Die unbequeme Wahrheit

Die unbequeme Wahrheit

Ende März wurde Thailands Tourismusindustrie durch eine der größten Billigfluglinien der Welt gefördert. Allerdings auf eine Weise, die sich niemand hätte träumen lassen, schreibt Kolumnistin Sirinya Wattanasukchai.
„Get off in Thailand. Fliegen Sie direkt von Brisbane nach Bangkok“ lautete der Anzeigentext, der für Direktflüge aus der australischen Stadt in die thailändische Hauptstadt warb. Die Anzeige wurde zum Stadtgespräch. Für viele war es ein schlechter Witz, andere sahen darin die unbequeme Wahrheit.
Zum Verständnis: „Get off“ kann „aussteigen“ bedeuten, gleichzeitig steht es aber auch umgangssprachlich für „zum Höhepunkt kommen“.
Der Online-Aufschrei führte dazu, dass die Billigfluglinie sich entschuldigte und die kontroverse Anzeige zurückzog. Die Kritik ging aber weiter.
Das war nicht die einzige Anzeige in dieser Richtung. Es gibt eine weitere, die ebenfalls doppeldeutig ist mit dem Wortlaut „Cheap enough to say, Phuket I’ll go“.
Merkwürdigerweise gibt es nur selten etwas von der Regierung in der Richtung zu hören, was diese davon hält, wenn für Thailands Sexindustrie (unfreiwillig) geworben wird.
Vielleicht waren Premierminister General Prayuth Chan-ocha und Kabinettsmitglieder wie Vira Rojpojchanarat oder Weerasak Kowsurat zu sehr mit den Wahlergebnissen beschäftigt. Da bemerkten sie nicht, wie heiß das Thema diskutiert wurde.
Unnötig zu sagen, dass die Anzeige zeigt, welche Intention die Fluggesellschaft hat und wie sie ihre Kundschaft sieht. Es ist aber auch ein Spiegel über Thailands Image und wie die Welt das Land sieht und was sie über Thais denkt.
Internetnutzer, die sich über die Werbung aufregten, haben dasselbe alte Argument benutzt, wonach Thailand ein buddhistisches Land sei. Das ist für mich immer dieselbe alte Scheinheiligkeit.
Die Leute neigen häufig dazu, sich selbst und andere davon überzeugen zu wollen, dass Thailand ein buddhistisches Land ist und dass die Gesellschaft strikt buddhistischen Lehren folgt. Wenn man aber längere Zeit in Thailand verbracht hat, kann man beobachten, wie die fünf höchsten buddhistischen Regeln im täglichen Leben unbeachtet bleiben. Man muss nur einen Blick auf die Titelseite von Zeitungen werfen: Tag für Tag Mord, Raub, Vergewaltigung und Ehebruch.
Die thailändische Tourismusbehörde TAT zeigt der Welt ein statisches Bild des Landes: als ob wir noch in Holzhäusern in traditionell thailändischer Architektur leben würden und zur Arbeit mit dem Boot fahren oder mit dem Elefanten reiten.
Es ist doch so, dass unser Lebensstil sich total verändert hat und wir mit dem Image, das die thailändische Touristenbehörde zeigt, nichts mehr zu tun haben.
Wir können nicht davor die Augen verschließen, dass Sexarbeiterinnen einen großen Anteil an der Tourismusindustrie haben. Sie sind aber weder kranken- noch sozialversichert.
Für diejenigen, die die Werbung anstößig finden: Glauben Sie wirklich, dass die Touristen nach Pattaya oder Phuket kommen, um traditionellen Thaitanz zu sehen und Tempel zu besuchen? Und ist es nicht an der Zeit, dass wir Phuket anders transkribieren. Phuket wäre nahe liegend. Glauben wir wirklich, dass Frauen vor den Bars in der Patpong sitzen, hineingehen und sich dort traditionelle Kostüme anziehen und traditionelle Thaitänze an der Silberstange aufführen?
Der Vorfall mit AirAsia erinnert mich an den Zwischenfall Mitte 1993, als das ganze Land wütend war, weil die thailändische Hauptstadt im Longman Dictionary of English Language and Culture als Stadt beschrieben wurde, die bekannt für ihre Tempel und die vielen Prostituierten ist.

Die unbequeme Wahrheit
Die unbequeme Wahrheit

Es gab Proteste und Bücherverbrennungen. Der Druck wurde so groß, dass die Macher von Longman den Text änderten.
Es wird in älteren Publikationen auch immer wieder darauf hingewiesen, dass  Prostitution in Thailand illegal sei. Doch die Anzahl der Prostituierten wird auf über eine Million geschätzt, viele von ihnen minderjährig.
26 Jahre später hat sich unser Image kaum geändert. Ich bin sicher, dass der Text nicht geändert worden wäre, hätte es keine Beschwerden gegeben.
Zurück in die Gegenwart. Einen Tag, nachdem AirAsia in den Nachrichten war, stieß ich auf eine ähnliche Meldung, die allerdings Amsterdam betraf. Die Stadtväter überlegen, ob sie 2020 die beliebteste Rundreise in der Stadt verbieten sollen – den Rotlichtbezirk.
Natürlich ist Amsterdam bekannt für mehr als das neu restaurierte Rijksmuseum oder das Anne-Frank-Haus. Der Rotlichtbezirk ist ebenfalls eine beliebte Sehenswürdigkeit. Die Stadt ist besorgt über die Sexarbeiterinnen und will ihnen Peinlichkeiten ersparen.
Die Stadtverwaltung finde es nicht angemessen, wenn Touristen die Sexarbeiterinnen anzüglich anstarren, hieß es seitens der Stadtverwaltung.
In Thailand wird sich meiner Meinung nach nichts ändern. Eines ist allerdings sicher: Ab und zu werden wir wütend.

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