Wahnsinn!

Wahnsinn!

30 Jahre sind ein langer Zeitraum. Und dennoch verging er schnell. Manchmal kommt es mir vor, als ob der 9. November, dieser besondere 9. November, erst ein paar Monate her ist.

Damals wohnte ich im WestBerliner Bezirk Wedding, ganz in der Nähe der U-Bahn-Endstation Osloer Straße. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich am 9. November 1989 bereits im Bett lag. Es war ein Donnerstag, am nächsten Tag war ein Arbeitstag. Ich zappte ein wenig durchs Fernsehen und bereitete mich darauf vor, alsbald ins Reich der Träume hinüber zu gleiten.

Plötzlich wurde in einer Sendung, vielleicht war es eine Sondersendung, vielleicht waren es Nachrichten, über die inzwischen berühmten Worte von Günter Schabowski berichtet. Auf einer Pressekonferenz hatte er gesagt, „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD und zu West-Berlin erfolgen.“

Danach hieß es in dieser Sendung, die „Mauer ist offen“. Historiker mögen sich darüber streiten, was Schabowski gemeint haben könnte. Sicherlich aber nicht, dass die DDR-Bürger mit oder ohne Sack und Pack sofort noch am selben Abend in den Westen gehen. Das machten sie aber. Einer der „Brennpunkte“ sei die Bornholmer Straße, erfuhr ich in der Sendung. Die war von mir aus nur einen Steinwurf entfernt.

Da musste ich nicht lange überlegen. Ich stand auf und zog mich wieder an. Dann machte ich mich auf den Weg zur Bornholmer Straße. Ich hatte mit so einigem gerechnet, aber nicht mit dem, was mich dort erwartete.

Die Mauer war tatsächlich offen. Ich wollte das erst jetzt glauben, da ich es mit eigenen Augen sah. Da waren geöffnete Tore, geöffnete Schranken. Grenzschützer standen herum und wussten nicht so recht, was sie tun sollten, außer am Besten, nicht im Weg zu stehen. Denn Menschenmassen kamen von der anderen Seite und strömten nach West-Berlin. Erst Hunderte, dann Tausende.

Ein Meer von Menschen, die vor Freude schrien, die sich in die Arme fielen, die sangen. Schwer, diese Stimmung in Worte zu fassen. Die Mauer war weg! Das war für West-Berliner noch eine ganz andere Geschichte als für Deutsche aus dem Westen. Das wird jeder bestätigen können. Und das alles ist kein Vergleich zu dem, was Ost-Berliner und OstDeutsche in diesem Moment empfunden haben müssen, die seit Geburt in ihrem Land eingesperrt gewesen waren.

Ich kann mich noch sehr gut an ein Ehepaar erinnern, das mit zwei Taschen über die Grenze kam. Die beiden weinten. Sie sagte, sie würden nie, nie, niemals wieder zurückgehen.

Im Laufe des Abends lernte ich zwei Ossis in meinem Alter kennen. Die beiden recht jungen Burschen hießen Roberto und Enrico. Da lernte ich, dass man den Kindern offenbar exotische Namen gibt, wenn man schon nicht in exotische Länder reisen kann. Die beiden waren „natürlich“ noch nie im Westen gewesen. Also ging es auf zur großen Sause.

Enrico kam direkt aus OstBerlin, Roberto aus einem aus dem Umland, einem kleinen Ort namens Velten. Wir gingen zur Osloer Straße. Da waren wir nicht die einzigen. Das war wie eine Völkerwanderung, und alle strömten zur U-Bahn. Die war brechend voll. Ein netter Herr sagte über Lautsprecher, dass die „Brüder und Schwestern aus dem Osten“ selbstverständlich keine Fahrscheine lösen müssten.

Unser Ziel war der Kudamm.
Enrico hatte gesagt, dass sei doch wohl der Traum eines jeden Ost-Berliners: Einmal im Leben zum Kudamm. Nichts einfacher als das! Da wir in der Linie 9 waren, mussten wir noch nicht mal umsteigen. Wir fuhren durch bis U-Bahnhof Kurfürstendamm.

Da wir Hunger hatten, gingen wir in einer Pizzeria erst einmal etwas essen. Wir waren offenbar vergleichsweise früh dran, denn später hätten wir hier keinen Platz mehr bekommen. Nach dem Essen schlenderten wir über den Kudamm zur Ecke Joachimsthaler Straße. Hier war kaum noch ein Durchkommen. Zehntausende waren unterwegs und feierten die Party des Jahrhunderts. Anders kann man das nicht bezeichnen.

Schon hier fiel das erste Mal das Wort, das ich in den Wochen und Monaten ständig hören würde, weil es einfach unfassbar war, was sich da gerade historisch abspielte: Wahnsinn! Das Wort „Wahnsinn“ fiel immer dann, wenn man über das Thema redete. Und es gab in den nächsten Tagen und Wochen kein anderes Thema als den 9. November.

Und die Folgen. Wegen der Insellage mitten in der DDR war West-Berlin das Reiseziel erster Wahl für die DDR-Bürger. Daher war es vorbei mit der Großstadt, in der es doch insgesamt recht gemächlich zuging. Jetzt war es immer voll.

Und immer war alles ausverkauft. Die Ossis stürmten die Supermärkte und kauften die Regale leer. Es war schwierig, Süßigkeiten zu bekommen, denn auf die hatten sie es besonders abgesehen. Es waren gar nicht so sehr die sprichwörtlichen Bananen, es war vor allem Schokolade.

In die Bank kam ich nur noch mit meinem West-Berliner Ausweis. Um das Begrüßungsgeld abzuholen pro Kopf 100 DM bildeten sich lange Schlangen vor den Banken. Lange Schlangen heißt, die gingen mehrere Straßenblocks weit, einen Kilometer oder noch länger. Ein Kollege hatte mir das auf der Arbeit erzählt, dabei verwendete er mehrmals das Wort „Wahnsinn“.

Ich glaubte es ihm nicht. Ich glaubte es erst, als ich nach Hause kam und zu meiner Haustür hinein wollte. Das war nicht so einfach, weil sich davor eine Ossi-Warteschlange befand. Die nächste Bank war einen Block entfernt, so ca. fünf Minuten zu Fuß. Wahnsinn!

Ich war bereits vor dem Mauerfall öfter in Ost-Berlin gewesen, mindestens einmal pro Jahr. Jetzt war ich bestimmt jedes Wochenende drüben und erkundete die Stadt.

Das war der totale Wahnsinn!

Beitragsquelle : Axel Schönberger

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