Die Sache fängt an ungemütlich zu werden …

Die Sache fängt an ungemütlich zu werden …

von Wolfgang Rill

Bei der Bundeswehr entsorgte Peter Vollmund gern Blindgänger. Das waren die Granaten, die in der Kanone aus irgendeinem Grund nicht zündeten. Es war ein Prickeln, so eine 4,5-Zentimetergranate in der Hand zu halten und sie bis zur Blindgänger-Grube, weit weg von den Panzern, zu tragen. Die Zurufe der Kameraden genoss er: Wenn sie heiß wird, fallen lassen und rennen! Oder: Bis gleich oder später, viel später!
Später waren es dann Autorennen. Illegale, versteht sich. Seinen Beruf als Fernmeldetechniker bei der Post übte Peter eigentlich nur deswegen aus, weil er seine Rennkiste finanzieren wollte. Für Schlafen, Essen und Trinken sorgte Mama, die ihn sehr liebte.
Noch viel mehr liebte sie ihren Peter, seit der Vater Stefan sich vor einigen Jahren mit einer Urlaubsliebe in Süddeutschland niedergelassen hatte. Peter bewohnte gemeinsam mit Mama ein Einfamilienhäuschen am Stadtrand von Bad Hersfeld. Die Mutter war Stationsschwester im St. Elisabeth Stift und hatte dauernd Nacht- und Wochenenddienste.
Das kam Peter gelegen, denn dann konnte er ungestört in der Doppelgarage an seinem Auto herumschrauben, welches von außen aussah wie ein 3er-BMW, unter der Haube aber eher wie ein Formel-1-Bolide.
Das war ja gerade der Ehrgeiz: Außen eine in die Jahre gekommene Kiste und unter der Haube „550 PS“ und ein Rennfahrwerk mit Spezialreifen. Nur der Heckspoiler deutete darauf hin, dass das Auto schneller konnte als es aussah. Viele Autos hatten solche Spoiler zum Angeben, wer konnte ahnen, dass dieser hier tatsächlich dazu diente, den Wagen bei dreihundertvierzig Sachen auf der Piste zu halten.
Das Internet spielte bei der Raserei eine große Rolle. Hier verabredete man sich für die Rennen.
Mal auf einsamen nächtlichen Autobahnabschnitten, mal auf Serpentinenstrecken in den Alpen, mal, das war besonders aufregend, für Stadtquerungen. Immer nachts. Immer schneller als die Polizei. Immer mit falschen Nummernschildern. Dabei konnte man leicht die angsterfüllten Augen der Mutter vergessen, die ihren Sohn so fragend ansahen. „Ach Peter“, sagte sie. Vorwürfe machte sie aber nie.
Als Lukas, ein Renn-Ass aus Nordenham eines Nachts einen Geländewagen rammte, flogen beide Autos Saltos durch die Luft. Der Fahrer des Toyota SUV war tot, Lukas hatte nur ein paar Quetschungen. Allerdings verurteilte man ihn vier Monate später wegen Mordes. Er habe den Tod eines anderen Verkehrsteilnehmers billigend in Kauft genommen.
„Billigend in Kauf genommen!“, schrie Peter sarkastisch, als die Meldung im Fernsehen kam. Soll das ein Witz sein? Der Alte war doch selber schuld, als er ohne zu gucken nachts auf die Kreuzung gerollt ist. Da kann er zehnmal grün gehabt haben, nachts guckt man trotzdem, ob jemand kommt.
Außerdem muss er Lukas schon von weitem gehört haben, sein Wagen hatte einen Sound, der Tote wecken konnte. In dem Moment drehte sich der Schlüssel in der Haustür. Mutter kam von ihrem Dienst zurück und Peter schaltete im TV schleunigst auf ein anderes Programm.
Nach den beiden anderen Autos, die beim Rennen in Duisburg in jener Nacht beteiligt waren, wurde gefahndet. Es gab jede Menge Clips aus Überwachungskameras. Allerdings waren die Fahrer nur schemenhaft zu erkennen und die Prüfung der Nummernschilder blieb ergebnislos. Trotzdem, trotzdem, man konnte nie wissen. Peter stieg für eine Weile auf seinen 50-Kubik-Roller um, wenn er zur Arbeit fuhr oder abends mal in die Stadt. Im Traum sah er zwei Autos, die sich hoch in der Luft tänzelnd überschlugen. Eins davon war seins.
Das ist die Sache mit der Angst, sagte sich Peter. Die kann einem Rennpiloten gefährlich werden. Zu viel Angst kann tödlich sein, zu wenig auch. Aber ohne Angst macht die Sache keinen Spaß. Er würde nachher im Darknet noch ein paar Kumpels kontaktieren. Vielleicht ließe sich schon bald wieder ein Race daten.
Mama setzte sich neben ihn auf das Sofa. Sie roch nach Prosecco. Die Schwestern kippten gern einen bei Dienstschluss. Dann strich sie ihm übers Haar. Das hatte sie lange nicht gemacht.
„Wie war die Arbeit, Junge?“
Ach, die Arbeit, das war Nullzeit. Er war seit vier Stunden wieder zu Hause und drei davon hatte er geschraubt und eine neue Benzin-Äther-Mischung im Leerlauf getestet.
„So lala“, sagte er.
Mama legte jetzt einen Arm um seine Schulter. Das war ihm unangenehm. Aber angenehm unangenehm. Er war kein Kind mehr, aber jetzt legte er doch den Kopf auf ihre Schulter. Er kam einfach nicht von ihr weg. „Ist irgendwas los, Mama? Du bist so anders. Hast du jemanden kennengelernt?“
Seine Mama drehte sich halb zu ihm um und nahm zärtlich seinen Kopf zwischen ihre Hände. „Du bist doch alles, was ich habe, Junge“, schluchzte sie.
Peter verstand die Aufregung nicht. Sicher, er wusste, dass sie ihn mehr liebte als sich selbst. Wie einen kleinen Jungen liebte sie ihn. Und er mochte sie doch auch. Aber eher so wie ein erwachsener Rennfahrer die alte Mutter seiner Kindheit mag, so mochte er sie. Zumindest wollte er sie so mögen. Unbedingt. Doch das klappte nicht richtig. Tief drinnen spürte er, er spielte nur erwachsen. Er spielte es nur.
In diesem Moment klingelte es. Mutter stand auf und ging zur Haustür. Zurück kam sie mit einem Mann in Zivil und zwei Polizisten in Uniform.
„Sind Sie Peter Vollmund?“, fragte der Zivilist und als Peter ohne Verständnis nickte, sagte der Mann: „Dürften wir uns bitte mal Ihre Garage ansehen!“

Ähnliche Beiträge