Bloß keine Touristen!

Bloß keine Touristen!

Stellen Sie sich vor, dass es in Pattaya eine Partei gibt, die das Budget für das Pattaya-Büro der thailändischen Tourismusbehörde streichen will, damit weniger Touristen ins Seebad kommen. Am besten überhaupt keine mehr. Diese Partei würde diesen Vorschlag damit begründen, dass sich viele Thais durch Touristen gestört fühlen. Daher sollen diese bleiben, wo der Pfeffer wächst, und nicht mit ihrer Anwesenheit die Infrastruktur belasten.
Auf so eine Idee können natürlich nur Kommunisten kommen, und zwar in Gestalt der SED-Rechtsnachfolgerin Die Linke. Das Ganze spielt sich natürlich nicht in Thailand ab, sondern in der deutschen Hauptstadt Berlin.
Die tourismuspolitische- und Stadtentwicklungssprecherin von Die Linke, Katalin Gennburg, hat gefordert, dass die Tourismusbranche nicht mehr mit Steuergeldern unterstützt wird.

Bloß keine Touristen!
Bloß keine Touristen!

Die Berliner können dann nicht nur ungestört vor sich hinwursteln, sondern es würden, so Gennburg, auch Langstreckenflüge gespart, die die Umwelt verpesten. Nun tun die Berliner ja schon alles dafür, denn an die Eröffnung des neuen Flughafens will bald niemand mehr glauben.
Gennburg meinte, dass immer alle von Wachstum redeten. Dabei würde vergesse, dass es eine Klimakatastrophe gebe. Vergessen würde auch, dass durch massive Kommerzialisierung Kindergärten und Geschäfte aus den Kiezen verdrängt würden. Da sei der Berliner dann Gast in seiner eigenen Stadt.
Ja, vielleicht sollte Frau Gennburg einmal nach Pattaya kommen, um zu sehen, dass es Pattayaner ohne zu murren hinnehmen, „Gäste in ihrer eigenen Stadt“ zu sein. Die Anzahl der Touristen ist in beiden Städten etwas gleich, zwischen ca. 15 Millionen und 20 Millionen jährlich.
Während Pattaya von einer Spielwiese für Erwachsene in ein familienfreundliches Seebad umgebaut werden soll, befürchtet Gennburg, dass aus Berlin eine Art Disneyland wird.
Die Linken-Politikerin ist von Vermietungs-Plattformen wie Airbnb nicht begeistert. Diese hätten verheerende Auswirkungen auf den Wohnungsbereich, sagte sie. Anstatt Geld für den Tourismus auszugeben, sei dies besser für die Lebensqualität der Berliner angelegt.
Die Touristikfirma Visit Berlin erhielt seit 2012 rund 70 Millionen Euro an Steuern. Dabei habe diese Firma vor, aus Berlin Disneyland zu machen, monierte Gennburg. Es ließe sich auch gar nicht feststellen, ob die 70 Millionen Euro gut angelegt waren, weil man nicht sagen könne, wie viele Einnahmen mit diesen Investitionen generiert wurden.
Ursprünglich wollte Die Linke das Geld für das Tourismusmarketing komplett streichen. Übrig geblieben ist von diesem ersten Entwurf immerhin noch die Forderung, eine Überprüfung anzuordnen.
Für den Tourismus in Berlin ist die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von Bündnis 90/Grüne verantwortlich. Sie war erstaunt über den Angriff von Die Linke auf den Tourismus. Zumal Die Linke auch ein Koalitionspartner ist. Über Gennburg meinte sie, dass das wohl eine Einzelmeinung sei. Beantragt sei auch noch gar nichts, was den Zuschuss für Visit Berlin betreffe.
Der Chef von Visit Berlin sagte, das Unternehmen spiele jetzt eine andere Rolle als in früheren Zeiten. Es ginge nicht nur um Marketing für Berlin, sondern auch um Management, sagte Burkhard Kieker.
Damit meinte er eine Beratungstätigkeit in den einzelnen Berliner Bezirken. Die würden mit Hilfe der Firma die Marke „Berlin“ positionieren.
Das geschehe – genau wie in Thailand – um „Qualitätstouristen“ in die Stadt zu bringen. Die Touristen sollen hauptsächlich Teilnehmer von Kongressen und Messen sein, die das Kulturangebot Berlins nutzen. Das würde doch auch einigen Mitgliedern von Die Linke gefallen, meinte Kieker, der hinzufügte, dass sein Unternehmen den Berliner Kulturbetrieb vermarkte.
Um zu widerlegen, dass es in Berlin mehr Touristen gebe als Einwohner, organisierte Visit Berlin zusammen mit der Wirtschaftsverwaltung und der Freien Universität eine Umfrage. An drei Tagen am Wochenende wurden Leute an Orten wie Alexanderplatz, Mauerpark oder im Boxhagener Kiez gefragt, woher sie kommen.
Über zwei Drittel der Befragten waren Berliner, nur ein knappes Drittel stammte nicht aus Berlin. Im Reuterkiez und an der Admiralsbrücke gab es die meisten Einheimischen: über 80 Prozent. Auf dem Alexanderplatz mit rund einem Drittel die meisten Touristen.
Was die Beschwerden von Anwohnern betreffe, so meinte Kieker, dass man nicht jedes Berliner Problem auf Touristen abladen sollte.

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