Die heftige Schornsteinfegerin

Die heftige Schornsteinfegerin

Von Wolfgang Rill

„Staublunge, Schlüsselbeinbrüche, Hautausschläge im Hüftbereich, Leberzirrhose, Haarausfall, Eiterbeulen am linken Fuß, Oberschenkelhalsbruch ausgeheilt, Krampfadern, leichter Parkinson – aber ansonsten völlig gesund, Herr Direktor.“
Direktor Schatipek vom Feierabendheim „Medisana“, ein Heim der gehobenen Klasse, schaut irritiert auf die resolute Dame vor ihm. Auf einen Stock ist sie gestützt und unter dem Kopftuch lugen nur wenige Haare hervor, aber insgesamt wirkt diese Frau völlig gesund, was sie ja selber sagt. Mehr als gesund scheint sie, beängstigend kraftvoll, resolut, so als wolle sie von hier direkt an die Front rollen und alle Feinde ermorden.
Große Güte, wenn wir die wirklich nehmen müssen, wo bringen wir die bitte schön unter? Etwa in der Gruppe „Milseburg“, wo noch Schach gespielt wird und wo Diskussionsabende über das Alte Testament stattfinden? Oder besser in der Etage „Biberstein“, wo nur noch einige Rollstuhlfahrer mobil sind? Oder eben in der Gruppe „Kreuzberg“, der Demenzgruppe. Da könnte sie im Gemeinschaftsraum stundenlang reden und hätte viele Zuhörer. Für so etwas wie die müsste man eher eine eigene Gruppe aufmachen. Eine Handwerkergruppe.
„Bei uns steht immer der menschliche Faktor im Vordergrund, wir sind für unsere Bewohner da und ihr Wohl liegt uns sehr am Herzen. Wir kümmern uns um Freizeitaktivitäten, Arztbesuche und auch besondere Essenswünsche sind uns willkommen“, salbadert Schatipek. „Trotzdem, so schließt er vorsichtig an, muss ich Sie ganz nebenbei auch fragen: Wie steht es denn mit der Finanzierung?“
„Die ist gesichert. Ich habe eine gute Rente, die Pflegeversicherung Stufe 1 werden wir schon hinkriegen und für den Rest kommt mein Sohn auf.“
„Ihr Sohn?“
„Ich habe ihn seit fünf Jahren nicht gesehen, meinen Sohn. Aber er wird heute in den Landtag gewählt. Haben Sie heute Morgen gewählt?“
Schatipek nickt verwirrt.
„Haben Sie auch die Schwarzen gewählt?“
Schatipek blickt unergründlich.
„Dann haben Sie ihn vermutlich mitgewählt.“
„Und was hat das mit der Finanzierung zu tun?“, fragt Schatipek, dem ein böser Verdacht kommt.
„Ist doch klar: Für die Differenz zwischen Pflegeversicherung plus Rente und Ihrem horrenden Monatspreis wird er aufkommen. Mir läge übrigens daran, dass diese Differenz groß ausfällt. Seien Sie ruhig teuer.“
Schatipek räuspert sich und greift zu den Lehnen seines Chefsessels. „Frau Schneider Volkhardt, warum wollen Sie in ein Pflegeheim? Sie sind offensichtlich eine rüstige Person mit nur wenigen gesundheitlichen Einschränkungen. Sie können noch gut zu Hause leben. Wir können Ihnen da übrigens alle möglichen ambulanten Dienste …“
„Nichts da!“, unterbricht Christine Schneider-Volkhardt barsch. „Ich will ins Heim und basta!“ Wütend stößt sie mit dem Stock auf den Laminatfußboden. „Ich kann mich bei Ihnen um die Heizung kümmern, um die Elektrik brauchen Sie sich auch keine Sorgen zu machen, wenn ich da bin. Und kleinere Schäden an Möbeln, Küchengeräten, Rollstühlen repariere ich Ihnen zum Nulltarif in der Werkstatt.“
„In welcher Werkstatt?“
„In der, die Sie mir einrichten.“
Schatipek ist kein Dummer. Sein Impuls, diese Frau rauszuschmeißen währt nur kurz. Dann erwärmt er sich für den innovativen Gedanken einer völlig neuen Art von Heimbewohnerin. Sicher, Stufe 1 wird ein Problem. Aber Dr. Hoffmann hat schon andere Problemfälle erfolgreich ins Heim evakuiert. Und heute Morgen hat er, Schatipek, keineswegs die Schwarzen gewählt, sondern, das würde man ihm gar nicht zutrauen, die Grünen. Einem von den Schwarzen ein wenig auf die Füße zu treten würde ihm durchaus Spaß machen.
Er atmet durch. „Also, Frau Schneider-Volkhardt, dann werden wir die Sache mal durchsprechen. Bitte nehmen Sie Platz.“
So kam es, dass Frau Christine Schneider-Volkhardt, Ex-Schornsteinfegermeisterin, Handwerkerin und Mutter eines abtrünnigen Sohnes nach ein paar Wochen mit zwei Koffern und ein wenig Werkzeug in dem Wohnstift „Medisana“ einzog. Und zwar zog sie in einen kleinen Bungalow im Garten, der eigentlich für junge Mädchen vom Pflegepersonal vorgesehen war, der aber seit längerem leer stand. Neben dem Bungalow wurde ein stabiler Schuppen errichtet, in dem sich bald eine Werkstatt mit den wichtigsten Geräten zur Holzbearbeitung, zur Metallbearbeitung und für die Elektrik befand. Wie man sich denken kann, profitierte das Wohnstift von Frau Schneider-Volkhardt doppelt: Frau Schneider zahlte eine fette Monatsapanage ans Heim, in der alle möglichen Zusatzkosten für Massagen, Akupunkturen, Gymnastikgruppen enthalten waren, von denen sie in Wirklichkeit nichts in Anspruch nahm.
Dazu hatte sie viel zu wenig Zeit. Sie reparierte alte Radios der Heiminsassen, sie befestigte rausgerissene Steckdosen und legte neue, sie machte Rollstühle gängig und als das neue Flachdach an einer Stelle drohte undicht zu werden, fand man sie hoch oben unter den Wolken mit einem Besen und einem Eimer heißen Teers. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Frau Schneider eigentlich Heimbewohnerin war, denn sie lief immer im Blaumann herum. So gingen denn die Erhaltungs- und Reparaturkosten des Heims drastisch zurück.
Frau Schneider-Volkhardt profitierte aber auch. Sie hatte eine neue Bleibe gefunden und eine neue Aufgabe. Zu Hause in ihrer Dreizimmerwohnung hatte sie doch immer alles an Alex erinnert, an ihren Sohn, der nichts mehr von ihr wissen will. Und nun hatte sie nicht nur diese neue Existenz gefunden, sondern auch Alex eins ausgewischt, der weit über tausend Euro monatlich ans Heim bezahlen musste. Denn wie hätte das für einen schwarzen Abgeordneten ausgesehen, wenn er seiner armen, kranken Mutter aus Geiz das Altersheim verweigert hätte.

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