Die Leidenschaften des Circusdirektors Valentin Samani

Die Leidenschaften des Circusdirektors Valentin Samani

Nie im Leben hätte Circusdirektor Valentin Samani gedacht, dass ihn ein Brief so überraschen könnte.

Rozalia! Sein Bass trug weit über den Acker. Er durchdrang mühelos die dünnen Wände des Wohnwagens, rollte über die vom Publikum zertretene Wiese vor dem Haupteingang, brachte noch im Kassenwagen die Gläser zum Zittern, drang vor zu den Käfigen der Tierschau hinter dem Hauptzelt und ließ die Lamas und die Ponys zusammenzucken. Nur Barabasa, die Tigerin, unterbrach ihren Schlaf kaum. Sie hob nur eine Braue und öffnete müde und gelangweilt das linke Auge über der Tatze, auf der ihr Haupt lag, als wolle sie sagen: Hier interessiert es sowieso keinen, was ich denke.

Rozalia! Selbstverständlich grollte der Bass auch in das Hauptzelt selbst, wo die mongolische Seiltanztruppe gerade an ihrer Nummer feilte. Birnur, die blutjunge, mandeläugige, schlanke, ranke Hauptattraktion der Truppe schickte sich leicht bekleidet gerade zum Höhepunkt ihrer Nummer an: Hoch unter der Kuppel verwand sie ihren Körper schlangengleich, nur gehalten von einem ledernen Mundstück in ihrem Mund, das sie wiederum auf einem Stab auf dem Seil balancierte. Durch den tierischen Schrei Valentin Samanis fiel Birnur runter. Sie war bei dieser Nummer atemlose Stille gewohnt. Und Rozalia, die das Sicherungsseil hielt, wurde für einen Moment vom Boden gehoben. Zum Glück gab es das Netz, in das Rozalia die Kleine krachen ließ, während Bator und Ulan von der Mongolentruppe in lautes Fluchen ausbrachen. Zum Glück auf Mongolisch.

„Du besser nicht gehen hin“, flüsterte der arabische Jongleur, der dabeistand.

„Dann er kommen zu mir“, äffte Rozalia den Araber nach.

Während Bator und Ulan ihre kleine Hauptattraktion aus dem Netz schälten, einander zuwarfen und tätschelten, ob nicht doch etwas gebrochen oder verstaucht sei, bewegte sich Rozalia schweren Herzens zum Wohnwagen des Direktors, in dem auch sie meist nächtens zugelassen war. Sie war eine stabile Frau, die breitbeinig auf zwei Hengsten stehend die Manege umrunden konnte. Sie konnte Pferde und Lamas zähmen, den Direktor Valentin Samani allerdings nicht.

„Guck dir an, was dieser Kretin von Postbote wagt, mich zu bringen.“

Sie schaute auf den Brief auf der hölzernen Ablage unter dem Fenster. Ist nicht von Polizei, ist von – sie beugte sich näher an das Papier heran, denn sie war etwas kurzsichtig – Tierschutzverein.
„Lies vor!“, befahl Samani. Er hatte getrunken, sie roch es. Dann war er gefährlich und geil.

„Lies!“, donnerte er.

Sie sparte sich die Anrede und die üblichen einführenden Floskeln. … möchten wir Ihnen mitteilen, dass uns gerüchteweise Nachrichten über Vorkommnisse der Sodomie in Ihrem Unternehmen zu Ohren gekommen sind. Da diese Nachrichten aus mehreren Quellen unabhängig voneinander zu uns drangen, bitten wir Sie im Interesse des Tierschutzes, insbesondere des Schutzes des weiblichen Lamas Isolde in ihrer Tierschau, bitten wir Sie also, zu diesem Gerücht Stellung zu nehmen. …

„Was soll das heißen?“, brüllte er ausnahmsweise grammatikalisch richtig.

„Das soll heißen, dass du nicht mehr zu Isolde darfst.“

„Meinen die, ich ficken Isolde?“, brüllte er überlaut. „So ein Bullshit! Wenn schon eins von die Viecher dann doch nur Barabasa, die Tigerin. Die ist eines Direktors würdig und natürlich du, mein Fohlen, meine Stute.“ Bei den letzten Worten hatte er sie am Handgelenk gegriffen und zu sich auf das Sofa gezogen. Seine Stimme rollte jetzt heiser und lüstern.

Ich und außerdem noch die kleine Mongolin und noch den arabischen Jongleur. Ich sollte ihn hassen, dachte Rozalia, aber sie kam nicht gegen ihn an. Sie überließ sich ihm. Nachher stand sie auf und entwarf auf einem Blatt eine Antwort auf das Schreiben des Tierschutzvereins: … weisen wir Ihre absurde Anschuldigung auf das Schärfste zurück. Nach intensiver Befragung unseres Lamaweibchens Isolde können wir versichern, dass nichts, aber auch gar nichts an diesen böswilligen Unterstellungen dran ist. Sollten Sie uns weiter belästigen, sähen wir uns gezwungen, unsererseits gegen Sie …

„Swietnie! Dobrze! Bravo!“, brüllte er schon wieder, diesmal lachend. „Besonders das mit ,Befragung‘ finde ich gut. Schick das ab.“

Rozalia brachte den Brief eine Stunde später selbst zum Briefkasten. Sie konnte dadurch eine Stunde Erholung in der Stadt herausschlagen, Erholung von ihm. Als sie am Tigerkäfig vorbeikam, schaute sie Barabasa an. Die Tigerin und Rozalia sahen sich in die Augen. Guck nicht so blöd, dachte die Tigerin. Aber dann rollte sie sich wieder auf dem Boden zusammen, zum Mittagsschlaf nach der Fütterung. Interessiert hier doch sowieso keinen, was ich denke, ging ihr noch durch den Kopf, bevor sie einschlief.

Ähnliche Beiträge