Dreißig Jahre Mauerfall

Dreißig Jahre Mauerfall

Am 18. Oktober 1989 wurde ich vom dreimonatigen Reservedienst der NVA entlassen. Daran erinnern kann ich mich deshalb so gut, weil Erich Honecker an diesem Tag zurückgetreten ist.

Kurz bevor ich zur Reserve musste, haben wir unsere DreiRaum-Wohnung in Cottbus mit einer Vier-Raum-Wohnung getauscht. Unsere Vormieter hatten die Wohnung in einem Zustand hinterlassen, welcher eine Vollrenovierung unbedingt erforderlich machte.

Dreißig Jahre Mauerfall

Da meine Familie (Kinder sieben und 13 Jahre und NochNicht-Exfrau) schon ein Viertel Jahr in der nicht renovierten Wohnung lebte, weil ich ja „unser sozialistisches Vaterland verteidigen“ musste, blieb mir nichts weiter übrig, als mich in meiner gesamten Freizeit als Maler zu betätigen. Mangels Handwerkern musste man als gelernter DDR-Bürger solche Arbeiten selbst erledigen.

Als Schabowski im Fernsehen, auf die Frage eines italienischen Journalisten, ab wann die Reisefreiheit für DDR-Bürger denn gelte, antwortete: „Ab sofort, unverzüglich“, wäre ich fast von der Leiter gefallen. Ich war gerade beim Tapezieren der Wohnzimmerdecke, der Fernseher lief in diesen unruhigen Zeiten fast den ganzen Tag.

Erst als dann alles in der Tagesschau bestätigt wurde, hat es auch meine Frau geglaubt. Dass an diesem Tag bereits die Mauer fällt, habe ich da noch nicht geahnt. Als sich an der Bornholmer Straße und anderen Grenzübergängen große Menschenansammlungen bildeten, habe ich aufgehört zu Tapezieren und nur noch ungläubig auf die Glotze gestarrt.

Es muss so gegen 22:30 Uhr gewesen sein als die Mauer fiel. Ich bekomme heute noch Gänsehaut und manchmal auch feuchte Augen, wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe. Dreißig Jahre Mauerfall

Für mich persönlich hat der 3. Oktober genauso viel Bedeutung wie der Reformationstag. Ein Tag zum feiern, ist und bleibt für mich der Tag an dem die Mauer fiel. Vielleicht hätte die Mauer erst zwei Stunden später fallen sollen, also erst am 10. November. Er wäre dann wahrscheinlich der Tag der Deutschen Einheit geworden.

Der 9. November ist als nationaler Feiertag ungeeignet, da er schon als Gedenktag an die Reichskristallnacht 1938 besetzt ist.

Ja, wie ging es weiter? Die Ereignisse überschlugen sich, alle fuhren nach West-Berlin. 100 DM Begrüßungsgeld, ein Vermögen. Kurz vor Weihnachten hat man bis zu 1.800 DDR-Mark für 100 DM bekommen, das waren zwei bis drei Monatslöhne.

Ich war im durchgehenden Vier-Schichtsystem beschäftigt, die Wohnung musste auch fertig werden. Die Kinder mussten auch samstags zur Schule. Mitte Dezember haben wir uns dann doch endlich mal einen Tag frei genommen und sind mit unserem Trabbi nach Schönefeld gefahren.

Wir sind dann über die GreDreißig Jahre Mauerfallnzübergangsstelle Rudow gelaufen. In West-Berlin haben Busse gewartet, welche uns zum Rathaus Steglitz brachten. Nach einer halben Stunde Anstehen, hatten wir 400 DM Begrüßungsgeld in der Hand. Wir sind dann in Steglitz durch verschiedene Geschäfte und Kaufhäuser gelaufen und sind aus dem Staunen nicht heraus gekommen.

Dadurch, dass alles weihnachtlich dekoriert war, war alles noch faszinierender. Eine Mango war das Erste, das ich mir kaufte, war aber enttäuscht. Ich wusste nicht, dass Mangos nachreifen.

Im folgenden Jahr war ich vielleicht noch fünf bis sechsmal in West-Berlin. Heute wird Berlin von mir nur noch weiträumig umfahren, da es sich meiner Ansicht nach sehr zum Nachteil entwickelt hat.

 

Beitragsquelle : Rainer Müller, Brandenbur

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