Warum lesen Thais nicht?

Warum lesen Thais nicht?

Diese Frage haben sich bestimmt schon viele gestellt. Auch Tayo Tunyathon Koonprasert. Er verbrachte sieben Jahre in den Vereinigten Staaten und kehrte mit 13 Jahren nach Bangkok zurück. Seine Mutter nahm ihn mit in die Bibliothek in der Samsen Road.
Er schritt durch den großen Eingang und fand eine ruhige Ecke oder einen bequemen Stuhl. Dorthin konnte er sich mit einem guten Roman zurückziehen. Sich Stunden in einem Buch zu verlieren, hatte ihm in Amerika immer wieder Spaß gemacht. In einer Bibliothek machte das Lesen gleich noch mehr Freude.
Er fand die Rezeption und fragte die Frau, die dort saß: „Wo gibt es die englischsprachigen Bücher?“
Die Bibliothekarin hob eine Augenbraue. „Wir haben keine, Kleiner.“
„Wann gibt es denn welche?“
„Wir renovieren zurzeit. Wir haben nicht vor, englische Bücher anzuschaffen.“
„Warum denn nicht“, wollte er wissen.
Seine Mutter zog ihn weg. Der amerikanische Teenager in ihm musste noch eine Menge lernen.
Bald merkte er, dass die National Library eine Pflichtexemplarbibliothek ist, keine öffentliche Bibliothek, wie er gehofft hatte. Er fand auch heraus, dass die meisten Thais Lesen nicht genau so mochten wie er selbst. Es gibt in Thailand keine Lesekultur. 15 Jahre später ist das immer noch so.
Eine Lesekultur, wie von Professor Aurasri Ngamwittayaphong definiert, bedeutet, dass ständig gelesen wird, und zwar so lange, bis es eine Angewohnheit wird, die einen durchs Leben begleitet. Der Leser erkennt die Vorteile des Lesens und informiert Dritte darüber. In Thailand gibt es so etwas nicht.
Das bedeutet nicht, dass Thais nicht lesen. 93 Prozent der Thais können lesen. Sie lesen jedoch nicht viel mehr als Notizen, Comics, Internetforen, Postings in sozialen Medien und manchmal auch einen Zeitungsartikel. Eine Studie des thailändischen Verbandes der Verleger und Buchhändler kam zu dem Schluss, dass 88 Prozent der Bevölkerung pro Tag 28 Minuten mit Lesen verbringen. 40 Prozent lesen überhaupt keine Bücher.
Das gibt Anlass zur Sorge, denn Lesen bringt so viele Vorteile. Es erweitert den Horizont, bietet neue Sichtweisen und fördert das kreative Denken. Viele dieser Vorteile helfen am besten in einem frühen Alter. Die jetzigen Lehrpläne in Schulen sehen allerdings kaum Lesen als Hausaufgabe vor. Schüler und Studenten bekommen stattdessen lediglich Notizen der Lehrer und Dozenten. Sie werden mit mundgerechten Zusammenfassungen gefüttert anstatt zum Lesen animiert zu werden. Dann müssten sie selbst die Texte analysieren und die wichtigen Informationen aus diesen extrahieren. Wenn dies nicht geschieht, wird die kognitive Entwicklung der thailändischen Jugend geschädigt. Sie lernt nicht, wie man kritisch denkt.
Leider gibt es für Thais viele sozioökonomische Schranken, ein Buch in die Hand zu nehmen. Für viele ist es ein Privileg, die Zeit zum Lesen zu finden. Für thailändische Jugendliche sind Schularbeiten häufig schon eine Herausforderung. Zwischen den Schulstunden und den Hausaufgaben müssen sie auch noch schlafen. Wann sollen sie das Zeit zum Lesen finden? Erwachsene arbeiten und müssen manchmal Stunden damit verbringen, zu ihren Arbeitsplätzen und wieder nach Hause zu fahren. Es ist verständlich, weshalb sich einige am Ende des Tages einfach vor den Fernseher aufs Sofa sinken lassen und eine Fernsehserie sehen.
Für andere sind Bücher zu teuer. Ein Buch kostet durchschnittlich 200 Baht, englischsprachige Bücher manchmal 1.000 Baht und mehr. In einer Umfrage, durchgeführt vom Nationalen Statistischen Amt, sagten 39 Prozent der Befragten, sie würden mehr lesen, wenn Bücher billiger wären.
Für Thais, die außerhalb Bangkoks leben, ist es schon schwierig, überhaupt Lesestoff zu finden. Gemeinde- und Provinzbibliotheken haben nur ein kleines Budget und werden schlecht geführt. Sie sind oft mit überholtem Lesematerial bestückt und zu merkwürdigen Zeiten geöffnet.
Lesen ist daher eine Aktivität, die sich nur Leute leisten können, die Geld und Zeit haben und nach Möglichkeit in Bangkok wohnen.
In den letzten Jahren gab es immer wieder Initiativen, die Öffentlichkeit mit Büchern zu versorgen. Öffentliche Bibliotheken wie TK Park und die Bangkok City Library sind gute Beispiele, während die Neilson Hays Library die größte Sammlung englischsprachiger Bücher anbietet. Der Mitgliedsbeitrag bei Neilson beträgt allerdings für Erwachsene jährlich 2.500 Baht und für Kinder 1.700 Baht.

Warum lesen Thais nicht?

Öffentliche Bibliotheken arbeiten nach demselben Paradox: Die Mitgliedsbeiträge sind hoch oder sie können am besten nur mit kostspieligen U-Bahn- und Hochbahnfahrten erreicht werden.
Daher muss der Staat langfristig die öffentlichen Bibliotheken mit einem höheren Budget versorgen.
Aber eines können die Leute auch selbst tun. Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit zum Lesen, dann kann er sich die Zeit nehmen. Wer zwingt einen, sich bei der Fahrt in der Hochbahn auf Instagram die Bilder von Leuten anzusehen, die man noch nie persönlich getroffen hat. Genauso gut kann man ein paar Seiten in einem Buch aufschlagen.
Jedes kleine Wort zählt. Jede Seite zählt. Man muss nur immer eine Seite umblättern. Das ist ganz einfach.

Ähnliche Beiträge