Im Krankenhaus

Im Krankenhaus

Ein Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er lebt mit seiner thailändischen Ehefrau in einem beschaulichen Haus in Pattaya. Seine Frau klagte eines Abends – natürlich muss es dann immer abends sein, am besten Freitagabend – über merkwürdige Symptome. Sie sah nur noch schwarzweiß, soweit sie überhaupt etwas erkennen konnte. Ihre Füße schmerzten, sie konnte sie kaum noch bewegen. Als sie trotzdem gehen wollte, brach sie zusammen und zuckte wie bei einem Krampfanfall.
Der von Ehemann und den Nachbarn herbeigerufene Krankenwagen, der zu einer Rettungsstiftung gehörte, traf etwa 15 bis 20 Minuten später ein. Bei einem Herzinfarkt wäre das schon knapp geworden. Zum Glück war es kein Herzanfall. Was es nun war, entzog sich völlig der Kenntnis meines Freundes, der von so etwas noch nie gehört, geschweige denn, es mit eigenen Augen gesehen hat.
Die Sanitäter maßen den Puls. Die Herzfrequenz war so schlecht nicht. Die Patientin kam auf eine Trage und dann in den Krankenwagen. Mein Freund stieg ebenfalls ein, und dann begann die Fahrt ins nächste Krankenhaus, das Bang Lamung Hospital.
Die Fahrt war so holprig, dass jemand mit einem Bandscheibenvorfall als geheilt aus dem Krankenwagen hätte steigen können, weil während der Fahrt alles wieder an den richtigen Platz gehämmert worden wäre. Ansonsten bestand die Ausrüstung in der Ambulanz aus einem Puls- und einem Blutdruckmesser und einer Sauerstoffflasche. Das war alles. Um noch einmal auf einen möglichen Herzanfall zurückzukommen: Wer 20 Minuten warten muss, um dann in einen Krankenwagen ohne Geräte verladen zu werden, wird es nicht schaffen. Der medizinische Fachausdruck dafür lautet DOA. Dead On Arrival.
Da es schon spätabends war, waren die Straßen frei und es ging zügig voran. Ankunft in der Notaufnahme. Hier war allerlei los. Leute, die schwach auf der Brust aussahen, Leute, die im Rollstuhl oder auf Betten herangerollt wurden. Hinkende Leute, lahmende Leute, blutüberströmte (Motorrad-Verkehrsunfall) Leute. Bei diesem Anblick müssen auch Gesunde krank werden.
Mein Freund wurde nach etwa einer halben Stunde Wartezeit zum Arzt gerufen. Er wollte sich nicht festlegen und zunächst ein CT des Gehirns anfertigen lassen.
Auf zum CT. Die Patientin wurde in die Röntgenabteilung gerollt, die Computertomographie recht schnell erledigt. Zurück ging es in die Notaufnahme.
Mit dem Arzt konnte mein Freund nicht mehr sprechen, nur noch mit den Schwestern. Die sagten ihm, seine Frau müsse zur Beobachtung über Nacht dort bleiben.
Sie wurde dann in die Frauenabteilung geschoben, ein anderer Flügel im Hospital. Dort ging es mit dem Lift in das zweite oder dritte Stockwerk und dann durch zwei Krankensäle in einen dritten Krankensaal. An einer Seite standen etwa sieben Betten, auf der anderen Seiten ebenfalls. In der Mitte ein Durchgang, um die Betten zu erreichen. Hier standen auch Betten, weil sonst kein Platz war. Daher wurde das Bett der Ehefrau in den Gang gleich neben dem Schwesternzimmer gestellt.
An manchen Patientinnen waren Herzmonitore angeschlossen, es piepte. Piepte es zu langsam, weil der Puls absackte, gab es einen Alarm. Diese Warntöne schienen die Schwestern aber nicht zu interessieren.
Meinem Freund wurde ein Zettel von der Größe einer Visitenkarte in die Hand gedrückt. Auf dem Stand auf Thai, was er für seine Frau einkaufen sollte. Wer kann schon Thai? Er ging hinaus auf die Straße und fragte nach dem nächsten Supermarkt. Dort drückte er einer netten Angestellten den Zettel in die Hand, die die Sachen wie Seife, Zahnpasta etc. für ihn heraussuchte.
Wie durch ein Wunder fand er durch das Labyrinth des Hospitals in den Krankensaal zurück. Seine Frau war ansprechbar, aber sehr schwach.
Am nächsten Morgen kam er zum Krankenbesuch. Inzwischen lag die Diagnose vor. Seine Ehefrau hatte einen Zuckerschock erlitten, weil sie unter Diabetes litt. Dieser Schock hatte zu einem Krampfanfall geführt. Sie bekam nun mehrere Medikamente, hing am Tropf (Salz) und wurde auf strikte Diät gesetzt. Mehrmals pro Tag wurde ihr Blutzuckerwert gemessen, der anfangs astronomisch hoch war.
Am nächsten Tag machte die Patientin schon einen guten Eindruck und wirkte recht munter. Entgegen der meisten anderen Patientinnen, von denen manche aussahen, als lägen sie in den letzten Zügen.
Ab und zu kam eine Ärztin und sah nach dem Rechten. Die Krankenschwestern kümmerten sich gut um die Patientinnen, berichtete die Ehefrau. Sie taten ihr Bestes, trotz der Überbelegung der Station.
Am vierten Tag wurde die Patientin entlassen, die seither mit erheblichen Einschränkungen leben muss, was die Ernährung betrifft. Thailand ist kein einfaches Land, wenn man sich gesund, d.h. zuckerfrei ernähren will. Das merkt man erst, wenn man auf Speisen angewiesen ist, die keinen Zucker enthalten. Kein Wunder also, dass es in Thailand so viele Diabetiker gibt.
Viele Leute wissen wahrscheinlich auch gar nicht, dass sie Diabetes haben und merken es womöglich erst, wenn es zu spät ist. Die Krankheit ist kein Spaß und keinesfalls harmlos, weil es zu Nervenschädigungen kommen kann. Daher ist es ratsam, lieber einmal zu oft als zu selten den Blutzuckerspiegel kontrollieren zu lassen.
Zum Schluss noch zu den Kosten. Da die Ehefrau in Pattaya im Rahmen der Allgemeinen Krankenversicherung versichert ist, bezahlte sie für den Krankenhausaufenthalt, für die Behandlungen und für die Computertomographie insgesamt 30 Baht.

Euer

Walter Weiß

Ähnliche Beiträge