Permanent Record

Permanent Record

Einmal alle paar Jahre kommt ein Buch heraus, das man so schnell nicht vergisst. Die Autobiographie von Edward Snowden mit dem Titel Permanent Record gehört zu diesen Büchern.

Nach dem Dokumentarfilm Citizenfour (2014) von Laura Poitras und dem Spielfilm Snowden (2016) von Oliver Stone beschreibt sechs Jahre nach seinen Enthüllungen Edward Snowden seine Beweggründe, weshalb er zum Whistleblower wurde, in einem Buch.

Das Buch ist ganz klassisch aufgebaut, beinahe könnte es als Lehrmaterial dienen, wie man eine Biographie schreibt. Nach einem einführenden Vorwort beginnt Snowden mit Beschreib

 

ungen seines Elternhauses, seiner Kindheit. Einer der Höhepunkte, um nicht zu sagen Wendepunkte in seinem jungen Leben war der Moment, als sein Vater einen Computer kaufte.

Als dann noch das Internet aufkam, war Snowden quasi verloren und verschmolz mit dem Computer. Er berichtet über die Anfänge des Internets und seine wachsende Besessenheit zu Computern und dem Netz.

Dass er später etwas mit Computern machen würde, stand von Anfang an eigentlich außer Frage. Nach einigem Hin und Her und Dienst in der Armee, wurde er von privaten Computerfirmen angestellt und kam so zur NSA. Der Rest ist bekannt, um nicht zu sagen Geschichte.

Sehr gut ist das Buch auch an einer Stelle, in der Snowdens damalige Freundin und jetzige Ehefrau sich anhand von Tagebuchaufzeichnungen erinnert, was geschah, als Snowden plötzlich verschwunden war und das FBI mit den Ermittlungen begann.

Das Buch wird zunehmend immer spannender, weil man die ganze Geschichte endlich einmal komplett aus Snowdens Sicht erfährt. Dabei geht er detailliert darauf ein, wie die Geheimdienste die Menschen ausspähen.

Nicht nur „böse“ ausländische Terroristen, nicht nur Amerikaner, sondern alle Menschen der Welt und das ist das Fazit des Buches. Wenn dagegen nichts unternommen wird, werden alle Menschen nicht in einem totalen Überwachungsstaat, sondern in einer totalitären Überwachungswelt leben. Es spielt dann keine Rolle mehr, ob es sich um eine Diktatur wie beispielsweise China oder um ein demokratisches System wie die USA handelt. Es wird mittels Computer, Tablet, Smartphone ausnahmslos alles ausgespäht, abgehört, überwacht und, weil man es vielleicht irgendwann gebrauchen könnte, auf immer und ewig gespeichert: Permanent Record.

Der Titel ist doppeldeutig. Zum einen bedeutet er, dass alles immer aufgenommen wird und zum anderen, dass alles für immer gespeichert wird.

Die NSA wisse genau, ob man Permanent Record lese, führte Snowden aus. Ob man das Buch legal oder illegal heruntergeladen habe, ob man es in einem Buchgeschäft gekauft hat: Die NSA wisse, dass man es lese, wann man es lese, ob man es von vorne oder quer lese und wie lange man sich auf einer bestimmten Buchseite aufhalte.

So gesehen sind die Dinge, die in Permanent Record ausgeführt sind, ein einziger Albtraum!

Das Internet vergisst nie, heißt es so schön. Die amerikanischen Geheimdienste, die über jeden Menschen alles wissen, der in seinem Leben einmal einen Computer oder ein Telefon angerührt hat, vergessen ebenfalls nichts.

Es gibt ja immer Leute, die sagen, sie hätten kein Problem damit, ausgespäht oder beobachtet oder abgehört zu werden. Sie hätten doch nichts zu verbergen.

Diesen Leuten hat Snowden auch etwas zu sagen. Diese Leute geben ihre Privatsphäre auf, weil sie im Umkehrschluss behaupten, dass Privatsphäre nur etwas für Personen sei, die etwas zu verbergen hätten.

Aber zu sagen, dass man keine Privatsphäre brauche oder wolle, weil man nichts zu verbergen habe, ist gleichzeitig mit der Annahme verbunden, dass niemand etwas zu verbergen hätte, und dazu gehört beispielsweise auch, ob man arbeitslos war oder ist, wie es mit den Finanzen so bestellt ist oder mit der Gesundheit. Man nimmt dann an, dass niemand, sich selbst eingeschlossen, nichts dagegen hat, offen zu legen, welche Filme man gern sieht und welche Musik man gern hört, aber auch, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört und welche sexuellen Vorlieben man hat und wie oft man diesen nachgeht.

Wenn jemand sagt, Privatsphäre kümmere ihn nicht, weil er nichts zu verbergen habe, dann könnte er gleich sagen, Redefreiheit kümmere ihn nicht, weil er nichts zu sagen habe. Oder Presse-freiheit kümmere ihn nicht, weil er nicht gern lese. Oder Religionsfreiheit kümmere ihn nicht, weil er nicht an Gott glaube. Oder das Recht auf Versammlungsfreiheit kümmere ihn nicht, weil er faul und asozial sei und Platzangst habe, meint Snowden.

Nur weil diese oder jene Freiheit Ihnen heute vielleicht nichts bedeutet, heißt das nicht, dass sie morgen keine Bedeutung hat – für Sie oder für Ihren Nachbarn.

Die Regierung der Vereinigten Staaten erklärte kurz nach der Veröffentlichung des Buches Mitte September, sie werde Snowden bzw. dessen Verlag verklagen.

Snowden habe es versäumt, das Manuskript vor Veröffentlichung dem CIA oder der NSA zur Prüfung vorzulegen. Er habe ferner nicht abgewartet, dass CIA oder NSA der Veröffentlichung zustimmen.

Das ist keine Satire! Die sind wirklich so! Einen Tag nach dieser Stellungnahme der US-Behörden landete das Buch auf Rang eins der Bestseller-Weltrangliste.

„Die Regierung will nicht, dass das Buch gelesen wird“, twitterte Snowden und führte aus, dass es kaum möglich wäre, dem Buch mehr Authentizität zuzubilligen: Die Regierung klage, weil die im Buch ausgebreitete Wahrheit gegen das Gesetz verstoße.

Beitragsquelle : Euer Walter Weiß

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