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Reiche wollen China verlassen

Reiche wollen China verlassen

Etwa 10.000 reiche Chinesen wollen im Zuge der strengen Lockdown-Maßnahmen und des wirtschaftlichen Abschwungs China verlassen. Die Frage ist, ob sie das auch dürfen.

Wie Tausende wohlhabender Menschen in ganz China plant auch der Shanghaier Gastronom Harry Hu etwas, das er einst für undenkbar hielt: Er will auswandern. Natürlich nicht ohne sein Geld.

Gezeichnet von der chaotischen Abriegelung Schanghais im Rahmen der Zero-Covid-Politik, die China zu einem globalen Alleingänger gemacht hat, gehört Hu einer Gruppe von 10.000 vermögenden Einwohnern, die nach Schätzungen des Beratungsunternehmens Henley & Partners in diesem Jahr 48 Milliarden Dollar aus China abziehen wollen – nach Russland die zweitgrößte prognostizierte Abwanderung von Vermögen und Menschen aus einem Land.

Die große Frage, die sich für Chinas Reiche stellt, ist, ob die Regierung von Präsident Xi Jinping sie gehen lassen wird.

Das schafft Voraussetzungen für neue Spannungen zwischen den reichen Chinesen und der regierenden Kommunistischen Partei, die seit der Kampagne von Präsident Xi Jinping für „gemeinsamen Wohlstand“ angespannt ist. Die Regierung legt vor einem Führungstreffen im Laufe des Jahres, bei dem Xi eine dritte Amtszeit anstrebt, großen Wert auf Stabilität. Doch die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Zero-Covid-Politik auf das Land werden vom endgültigen Ausmaß der Auswanderung von Chinesen, ob gut ausgebildet oder reich oder beides, abhängen.

Die potenzielle Abwanderung von Menschen und Kapital sein ein hoher Preis für die chinesische Wirtschaft, so Nick Thomas, ein außerordentlicher Professor an der City University of Hong Kong, der mehrere Bücher über Pandemien und Politik herausgegeben hat. In fast allen Ländern der Welt, so Thomas, „wird das Corona-Risiko in die Wirtschaftspläne und Unternehmensmodelle einbezogen.“

Trotz der Hürden, die ihm die Ausreise erschweren, will Hu unbedingt nach Kanada auswandern.

„Können Sie sich vorstellen, dass ich zu Beginn des Lockdowns in der am besten entwickelten Stadt Chinas fast verhungert wäre?“, fragte der 46-Jährige, der vor kurzem einen Großteil seiner Mehrheitsbeteiligung an zwei Spitzenrestaurants in Shanghai für 20 Millionen Yuan (drei Millionen Dollar) verkauft und einen Auswanderungsanwalt und einen Vermögensverwalter eingestellt hat, um bei seinen Plänen zu helfen. „Ich bin sehr traurig, aber es ist Zeit zu gehen.“

Nach Angaben von Migrationsberatern und Anwälten in China nahmen die Anfragen im Frühjahr – als Shanghai mittels Lockdown abgeriegelt wurde – im Vergleich zum Vorjahr um das Drei- bis Fünffache zu. Auch die Anfragen, Geld aus dem Land zu transferieren, haben exponentiell zugenommen, wie Banker berichten, die nicht namentlich genannt werden wollen.

„Viele glauben wirklich, dass sie angesichts der Corona-Maßnahmen keine andere Wahl haben“, sagte Migrationsberaterin Sumi in Shanghai, die ihren vollen Namen nicht nennen wollte. „Ich habe gesehen, dass diejenigen, die früher noch gezögert haben, sich dieses Mal zur Auswanderung entschlossen.“

Ein weiteres Zeichen für den Stimmungsumschwung im Land war eine kürzlich in den sozialen Medien verbreitete Mitteilung des in Shanghai ansässigen Milliardärs Huang Yimeng, in der er seinen Mitarbeitern ankündigte, dass er plane, mit seiner Familie aus China auszuwandern.

Der Vorstandsvorsitzende des Spieleunternehmens XD Inc. hat sich allerdings nicht direkt auf den Lockdown berufen, und XD teilte den chinesischen Medien mit, dass Huangs Umzug aus familiären Gründen erfolge. Dennoch schürte die Ankündigung eine Debatte über den wachsenden Wunsch der Menschen, auszuwandern.

Zu den beliebten Zielländern gehören, Singapur, Australien, Kanada, einige europäische Länder und die USA.

