Rad und Roller wollen die Vorherrschaft auf Straßen

Rad und Roller wollen die Vorherrschaft auf Straßen

Fünf Uhr nachmittags. – Hauptverkehrszeit an einer der verkehrsreichsten Verbindungen zwischen dem Stadtzentrum und den umliegenden Vierteln. Hunderte von Fahrzeugen fuhren jede Minute über die Brücke von Dronning Louise. Da sich die Brücke in Kopenhagen befindet, handelte es sich bei der überwiegenden Mehrheit dieser Fahrzeuge – etwa 48.000 pro Tag – um Fahrräder und nicht um Autos.
Inmitten der wogenden Flut von Frachträdern, Rennrädern und einfachen, altmodischen Zweirädern standen zwei Touristen aufrecht auf E-Scootern und wussten nicht so recht, wohin. Die Fahrradfahrer klingelten und umfuhren die beiden rasant.
Auf dem Bürgersteig beobachtete Marie Djernes, eine 24-jährige Studentin, die neben ihrem eigenen Fahrrad stand und auf einen Freund wartete, die Szene mit Belustigung. „Ja, sie sind ein bisschen nervig“, sagte sie. „Sie scheinen nicht wirklich zu wissen, was sie tun.“
Seit ihrer Premiere in Kalifornien im Jahr 2017 sind Elektroroller mit Namen aufgetaucht, die wie moderne Versionen von Schneewittchens Zwerge klingen. Jetzt gibt es sie in mindestens 100 Städten in der ganzen Welt, auch in Berlin oder Bangkok.
Trotz aller Erfolge hat diese neue Form der „Mikromobilität“, wie ihre Befürworter sie gerne nennen, auch eine Reihe von Problemen mit sich gebracht, von Sicherheitsrisiken bis hin zu unpassierbaren Gehsteigen. Die Lösung, so sagen viele Roller-Befürworter in den USA und in Europa, liegt in der Schaffung einer Infrastruktur – breite Fahrradwege, ausreichend Parkplätze – wie sie in fahrradfreundlichen Städten wie Kopenhagen und Amsterdam zu finden ist. Aber wie diese Städte selbst merken, passen E-Scooter und Fahrräder nicht unbedingt gut zusammen.
Es ist nicht schwer, den Reiz von Elektrorollern zu verstehen. Für einen Pendler, der mit dem Zug aus den Vororten anreist, bereits spät dran ist und sich dem im Büro Sauseschritt nähert, oder für einen Touristen, der nur einen Tag in einer Stadt ist und viele Sehenswürdigkeiten zu bewältigen hat, bieten die Roller eine einfache Lösung. Mit einem App kann man Kreditkarteninformationen abrufen lassen, einen der gefühlten millionenfach geparkten E-Roller entsperren – und los geht‘s.

Rad und Roller wollen die Vorherrschaft auf Straßen
Rad und Roller wollen die Vorherrschaft auf Straßen

Da die fahrbaren Untersätze kabellos sind, können sie überall stehen gelassen werden, und da sie nicht mit fossilen Brennstoffen, sondern mit Batterien betrieben werden, können sich Benutzer wohl fühlen, weil sie der Meinung sind, klimafreundlich unterwegs zu sein. Es macht auch großen Spaß, mit einem E-Scooter durch die Stadt zu rasen.
Sicherheit wird jedoch immer wichtiger. Zusammenstöße mit Autos und Fußgängern haben Tausende von E-Scooter-Nutzern bereits ins Krankenhaus gebracht. Eine von der Seuchenschutzbehörde in Austin, Texas, durchgeführte Studie ergab ungefähr 20 Verletzungen pro 100.000 Fahrten mit einem E-Roller, von denen die Hälfte als schwerwiegend eingestuft wurde.
E-Roller-Fahrer wurden unter anderem in Paris, London, San Diego, Singapur und Barcelona in Todesfälle verwickelt. Nach vier Todesfällen innerhalb von drei Monaten verbot Atlanta am 9. August, nächtliche Fahrten mit dem E-Scooter. Einige Tage später kündigte eine französische Organisation, die rund 60 Fußgänger vertritt, die von E-Rollern angefahren und verletzt wurden, an, die Pariser Behörden wegen Fahrlässigkeit beim Schutz der Fußgänger zu verklagen.
In Paris gibt es schätzungsweise 20.000 E-Scooter – auf Straßen, auf Bürgersteigen, auf Plätzen. Einige wurden abgestellt und vergessen, andere in die Seine geworfen.
Es ist kein Wunder, dass die Situation in Paris Anfang dieses Sommers von der zuvor von E-Scootern begeisterten Bürgermeisterin Anne Hidalgo als „Anarchie“ beschrieben wurde.
Aber die Vorschriften variieren von Land zu Land und sogar von Stadt zu Stadt, und immer mehr Unternehmen platzieren so viele E-Roller wie möglich in so vielen Städten wie möglich. Allein Madrid hat 18 verschiedene Betreiber zugelassen. Hier nehmen im Wege der Marktherrschaft, Chaos und Risiken zu.
Mindestens eine Lösung für diese Wild-West-Situation ist laut Befürwortern eine bessere Infrastruktur. In einem im April veröffentlichten Sicherheitsbericht stellte das in Kalifornien ansässige E-Scooter-Unternehmen Bird, das in über 100 Städten von Los Angeles bis Tel Aviv präsent ist, fest, dass es zwar Helme an Benutzer schickt, wenn diese sie anfordern, die Städte sich jedoch selbst um eine bessere Sicherheit kümmern müssen.
In dem Bericht heißt es, dass „Radwege und ähnliche Infrastrukturinvestitionen das Unfallrisiko für alle Verkehrsteilnehmer effektiv reduzieren.“
Maxim Romain, Geschäftsführer und Mitbegründer des Amsterdamer E-Scooter-Unternehmens Dott, stimmt dem zu. „Wir arbeiten eng mit der Gemeinde zusammen, um in die Infrastruktur zu investieren“, sagte er über das niederländische Unternehmen, das derzeit in Belgien, Frankreich und Italien tätig ist. Er hofft, auch in sein Heimatland expandieren zu können.
„Wie alle anderen stellten wir unsere Roller zuerst auf den Bürgersteig, weil wir das konnten. Aber jetzt stellen wir sie nur auf den von jeder Gemeinde empfohlenen Parkplätzen bereit. Und wir helfen dabei, 2.500 weitere Parkplätze für gemeinsam genutzte E-Scooter zu schaffen.“

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