Kurzgeschichten im Januar 2019

Kurzgeschichten im Januar 2019

Verfolgungsjagd

Pierre Carreaux starb auf eine Art, auf die er in seiner Fantasie niemals gekommen wäre. Er musste sozusagen durch die Realität überzeugt werden. Pierre verdiente sein Brot als Dauerlauf-Testfahrer bei den Bayrischen Motorenwerken. In dieser Zeit heiratete er Katharina, eine Blondine aus dem Direktorentrakt, so schnittig wie die BMWs, die er fuhr. Er war erst knapp über zwanzig und Katharina noch knapp darunter. Weill Katharina eine Vorliebe für teure Pelze, exquisite Restaurants, Hotels und Yachten entwickelte, wurde in der Ehe bald das Geld knapp, obwohl Pierre und sie gut verdienten. Pierre bewarb sich daher in die Riege der Fahrer, die für die Firma in der Formel 1 fuhren. Auch seine Frau hatte Spaß an schnellen Autos und sie ersetzte ihn bald an seinem Arbeitsplatz auf den Teststrecken in Aschheim und South Carolina. Als die Ehe kriselte, war Pierre bereits weltbekannter Formel 1 Pilot. Als die bösartig missgünstige Scheidung kam, war er unter die ersten drei der besten Fahrer aufgestiegen. Seine Frau war noch vor der Scheidung zu Ferrari in Italien gewechselt. Formel 1 Rennen verbanden schon immer Hochtechnologie, Geschwindigkeit und laszive Erotik. Man warb nicht nur mit markanten Gesichtern der Piloten und Ideallinien in der Kurve, sondern auch mit den rassigen Kurven der Boxenluder. Warum nicht beides verbinden, und so ein Luder selbst fahren lassen? hatte man sich bei Ferrari gefragt. Und Katharina wurde die erste Frau, die in die Weltspitze der Formel 1 vorstieß. Sie brauchte dafür alle möglichen Genehmigungen, Beischlafe und Sondergenehmigungen, aber es ging. Die Boulevardpresse trat nützlicherweise den pikanten Hintergrund der neuen Konkurrenz breit. Die beiden waren mal verheiratet! Obwohl inzwischen längst anders liiert, er mit einem Model und sie mit einem Reeder. Niemand wusste, wo Katharinas wahre Motive lagen. Pierre fuhr Rennen aus Technikleidenschaft, aus Lust an der Geschwindigkeit und der Millimeterarbeit auf der Piste. Katharina fuhr aus Hass. Er war ihr immer voraus gewesen. Nun wollte sie ihn schlagen. Sie schlug ihn nicht, sie holte ihn aber ein. Es war in Monaco in der berühmten Kurve Grand Hotel Hairpin, wo sie sein linkes Hinterrad in ihr rechtes Vorderrad verhakte. Beide Boliden und ihre Fahrer hoben ab, verschränkten sich noch in der Luft zu einem Knäuel aus Kunststoff und Aluminium und landeten dutzende Meter weiter als ein einziger Feuerball am Rand der Piste. Im Tode waren sie wieder vereint, schrieb die Presse.

Pierre Carreaux

Sie meint es ernst. Hoppla, schon wieder ein Überholmanöver. Nein, das ist kein take it easy. Katharina, mein Mädchen, mein Hase – du riskierst dein Leben. Hat man dir in deinem Rennstall nicht gesagt, dass zweihundertsiebzig Sachen für diese kurze Gerade zu viel sind? Wenn du runterbremst verschleuderst du so viel Material, dass deine Karre auf keinen Fall die achtundsiebzig Runden durchhält. Du fährst vollen Verschleiß. Ich sehe dich im Rückspiegel. Noch drei Wagen hinter mir, jetzt noch zwei. Katharina, mein Engel, du bist verrückt. Hör auf damit, hör auf deine Trainer, die dir aufgeregt am Pistenrand Zeichen machen. Hör auf, Kathi, hör bitte, bitte auf! Jetzt noch ein Wagen zwischen dir und mir. Ich hol schon alles raus, was noch vertretbar ist, aber du kommst näher, immer näher. Jetzt sitzt du hinter mir. Vierzehntausend Umdrehungen, sechzehntausend, achttausend, 213 km/h. Wirst du wohl runter drehen! Oder willst du rausfliegen? Legst du es darauf an? Gestorben bei der Verfolgung ihres Ex Mannes. Lächerlich. Hoppla, jetzt wäre ich fast selber rausgeflogen. Habe durch Powerslide ein paar Meter eingebüßt. Katharina, meine Süße, du wirst langsam frech und zum Problem. Du weißt, dass ich dich niemals vorbeilassen werde. Nicht dich. Auch wenn du jetzt in der Rechtsschleife ausscherst und zum Überholen ansetzt. Hörst du die Motoren fauchen und die Reifen pfeifen? Das sind die Vorboten der Hölle. Darin liegt kein Segen, Kathi, Kathi, Kathi, darin liegt der … Den letzten Gedanken kann Pierre nicht mehr zu Ende denken, denn da ist sein Kopf schon ein blutiger Ball in einem eingequetschten Helm, kreiselnd in der Luft.

Katharina

Er hat mich bei Empfang beim Fürsten gestern Abend noch nicht mal gegrüßt. Na warte, Verfluchter! Du entkommst nicht mehr. Ich bin am Ziel. Noch drei Wagen zu killen und dann ich hinter dir. Ahnst du, was passieren wird? Ich wünschte, ich könnte bei dir jetzt im Cockpit sitzen und hören, was du zu sagen hast. Noch zwei Wagen … noch einen. Den kassier ich auch noch. Lasst mich, ihr Jungs am Straßenrand und im Kopfhörer, hört auf Zeichen ins Visier einzuspiegeln. Hach, verlangsamen, nicht mit mir. Ihr wollt, dass ich dieses Rennen gewinne. Ich habe heute ein anderes Ziel. Ich will auch eins gewinnen, mein Lebensrennen gegen das Arschloch da vorn. Und wenn es auch das Grab bedeutet, das heiße, schnelle Grab … Ich könnte singen … In mir ist ein Frohlocken bei Tempo 136 in der Saite Dévote. Noch ein paar Meter, noch fünf Meter. Was Pierre, du rutschst? Eine kleine Übersteuerung. Du verlierst Distanz? Du verlierst! Mach´s gut Pierre. Wir sehen uns in der Hölle. Ein kleiner Tick am Steuer nach rechts. Ach, wie wohl mir doch wird …

Eilmeldung

Auf der Rennstrecke der Formel 1 in Monaco ereignete sich vor wenigen Minuten ein ebenso grauenhafter wie tragischer Unfall. Das ehemalige Ehepaar Pierre und Katharina Carreaux kam bei einem Überholmanöver der Frau ums Leben. Beide Wagen flogen nach der Karambolage in die Luft, wurden beim Aufprall bis zur Unkenntlichkeit zerstört und brannten aus. Zuschauer kamen nicht zu schaden dank der verschärften Sicherungsmaßnahmen an der Rennpiste. Die Welt trauert um zwei ihrer besten Fahrer. Ferrari und BMW haben Nachrufe angekündigt und tiefe Betroffenheit signalisiert. Fest steht schon jetzt, dass es eine Untersuchungskommission geben wird. Sie wird ermitteln, ob sich das Gerücht bewahrheitet, das in Umlauf ist: Dass nämlich Katharina Carreaux ihren Mann mit Absicht angefahren und den eigenen Tod in Kauf genommen hat.

 

BEGEGNUNGSZENTRUM PATTAYA

SCHREIBGRUPPE

WOLFGANG RILL

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