In Singapur hatte sich die Zahl der Family Offices Ende 2021 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt, wie die Monetary Authority of Singapore mitteilte. Die Nachfrage ist bei den Familien chinesischer Unternehmer besonders schnell gestiegen, was darauf hindeutet, dass die Ultrareichen bereits ins Ausland umgezogen sind.

„Dennoch gibt es viele institutionelle Hürden“, die das Verlassen Chinas erschweren, so Jennifer Hsu, Forschungsstipendiatin am Lowy Institute in Sydney, die sich mit chinesischen Gemeinschaften in Übersee beschäftigt. „Man mag den Wunsch haben, aber es gibt verschiedene Hürden – nicht zuletzt von chinesischer Seite, ganz zu schweigen von dem Land, in das man auswandern möchte.“

Allein die Beschaffung der für die Ausreise aus China erforderlichen Papiere erweist sich heutzutage als sehr viel schwieriger als früher.

Die chinesische Regierung rät seit Ende 2020 von Reisen ins Ausland ab, die nicht unbedingt notwendig sind, und führt als Grund dafür Corona-Maßnahmen an. Im Mai erklärte Chinas Nationale Einwanderungsbehörde, dass sie unnötige Reisen ins Ausland für Bürger strikt begrenzen und die Genehmigung von Ein- und Ausreisedokumenten verschärfen werde.

Ein Privatbankier, der unter der Bedingung der Anonymität sprach, sagte, eine in Shanghai ansässige Kundin habe kürzlich versucht, ihrem Kind ein Visum für Singapur zu besorgen, um dort zu studieren, sei aber von der örtlichen Regierungsbehörde abgewiesen worden.

Auswanderungswillige müssen auch bei der Überweisung von Geld aus China geschickter werden. Bürger dürfen pro Jahr nur 50.000 Yuan in Fremdwährung umtauschen. In der Vergangenheit haben wohlhabende Chinesen Wege gefunden, diese Regelung zu umgehen, aber das wird immer schwieriger.

Noch vor einem Jahr konnte man Geld aus China transferieren, indem man Kryptowährungen verwendete. Chinas umfassendes Vorgehen gegen Kryptowährungen in den letzten Jahren hat jedoch zu einem Verbot fast aller Aktivitäten geführt, einschließlich Börsen, Initial Coin Offerings, Mining und Transaktionen.

Der in Peking lebende David, der seinen Nachnamen aus Gründen der Vertraulichkeit nicht nennen wollte, hofft, dass ihm ein beschleunigter Weg zu einer US-Green-Card dabei helfen könnte, Geld aus China herauszuschaffen. In der Regel erlaubt die Regierung denjenigen, die anderswo eine Daueraufenthaltsgenehmigung erhalten haben, eine einmalige Überweisung eines größeren Geldbetrages.

„Ich denke, Chinas Wirtschaft wird in Zukunft vor vielen Herausforderungen stehen“, sagte der 42-jährige Berater, der die sich verlangsamende Konjunktur, die Corona-Politik und die geopolitischen Spannungen als Gründe für seinen Auswanderungswunsch nannte. „Die USA werden wahrscheinlich immer noch mehr Möglichkeiten bieten, was Geschäfte angeht.“

David sagte, er wolle ein Unternehmen in Texas zu gründen, das Daten und KI zur Beratung der Erdölindustrie nutzt.

Chinas jüngste Entscheidung, die Hotelquarantäne für internationale Reisende auf nur sieben Tage zu verkürzen, hat zwar die Hoffnung geweckt, dass das Land die Corona-Politik weiter lockern könnte, doch die Unannehmlichkeiten und Unsicherheiten, die mit dem Ansatz verbunden sind, sorgen weiterhin für Unruhe im Alltag. Im Juni bekräftigte Xi in einer Rede in Wuhan seine Unterstützung für die Zero-Covid-Strategie und bezeichnete diese als die „wirtschaftlichste und effektivste“ Strategie für China.

Viele Einwohner befürchten, dass Shanghai erneut in den Lockdown muss und Massentests angeordnet werden, wenn die Corona-Fälle wieder aufflammen.

Für den Gastronomen Hu bedeutet die leichte Entspannung keine Verzögerung bei seinen Auswanderungsplänen.

„Ich habe in der Vergangenheit mehrmals darüber nachgedacht, China zu verlassen, und den Gedanken dann verworfen. Aber jetzt bin ich fest entschlossen“, sagte er.

Post source : https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-07-19/xi-s-strict-covid-zero-policy-in-china-pushes-wealthy-to-leave-country

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