Die gefährliche Subkultur

Die gefährliche Subkultur

Thailand hat eine der höchsten Mordquoten mit Schusswaffen der Welt. Um das zu ändern, sollte man nicht nur auf Statistiken und Zeitungsüberschriften achten, sondern sich damit beschäftigen, weshalb diese Morde geschehen, sagte Michael Picard, Forschungsdirektor an der Universität Sydney.

Es ist schwierig, genaue Daten zu dem Thema zu erhalten. Indes zeigen sowohl offizielle als auch unanhängige Trends, dass die Anzahl der Verbrechen mit Schusswaffen sinkt, auch wenn immer wieder gern behauptet wird, dass Thailand die höchste Mordrate mit Schusswaffen in Südostasien hat, was so nicht stimmt. Allerdings bleibt die Anzahl signifikant.

Viele der Morde, die mit einer Schusswaffe ausgeführt worden, könnten verhindert werden, und es muss ein System geben, dass die Anzahl der Schusswaffen einschränkt.

Warum viele Thais eine Schusswaffe haben

Thailand ist die Heimat einer lebhaften Schusswaffenkultur und dem Handel mit diesen. In Bangkok gibt es ein Viertel, in dem hauptsächlich Schusswaffen und Zubehör verkauft werden, dort gibt es unzählige Geschäfte, die die neuesten und mordernsten und auch die exzentrischsten Pistolen und Gewehre anbieten.

Laut Innenministerium gibt es in Thailand über sechs Millionen registrierte Schusswaffen. Laut einer Studie von Small Arms mit Sitz in Genf aus dem Jahr 2017 wird geschätzt, dass es im Land weitere 4,1 Millionen illegale Schusswaffen gibt – insgesamt wären es dann zehn Millionen Pistolen und Gewehre in der Zivilbevölkerung, das sind 15,1 Schusswaffen pro 100 Leute. Und das ist tatsächlich bei weitem die höchste Pro-Kopf-Rate in ganz Südostasien.

Thailand gehört weiterhin zu den größten Importeuren nicht-militärischer Schusswaffen in der Region. Laut einer jährlich erfolgenden Datenerhebung der UNO importiert Thailand innerhalb eines Jahres für rund 21 Millionen US-Dollar Schusswaffen. Die jährlichen Zahlen schwanken und können höher sein. Beispielsweise waren es 2014 ca. 30 Millionen US-Dollar.

Die Wahrnehmung der öffentlichen Sicherheit – oder das Fehlen dieser – scheint einer der Gründe zu sein, weshalb man in Thailand eine Waffe besitzt. Viele Eigentümer von Schusswaffen und Händler sagen, dass der persönliche Schutz der Hauptgrund für den Besitz einer Waffe ist. Einige andere meinen, sie haben Zweifel an der politischen Stabilität und führen mangelnde öffentliche Sicherheit auf, insbesondere in einer Gesellschaft, in der Schusswaffen ebenso alltäglich sind wie es die Korruption ist.

Tod durch Schusswaffen

Thailand hat auch ein einzigartiges und interessantes Muster, was Gewalt mit Schusswaffen betrifft. Mit Schusswaffen werden in Thailand die meisten Morde begangen, auch wenn die Zahlen unterschiedlich sind.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die auf Statistiken zurückgreift, die von den jeweiligen Gesundheitsministerien veröffentlicht werden (diese wiederum haben ihre Zahlen von Kranken- bzw. Leichenschauhäusern), gab an, in Thailand habe es im Jahr 2015 1.971 Morde gegeben, von denen 1.269 (64,4 Prozent) mit einer Schusswaffe begangen wurden.

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) bezieht sich dagegen auf Mordfälle, die von der Polizei und Staatsanwaltschaft gemeldet wurden. 2015 gab es demnach 2.378 Morde. Hier gibt es allerdings keine Zahlen darüber, wie hoch die Quote der mit Schusswaffen begangenen Morde für dieses Jahr war.

Die Universität von Washington zieht beide Statistiken heran, berücksichtigt jedoch auch, dass es von den Behörden möglicherweise Falschmeldungen gibt. Die Schätzungen inklusive Dunkelziffer sind dann naturgemäß höher als die Zahlen die öffentlich gemacht werden.

Von geschätzten 4.144 Morden im Jahr 2015, wurden über die Hälfte (2.561 oder 61,8 Prozent) mit Schusswaffen begangen.

Es sollte darauf hingewiesen werden, dass diese Quellen einen Unterschied zwischen Morden mit Schusswaffen und bewaffneten Konflikten machen, da die Faktoren und Umstände, die zu diesen Todesfällen führen, häufig isoliert betrachtet werden sollten. Aus diesem und auch aus anderen Gründen wird oft übersehen, dass andere Fälle ebenfalls in anderen Kategorien aufgelistet werden wie Selbstmord mit einer Schusswaffe und Terrorismus etc.

