„Gib mir die Kugel!“

„Gib mir die Kugel!“

Nein, keine Angst, das ist keine Aufforderung, mich zu erschießen. Es ist nur ein Hinweis  auf das Spiel oder die Sportart, die im Begegnungszentrum gern gespielt wird. Wir nennen es „Boule“, was auf Französisch „Kugel“ heißt oder „Pétanque“.
Unsere Art zu spielen ist manch mal verschieden von den offiziellen Vorschriften, bisweilen spielen wir auch nach Regel.
Es finden sich zwei Mannschaften zu je zwei oder drei Personen zusammen. Jeder erhält zwei oder drei Kugeln aus unserem Bestand im Zentrum. Ein Spieler der Mannschaft, die  zuletzt gewonnen hat, eröffnet  das Spiel. Es gilt, die Metallkugel, die etwa 800 Gramm wiegt, möglichst dicht an das Cochonnet (Schweinchen) zu platzieren. Das Schweinchen wirft der erste Spieler vorher in eine Entfernung von sechs bis zehn Metern.
Es folgt ein Spieler der gegnerischen Mannschaft. Kommt er mit seiner Kugel an das Schweinchen näher heran als der erste Werfer, darf die erste Mannschaft wieder werfen. Es sind also immer die Leute dran, von denen gerade keine Kugel am nächsten zum Schweinchen liegt. Man darf mit der Wurfkugel auch das Schweinchen verschieben, so lange es nur im Spielfeld verbleibt, oder gegnerische Kugeln wegschießen. Gelingt es einem Spieler nicht, die andere Mannschaft zu übertreffen, so muss er oder ein anderer aus seiner Mannschaft weiter werfen, bis entweder eine größere Nähe zum Schweinchen erreicht ist oder bis die Mannschaft keine Kugeln mehr hat. Auch die bessere Mannschaft darf am Ende ihre restlichen Kugeln verwerfen, um vielleicht mehr Punkte zu erreichen.
Zum Schluss werden alle Kugeln der Siegermannschaft gezählt, die näher am Schweinchen liegen als die nächste Kugel der Gegner. Sieger ist, wer zuerst 13 Punkte erreicht.
Man kann natürlich auch zu zweit oder zu viert spielen. Manchmal, wenn viele Leute mitspielen wollen, geht auch vier gegen vier. Die Zahl der Kugeln pro Spieler legen wir flexibel aus. Oft finden sich zwei Gruppen zusammen, die einfach alle Kugeln verwerfen, die vorhanden sind. Großen Spaß macht es, wenn eine „Damenmannschaft“ gegen eine „Herrenmannschaft“ antritt. Die Damen gewinnen oft. Sie haben vielleicht das bessere Wurfgefühl.
In Thailand ist Pétanque sehr beliebt und verbreitet. Ich habe schon Felder mit Beleuchtung auf Koh Sichang, in Ban Chang und in Udon Thani gesehen. Es scheint so, dass fast jede Ortschaft irgendwo ein Stückchen Land dafür bereithält. In Pattaya gibt es nicht nur unser kleines Feld, sondern auch eine größere Anlage in der Nähe der Thepprasit Road, wo vor allem Franzosen spielen. Dort werden auch Meisterschaften ausgetragen. Eine Lichtanlage ist von Nutzen, weil es mittags in der prallen Sonne oft zu heiß ist, andererseits das Spiel am Abend begrenzt ist, weil es in Thailand früh dunkel wird. Auch unsere kleine Anlage im Begegnungszentrum hat Flutlicht.
Gebaut haben sie im Jahr 2015 einige Besucher des Zentrums. Die Idee mit den blauen Rohren als Begrenzung hat sich bewährt. Schwierig war es, den richtigen Sand zu finden. Er sollte nicht zu feinkörnig, aber auch nicht zu grob sein und eine einigermaßen feste Oberfläche bilden. In einer Kiesgrube bei Si Racha wurden wir fündig. Seit der Fertigstellung haben auf unserer Anlage schon Hunderte von Spielen stattgefunden. Im Begegnungszentrum liegen Kugeln bereit und jeder, der einen oder mehrere Gleichgesinnte findet, kann spielen. Es kostet nichts; eine kleine Spende fürs Zentrum ist aber willkommen.
Es ist interessant, was Wikipedia und andere Adressen über das Spiel schreiben. So wird berichtet, dass schon 460 vor Christus der Arzt Hippokrates das Kugel-Wurfspiel empfohlen hat, vermutlich aus medizinischen Gründen. Die Römer warfen die Kugeln überall in ihrem Imperium mit Genuss und jeder, der einmal in der französischen Provinz war, hat unter Platanen sicher schon die Gruppen von Männern und Frauen gesehen, die stundenlang und mit großem Ernst ihre „ruhige Kugel schieben“. Im Mittelalter war das Spiel in Frankreich sogar oft verboten, vielleicht, weil es Spaß macht und Spaß sollte nicht sein. Im Jahr 1900 schließlich war Boule Bestandteil der Sportarten bei den ersten Olympischen Spielen in Paris. Später wurde es aber wieder aus der offiziellen Liste gestrichen. Schließlich berichtet Wikipedia auch von vielen Abarten des Spiels, zum Beispiel dem „Boccia“, das Konrad Adenauer in Deutschland bekannt gemacht hat, und davon dass Kugeln schon mal explodiert sind,
weil sie mit Zement gefüllt waren. Weltweit gibt es Clubs und Verbände für den Boulesport, von denen viele sich in der Confédération Mondiale des Sports de Boules (CMSB), also dem „Weltverband der Kugelsportarten“ zusammengeschlossen haben.
So weit sind wir im Begegnungszentrum noch nicht. Es ist nicht unser Ehrgeiz, einen Verband zu gründen oder einem beizutreten. Wir freuen uns einfach, wenn sich ein paar Spieler zusammenfinden und gemeinsam die „ruhige Kugel schieben“. Am ehesten findet man Gleichgesinnte zu den Zeiten, die im Wochenprogramm des Zentrums angekündigt werden, also von Dienstag bis Samstag ab vier Uhr nachmittags.

Wolfgang Rill

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