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Filmkritik: Die Before-Trilogie

Filmkritik: Die Before-Trilogie

Before Sunrise (USA 1995)

In einem Zug. Ein Österreicher streitet mit seiner Frau. In der Nähe sitzt der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke), der kein Wort versteht, aber ahnt, worum es geht. Auf der anderen Seite des Gangs sitzt die Französin Céline (Julie Delpy). Jesse spricht sie an, und die Dinge nehmen ihren Lauf.

„Wer kennt das nicht“, will man am liebsten diese abgedroschene Phrase benutzen: Zwei Menschen sehen sich und wissen, dass sie füreinander bestimmt sind.

Céline will nach Paris reisen. Jesse kann sie überreden, mit ihm in Wien auszusteigen und einige Zeit gemeinsam zu verbringen. Der Film handelt von der Zeit vor Sonnenaufgang – Before Sunrise –, denn dann geht ihr Zug nach Hause, den sie nehmen will/muss.

Die beiden schlendern durch Wien, führen Gespräche, erleben viel und lernen sich immer besser kennen. Der Film bezieht seine Dynamik auch aus den unterschiedlichen Sprachen und damit Kulturen. Jesse mit seinem breiten Amerikanisch, Céline mit ihrem unüberhörbaren, einfach entzückenden französischen Akzent, und die Wiener, die entweder Deutsch sprechen oder sich auf Englisch versuchen – jeweils mit einer gehörigen Portion Wiener Schmäh.

Jesse und Céline tauschen keine Telefonnummern und Adressen aus. Ihnen ist klar, dass die Sache nach zwei oder drei Anrufen einschläft. Daher vereinbaren sie folgendes: Sie werden sich auf den Tag genau sechs Monate später am Bahnhof in Wien treffen. Wenn sie wirklich das füreinander empfinden, was sie glauben füreinander zu empfinden, werden sie sich ein halbes Jahr später wiedersehen.

Der Meister dieser Art von Beziehungsfilmen ist der französische Regisseur Eric Rohmer. Seine Filme sind alle ähnlich und alle wunderbar. Nun gibt es offenbar zumindest einen Regisseur, der ähnlich wie Rohmer gute Beziehungsfilme inszenieren kann. Hierbei handelt es sich um Richard Linklater. Ich hatte schon öfter gehört, wie gut „Before Sunrise“ sein soll. So recht glauben wollte ich es nicht – bis ich den Film sah. Ja, er ist wirklich so gut, wie alle sagen.

Rund zehn Jahre lang wurden die Fans dieses Films mit der Frage gequält, ob sich Jesse und Céline wie verabredet ein halbes Jahr später am Wiener Hauptbahnhof wieder sehen …

Before Sunset (USA 2004)

Als ich erfahren habe, dass es einen zweiten Teil gibt, wusste ich nicht, ob ich mich wirklich darüber freuen soll. Es gibt kaum gute zweite Teile, leider sehr viele schlechte. Wie will man denn „Before Sunrise“ toppen?

Der Film beginnt mit Ansichten von Paris. Ein paar Gassen, ein Café, die Seine und Notre Dame, ein Park, ein Buchladen etc. sind zu sehen.

Jesse, der Schriftsteller geworden ist, befindet sich in Paris und stellt sein Buch vor. Es handelt von einem Amerikaner und einer Französin, die sich in einem Zug kennen lernen und die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Leider hat dieses Buch kein Happy End.

Céline hat von der Lesung in dem Buchladen erfahren. Sie fängt Jesse ab. Die Wiedersehensfreude ist groß. Sie fragt ihn, ob er ein wenig Zeit hat, die beiden schlendern durch ein paar alte Gassen und gehen in ein Café und haken damit die Stationen ab, die man am Anfang des Films gesehen hat.

Es ist, als ob keine zehn Jahre vergangen wären, sondern nur ein paar Wochen – so gut verstehen sich die beiden nach wie vor.

Allerdings hat das Leben ihnen zugesetzt. Céline hat keinerlei Illusionen mehr und wundert sich, wie naiv man sein kann, wenn man jung ist. Sie hat überhaupt keine Ahnung, in welche Richtung ihr Leben geht oder gehen soll. Jesse ist inzwischen verheiratet und hat einen Sohn, den er sehr liebt. Doch die Ehe mit seiner Frau ist so gut wie gescheitert.

Die beiden haben nicht viel Zeit. Jesse will/muss noch am Abend in die Staaten zurückfliegen. Sie haben nur ein paar Stunden bis Sonnenuntergang, um sich zu erzählen, was in den letzten zehn Jahren passiert ist und wie sie sich ihr weiteres Leben vorstellen.

Was soll ich sagen? Die Ausnahme bestätigt die Regel: „Before Sunset“ ist eine mehr als gelungene Fortsetzung von „Before Sunrise.“

Before Midnight (USA 2013)

Den dritten Teil der Trilogie ganz ohne Spoiler zu besprechen geht leider nicht. Daher: Bitte bei Interesse die Filme vorher ansehen und dann, wenn gewünscht, bei Gelegenheit auf diese Kritik zurückkommen.

Der dritte Teil, knapp zehn Jahre nach dem zweiten Teil entstanden, ist ebenso leicht und locker wie die Vorgängerfilme. Jedenfalls am Anfang. Jesse ist mit Sohnemann im Urlaub in Griechenland. Der Sohn fliegt allein in die USA zur Mutter zurück, von der Jesse geschieden ist. Er ist traurig, weil sein Sohn nicht immer bei ihm sein kann.

Jesse verlässt das Flughafengebäude und geht zu einem Auto. Ein Kameraschwenk bzw. Schnitt lässt den Zuschauer aus den Latschen kippen. Wer hat denn damit gerechnet?

Es folgt eine Fahrt zu griechischen Freunden und einem Festessen in einer alten Villa. Diese Location und andere Drehorte zeigen wieder einmal, wie schön es in Griechenland ist.

Eine der besten Sequenzen ist, wenn Jesse und Céline eine alte Straße mit einem antiken Torbogen im Hintergrund entlang wandern und mit ihrem philosophischen Gespräch an die ersten beiden Teile der Trilogie anknüpfen.

Keider dauert die anfangs erwähnte Leichtigkeit nicht unendlich an, denn es ist einfach naiv zu glauben, dass zwischen Mann und Frau immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Irgendwann holt der Alltag auch die größte Liebe ein – und dann ist das Leben nicht mehr so, wie man es sich vielleicht einmal vorgestellt hat.

Diese Erkenntnis wird im Laufe des Films immer intensiver. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man es als Zuschauer geradezu unerträglich findet, was von den beiden Protagonisten gesagt wird. Man kommt sich vor, wie ein unfreiwilliger Voyeur, der gar nicht so genau wissen will, was vor sich geht.

Den einen oder anderen Zuschauer kann das alles vielleicht an eigene Erlebnisse erinnern, an die man sich lieber nicht erinnern will.

Ich wollte es kaum glauben, aber: Der dritte Teil der Trilogie ist ebenso gut wie die ersten beiden Teile, auch wenn hier ein ganz anderer Ton angeschlagen wird.

Post source : JC

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