Ein Erlebnis der anderen Art

Ein Erlebnis der anderen Art

Inzwischen ist es eine Binsenweisheit: Von deutschen Expats wird dauernd gemeckert! Manchmal berechtigt, gern auch unberechtigt. Von den Renten, die viel zu gering sind, über die bösen Gutmenschen bis zu den teuren Asylanten sich darüber aufzuregen scheint noch vor dem Fußball die wichtigste Sportart der Deutschen zu sein. Wer meckert, fühlt sich besser. Er ist überlegen, hat Durchblick und weiß, wie die Dinge angepackt werden sollten. Wenn der Deutsche nicht meckern darf, dann sucht er Ersatz, dann nörgelt er.

In dem Fuder all des Gezeters hier mal ein Halm der Freude. Es gibt Erfreuliches in der Welt, auch in Thailand:

Ein besonders beliebtes Objekt der Verdammung ist die thailändische Immigrationsbehörde. Gerade mit dieser viel gescholtenen Behörde habe ich kürzlich etwas erlebt, womit ich niemals gerechnet hätte, was mir vorkam wie ein Wunder.

Den meisten wird bekannt sein, dass ein längeres Visum (Dreimonatsvisum, Jahresvisum) verfällt, wenn bei einer Einreise ein „Visa on Arrival“, also ein vierwöchiges Touristenvisum in den Pass gestempelt wird. Mir ist im Rahmen eines Passwechsels genau das passiert. Da war ich selber schuld.

Das Jahresvisum war verfallen. In Deutschland habe ich daraufhin ein Dreimonatsvisum beantragt und erhalten. Das hieß: einen Stapel Nachweise und Formulare vorbereiten, zweimal hundert Kilometer bis Frankfurt fahren, Visumgebühr bezahlen – die übliche Tortur. Froh über mein neues Visum reiste ich Wochen später wieder in Thailand ein.

Der Beamte bei der Passkontrolle am Flughafen stempelte scheinbar ordnungsgemäß und winkte mich durch. Wieder machte ich den Fehler, den erfahrene Reisende empfehlen zu vermeiden: Ich guckte nicht gleich nach.

Erst in Pattaya sah ich, dass ich – holst der Teufel wieder ein „Visa on Arrival“ im Pass hatte! Mein mühselig erworbenes Dreimonatsvisum war verfallen. Ich hätte mich in den A… beißen können, wenn das anatomisch möglich wäre. So beschloss ich nur, am nächsten Tag zur Immigration in Jomtien zu fahren, um vielleicht noch zu retten, was zu retten ist.

Und dann das Wunder. Früh am nächsten Morgen, einem Montag, klingelt in meinem Condo das Telefon. Dran ist die Dame aus unserem Office im Parterre. Sie bittet mich, gleich mal runter ins Office zu kommen. Es sei ein Herr von der Immigration da, der mich zu sehen wünscht. Ich solle bitte meinen Pass mitbringen. Mir rutscht das Herz in die Hose. Habe ich etwas falsch gemacht? Muss ich einen Haufen Geld bezahlen für irgendetwas? Werde ich jetzt verhaftet?

Der Herr, ein junger Mann in blauem T-Shirt und Jeans steht neben dem Pool und begrüßt mich freundlich. Sein Englisch ist nicht besonders gut. Er bittet, dass wir uns an einen Tisch setzen.

Dann blättert er in meinem Pass. Aha! Er sieht den Stempel des „Visa on Arrival“. „Der ist falsch“, sagt er. Mir klappt vor Staunen die Kinnlade runter, denn jetzt fördert er aus einem Köfferchen eine Büchse mit Stempeln und Stiften hervor. Mit einem Kuli streicht er das Enddatum des Touristenvisums durch und ersetzt es durch das Enddatum meines Dreimonatsvisums. Noch ein Stempel drauf, Unterschrift – das wars. Ich freue mich und er freut sich offenbar auch, dass die Sache bereinigt ist.

Ich frage ihn, wie er denn darauf kam, dass da bei einem der Hunderte Touristen, die täglich durch seine Sperre gehen, bei einem etwas schiefgelaufen ist, ausgerechnet bei mir. Seine Erklärung ist nicht sehr verständlich, ich entnehme ihr aber, dass er von Bangkok in seinem Auto extra hierhergefahren ist, um den Fehler zu berichtigen. Wir scheiden in Freundschaft.

Ist das nicht großartig? Wer hätte so etwas gedacht? Es muss wohl Genosse Computer gewesen sein, der gemeldet hat, dass da einer mit einem Langzeitvisum eingereist ist und dann ein Kurzzeitvisum erhalten hat. Ich danke dem Computer und ich danke besonders dem jungen Mann, der extra nach Pattaya kam.

Seither ist die Immigrationsbehörde in meiner Achtung gestiegen. Sicher, es gibt dort manches Unverständliche, manchen scheinbar unsinnigen Papierkram und anderes – aber es gab auch diesen jungen Mann, der einen Fehler von sich aus und sehr freundlich wieder ausbügelte.

Beitragsquelle : Pattaya, Wolfgang Rill

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