. Danach wurde ich ziemlich rasch zum Autobahnnetz. Ich zirkulierte auf breiten ausgebauten Straßen in der Welt herum. Natur hat mich nicht interessiert. Ich wollte Bewegung. Habe damals viel gesehen und nichts gesehen. Ich war innerlich eine Schnellstraße, bei der es auf Geschwindigkeit ankam. Unter mir der Asphalt. Ein paar Verkehrsschilder am Wegrand genügten, ich hatte sowieso kein Ziel, wollte nur unterwegs sein. Aber auch das hat sich wieder gegeben. Und dann, langsam und spät, wurde ich zum Garten. Geordnet, überschaubar, fruchtbar.
Bei „fruchtbar“ verzieht sie leicht das Gesicht.
Ja, fruchtbar in dem Sinn, dass ich Erfolg hatte. Habe mein Leben in den Griff bekommen und meinen inneren Garten angebaut. Zuerst Graben und Aussaat, dann das Wachstum, dann hin und wieder Ernte. Dünger gabs auch ab und zu.
Er hält einen Moment inne. Es wäre schön, wenn sie jetzt fragte, was er mit Dünger meine, aber sie fragt nicht.
Ja, und dann wurde mir der Garten aber zu eng. Die Welt ist weit. Ich baute mich innerlich um zum Park. Zum großen, schönen Park mit grünen Hügeln, mit hohen alten Bäumen und gepflegten Wegen.
Die halbe Maß, die vor ihm steht, ist inzwischen schon warm geworden und hat keinen Schaum mehr. Er sieht verträumt hinüber zum Chinesischen Turm, wo sich die Trachtenkapelle bereit macht für den nächsten Angriff aufs Gehör. Fast vergisst er sie, als er weiter von seinem Park erzählt:
Nun spaziere ich in meinem inneren englischen Garten herum, freue mich an den Wiesen und an den Bächen und wandere und wandere. Ich glaube, ich wandere nicht ganz grundlos. Vielleicht unter der nächsten Baumgruppe, vielleicht auf dem Hügel dort oder hier am Ufer des kleinen Sees, vielleicht nach der nächsten Biege des Wegs, vielleicht auch auf dieser Wiese mit Margeriten und Lupinen, vielleicht, vielleicht … treffe ich sie dort.
Sie vergisst, an ihrer Zigarette zu ziehen und mustert ihn wieder. Aber diesmal scheint es, als sähe er sie gar nicht. Sein Blick ist verträumt und abwesend.
Vielleicht treffe ich sie, vielleicht auch nicht, fährt er fort. Und ich weiß, ich bin mir sicher, wenn ich ihr begegne, werde ich sie erkennen. Und ich werde wissen, dass sich der Weg gelohnt hat. Das Wandern durch die Wüsten, die Gebirge, über die Ozeane, es wird sich gelohnt haben …
Nun spinnt er total, denkt sie. Weil ihr nichts Besseres einfällt, saugt sie wieder elegant an ihrer Zigarette und bläst ihm den Rauch entgegen.
Der Rauchschwall scheint ihn zu ernüchtern. Sein Blick rollt zurück aus schimmernden Fernen zum Biertisch hier im Englischen Garten, zu dem Holzgebäude da drüben und zu ihr. Er sieht sie an, als sähe er sie eben zum ersten Mal. Dabei hat er sie doch schon auf dem Odeonsplatz getroffen, sie dann hierher geführt und sie heute Morgen sicher schon aus dem Katalog der Agentur rausgesucht.
Gepflegte und gebildete Begleitung für den anspruchsvollen Herrn, murmelt er vor sich hin. Es klingt sarkastisch. Dann greift er nach dem Bier-
humpen, nimmt einen tiefen Schluck, schüttet den Rest in den Kies unter dem Tisch und steht auf.
„Ich bringe das Glas zurück und hole das Pfand“, sagt er.
Dann verschwindet er hinter der Bude des Ausschanks und sie weiß: Er kommt nicht wieder.

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