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Vom Freidenker zum Querdenker

Vom Freidenker zum Querdenker

Wenn man in Thailand lebt und ein guter Freund in Deutschland, dann kann man immerhin virtuell zusammen finden und im Chat miteinander sprechen.

Meistens ging es bei unseren Chat-Gesprächen nur um irgendwelchen Blödsinn, aber einmal, auf dem Höhepunkt der Virus-Panikwelle wurde es ernster. Auch wir kamen an dem Thema nicht vorbei.

Zunächst drückte ich mein Bedauern darüber aus, dass sowohl die Leute in Deutschland als auch in Thailand, obwohl Tausende von Kilometern voneinander getrennt, quasi Stubenarrest bekommen hatten.

Mein Freund postete eine Reihe von Emojis und machte mir deutlich, dass das alles schon seine Richtigkeit habe. Er schrieb, allein in Europa würden viele hundert Millionen Menschen sterben, wenn es keine Maßnahmen gäbe. Es sei daher besser, zu Hause zu bleiben.

Wegen der Maßnahmen würden weniger Menschen sterben als ohne Maßnahmen gestorben wären. So lautete seine Behauptung in einem Satz zusammengefasst.

Es erfolgte eine kurze Pause und dann schickte er mir einen Link zur entsprechenden Studie.

Google das, wenn du das nicht glaubst, schrieb er.

Seine Behauptung konnte er nicht beweisen, weil es für diese Hypothese keine Daten gab. Behauptete ich, ohne Maßnahmen wären auch nicht mehr Menschen gestorben, so würde mein Freund mir nicht glauben. Das einzige, was ich machen konnte, war, ihm den Link zu einer anderen Studie, quasi einer Gegenstudie, zu schicken. In dieser Studie hieß es, dass Maßnahmen wie ein Lockdown allgemein nichts nutzten. Ein „Google das doch“ verkniff ich mir, denn diesen Spruch fand ich schon immer ziemlich doof. Wer das sagte, wollte doch entweder nur provozieren oder vom Thema ablenken.

Im Chat kam prompt die erwartete Antwort. Dass die Maßnahmen helfen würden, es gäbe keine Beweise für das Gegenteil.

Daraufhin versuchte ich eine andere Beweisführung. Es gab Länder, in denen es gar keine Maßnahmen gab, nie gegeben hatte. Die Regierungen dieser Länder hatten darauf gesetzt, dass die Bewohner nicht blöde waren und sich selbst zu schützen wussten. In diesen Ländern waren die Todeszahlen nicht höher als in den Ländern mit Maßnahmen.

Wer große Angst hatte, konnte zu Hause bleiben und sich im Badezimmer einschließen. Wer ein wenig Angst hatte, konnte mit Schnüffeltuch ins Freie gehen. Wer keine Angst hatte, schnüffelte nicht ins Tuch und machte das, was er vorher auch schon immer gemacht hatte: Shoppen und Essen gehen, Kino und Theater, Party und was weiß ich.

In Ländern mit Lockdown durfte die Bevölkerung trotz Lockdown arbeiten – falls man nicht in einem der vielen Betriebe angestellt war, die wegen des Lockdowns geschlossen waren. Doch die überwiegende Mehrheit der Bürger ging zur Arbeit. Anschließend durften sie aber nicht in eine Kneipe oder in ein Restaurant, sie durften sich auch nicht mit einem Buch in der Hand auf eine Parkbank setzen: da war das Ansteckungsrisiko zu hoch.

Mein Freund nannte mich nach meinen Ausführungen „Professor Schwurbel“. Auch, weil ich so viel geschrieben hatte. Auf die von mir herausgearbeitete Unlogik ging er nicht ein.

Er argumentierte schließlich, dass die Infektionswelle für jeden eine Gefahr darstelle und der Staat die Aufgabe habe, die Menschen zu schützen.

Ich antwortete, der Staat habe in der Tat die Aufgabe, alle Menschen zu schützen. Man dürfe daher als Politiker das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehörten auch Menschen, die sich das Leben nahmen, weil sie keine Arbeit mehr hatten oder weil ihr Geschäft kaputt gegangen war. Oder Menschen, die starben, weil wichtige Operation und Untersuchungen verschoben worden waren. Oder Menschen, die salopp gesagt durchdrehten und sich psychiatrisch behandeln lassen mussten.

Mein Freund bezeichnete mich nun als „Querdenker“. Ich fühlte mich geehrt. Meine Eltern hatten mich immer so erzogen, nicht alles zu glauben und den eigenen Kopf zu benutzen und alles zu hinterfragen. Doch inzwischen wurden Ausdrücke und Wörter verdreht und bedeuteten in der jetzigen Zeit genau das Gegenteil ihres ursprünglichen Sinns. Ein Querdenker war früher etwas Gutes, etwas Vernünftiges: ein Freigeist. Jetzt war ein Querdenker ein Verschwörungstheoretiker, ein Aluhutträger, ein Rechter, ein Rechtsradikaler, ein Rechtsextremer oder noch schlimmer. So ähnlich lauteten doch die Steigerungsformen. Mir drehte es den Magen um, wenn ich darüber nachdachte.

Da wurden Menschen mit anderer Meinung entmenschlicht, als Tiere, als Parasiten oder als Blinddarm bezeichnet, den man herausschneiden müsse. Der nächste Schritt wäre, sie wegzusperren, der übernächste, sie an die Wand zu stellen.

Der Chat mit meinem Freund über das Thema Maßnahmen führte erwartungsgemäß zu keinem Ergebnis. Auf ein Argument folgte ein Gegenargument, auf ein Gutachten folgte ein Gegengutachten und auf eine Studie eine Gegenstudie.

Die Fronten waren verhärtet, wir kamen nicht weiter. In unserem kleinen Mikrokosmos – bestehend aus meinem Freund und mir – zeigte sich das ganze Drama, das den Makrokosmos der Gesellschaft betraf.

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