Rückläufige Zahlen

Wie steht Thailand da, wenn man es mit den anderen Ländern in Südostasien vergleicht?

2017 wurden von 100.000 Thais 3,71 mit einer Schusswaffe ermordet. Im Pro-Kopf-Vergleich ist die Mordquote mit Schusswaffe auf den Philippinen mehr als doppelt so hoch: 9,20 pro 100.000 Einwohner wurden 2017 erschossen.

Die Philippinen sind das einzige Land in der Region, das ebenfalls eine hohe Rate von Waffen in Privatbesitz hat, auch wenn sich diese Zahl nur auf etwa ein Drittel im direkten Vergleich mit Thailand beläuft.

In Thailand liegt die Mordquote mit Schusswaffen auch signifikant unter der in den USA, wo 2016 nach Zahlen des Seuchenschutz- und Präventionszentrums von 100.000 Einwohnern 4,46 mit einer Schusswaffe ermordet wurden. Tatsächlich gibt es Grund für ein wenig Optimismus, denn, basierend auf diesen Zahlen, ist Thailand sicherer geworden, was die Morde mit Schusswaffen anbelangt.

Trotz einer großen Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Datenerhebungen, gibt es aber dennoch bei allen einen Trend: In den letzten 20 Jahren ging die Zahl der Morde (inklusive derer mit einer Schusswaffe) in Thailand drastisch zurück, nämlich um die Hälfte. Dieser nach unten gehende Trend ist auch in den meisten anderen Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen in der ganzen Welt zu beobachten. Dies hat sicherlich mit der schnellen Entwicklung in Thailand zu tun und auch mit der Expansion der Staatsmacht. Dies kann aber nur mit weiteren Studien bewiesen werden.

Nach alledem und den ganzen nackten Zahlen, sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei den Opfern nicht um Statistiken handelt, sondern dass es hier um Menschen und Familien geht.

Erstaunlich bezüglich der Gewalt in Thailand ist nicht, wie viele Menschen gewaltsam sterben, sondern aus welchen Gründen gemordet wird.

Die Morde

Morden, die mit einer Schusswaffe begangen werden, wird in den englischsprachigen Nachrichten in Thailand häufig großer Raum gegeben. Zu diesen Storys gehörte beispielsweise der Mord an einem französischen Touristen, der von einem Polizisten in dessen Freizeit erschossen wurde, nachdem es Streit wegen einer Frau gab. Berichtet wurde über einen indischen Touristen, der starb, weil er bei einer Schießerei zwischen Kriminellen ins Kreuzfeuer geriet. Es gibt unzählige Reportagen über von ihren Frauen verlassene Männer, die dann zur Waffe greifen, um ihre Ex zu töten.

Das ist nur ein kurzer Ausschnitt aus den persönlichen Tragödien, die durch den Gebrauch einer Schusswaffe erwachsen und über die in thailändischen Medien berichtet wird. Man kann das Gefühl bekommen, dass es jeden Tag so oder einen ähnlichen Bericht gibt, in dem jemand mit einer Schusswaffe zu Tode gebracht wurde. Gleichzeitig sollte man sich aber vergegenwärtigen, dass nur über einen kleinen Teil der Morde in thailändischen Medien berichtet wird. Und dennoch gibt es in jeder Publikation beinahe täglich Berichte über schockierende Morde, deren Auslöser häufig ein trivialer Grund war.

Diese Zeitungsberichte hinterlassen den Eindruck, dass der „Gesichtsverlust“ in Thailand schnell zu einem Mordmotiv wird, vor allem in einer Gesellschaft, in der der Besitz von Schusswaffen derartig weit verbreitet ist. Hier kann jemand seinen eigenen persönlichen Konflikt sehr schnell lösen, indem er einfach zu seiner Pistole oder zu seinem Gewehr greift.

Es wurde außerdem darüber berichtet, dass der weit verbreitete Glaube ans Karma und das Schicksal ein Gefühl der Wut und der Unzufriedenheit über die viele Gewalt mit Schusswaffen umgeht. Die vielen Morde werden eher als unglückselige Einzelfälle angesehen denn als Teil eines problematischen Trends, der mit einer beliebten Subkultur und einem Freizeitvergnügen zusammenhängt.

Hier sollte auf jeden Fall genauer untersucht werden, inwieweit Waffenbesitz und soziale Unzulänglichkeiten zu Gewaltausbrüchen führen. Das wäre ein erster Schritt, um mehr Sicherheit in die Gesellschaft zu bringen. Ferner muss untersucht werden, welche Motivation Waffenbesitzer haben, diese auch zu benutzen. Um Leben zu retten, müssen letztendlich auch die Waffengesetze besser durchgesetzt werden.

Beitragsquelle : https://www.channelnewsasia.com/news/commentary/thailand-gun-violence-murders-homicides-attitudes-11261970

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