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„Wir wissen nicht, ob wir überleben werden“

„Wir wissen nicht, ob wir überleben werden“

Für Anna ist die Walking Street in Pattaya mehr als nur ein berühmtes Rotlichtviertel. Die Fußgängerzone war in den letzten zwölf Jahren ihr Arbeitsplatz.

Hier, zwischen Nachtclubs, Bars und Massagesalons, empfingen sie und andere Prostituierte Touristen aus aller Welt. Viele Menschen haben hier ihr Leben aufgebaut, andere kamen auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Heute ist die Walking Street nicht mehr ein Ort der Unterhaltung und der Chancen. Die nächtlichen Animierlokale, die vielen Prostituierten Arbeit boten, sind geschlossen. Es gibt keine hellen Neonlichter in der Nacht und keine pulsierende Musik. Touristen sind seit Anfang letzten Jahres verschwunden.

„Es ist so deprimierend“, sagte Anna, die in der Walking Street unter ihrem Spitznamen bekannt ist. „Heutzutage sieht Pattaya um 18 Uhr wie eine Geisterstadt aus. Auf der Walking Street gibt es kaum noch ein Lebenszeichen. Das treibt mir die Tränen in die Augen. Früher hat diese Straße Einkommen generiert und eine Zukunft für so viele Menschen geschaffen.“

Anna gehört zu den Hunderttausenden von Sexarbeiterinnen in Thailand, von denen man annimmt, dass sie durch die Corona-Krise ihre Haupteinnahmequelle verloren haben.

Nach Angaben von Swing, einer lokalen Stiftung, die eng mit den Menschen in der Branche zusammenarbeitet, um ihre Rechte und ihr Wohlergehen zu fördern, hat Corona die Prostituierten schwer getroffen.

Viele von ihnen arbeiteten in Animierlokalen. Die Regierung hat jedoch seit letztem Jahr mehrmals die Schließung dieser Unterhaltungsbetriebe angeordnet, da sie der Meinung ist, dass sie möglicherweise Infektionen verbreiten könnten.

„Hunderttausende von Menschen, die als Prostituierte arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernähren, wurden plötzlich arbeitslos. Seit mehr als einem Jahr haben sie weder staatliche Unterstützung noch Hilfsgelder erhalten“, sagte Surang Janyam von Swing. „Es ist schwer vorstellbar, wie sie ohne Einkommen überleben können, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen von einem Tagesverdienst leben.“

Sexarbeit ist in Thailand illegal. Dennoch ist das Land seit langem für seine florierenden Rotlichtviertel in beliebten Touristenorten wie Bangkok, Pattaya und Phuket bekannt.

Nach Angaben von Surang gibt es in Thailand etwa 200.000 Prostituierte. Viele von ihnen haben für die Legalisierung der Sexarbeit gekämpft, die ihnen den grundlegenden Arbeitsschutz und die Sozialleistungen anderer Berufe garantieren würde.

„Wenn der Staat auf uns hören würde, würden Prostituierte zu legalen Arbeitskräften werden. Wenn dann eine Krise wie diese eintritt, gäbe es Geld aus dem Sozialversicherungsfonds, um ihnen zu helfen“, sagte sie.

Die meisten Sexarbeiterinnen sind nicht im Sozialversicherungssystem registriert, weil ihr Beruf als kriminell gilt, so Surang. Das bedeutet, dass sie keinen Zugang zu den Leistungen der Sozialversicherung haben, einschließlich der Hilfsgelder für versicherte Arbeitnehmer, die aufgrund der Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung arbeitslos geworden sind.

„Wir haben darauf gedrängt, dass der Staat anerkennt, dass Prostitution Arbeit ist und in das Arbeitsrecht aufgenommen werden sollte“, sagte Surang.

Das thailändische Gesetz zur Verhinderung und Unterdrückung der Prostitution aus dem Jahr 1996 bestraft Prostituierte mit einer Geldstrafe von bis zu 1000 Baht.

Sexarbeiterinnen können auch mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren und einer Geldstrafe von 10.000 bis 40.000 Baht bestraft werden, wenn sie in irgendeiner Weise öffentlich für die Prostitution werben.

Hungernde und Obdachlose

Thailand kämpft mit einer anhaltenden Corona-Welle. Die Zahl der täglich neu auftretenden Fälle stieg im August auf über 20.000 positiv Getestete, da sich die hoch ansteckende Delta-Variante im ganzen Land ausbreitete.

Nachtclubs und Bars sind seit mehreren Monaten aufgrund von Beschränkungen zur Eindämmung von Corona geschlossen. In vielen Provinzen mit hohen Infektionsraten wie Bangkok und Chonburi wurde eine Ausgangssperre zwischen 21 und vier Uhr verhängt, wodurch es für Sexarbeiterinnen noch schwieriger wurde, Kunden zu finden.

Eine Reihe von Prostituierten kämpft ohne Einkommen um ihr Überleben, während sie gleichzeitig für Essen und Miete aufkommen und ihre Familie unterstützen müssen.

Nach Angaben von Swing müssen einige von ihnen tagelang ohne Essen auskommen. Viele haben ihre Ersparnisse bereits im vergangenen Jahr aufgebraucht und sahen sich gezwungen, Geld von Kredithaien zu leihen, um sich über Wasser zu halten.

„Einige Sexarbeiterinnen, die ihren Job verloren und nicht genug Geld für die Miete hatten, wurden aus ihren Zimmern ausgesperrt und müssen am Strand schlafen“, sagte Anna und fügte hinzu, dass sie auch Gefahr laufen, wegen Verstoßes gegen die Ausgangssperre verhaftet zu werden.

„Also müssen sie in Kneipen und Bars schlafen, die geschlossen wurden, und sich nachts hinter den Tresen legen. Dort werden sie von Mücken gestochen oder bei Regen nass.“

Inzwischen hat das Ministerium für soziale Entwicklung und menschliche Sicherheit einkommensschwachen Familien und hilflosen Personen finanzielle Hilfe angeboten.

„Jede Familie erhält Hilfe im Wert von maximal 3000 Baht, abhängig von der Einschätzung von Sozialarbeitern oder Beamten, die ihr Haus besuchen, um die Situation zu untersuchen“, so das Ministerium.

Keine nennenswerte Hilfe

Nach Angaben von Swing, das rund 8000 Sexarbeiterinnen in seinem Netzwerk in Bangkok und Pattaya betreut, haben nur wenige Prostituierte Hilfe vom Ministerium erhalten. Diejenigen, die Unterstützung erhielten, bekamen nur 1000 oder 2000 Baht.

„Die Regierung sollte aufhören, wie ein Wohlfahrtsverband zu arbeiten. Das sollte Teil der Rechte von Prostituierten und der staatlichen Sozialleistungen sein. Wenn man Leuten Almosen gibt, bedeutet das, auf den Wert des Lebens dieser Menschen herabzusehen“, erklärte Surang.

Wie überleben?

Seit letztem Jahr versorgt Swing die Bedürftigen mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten. Die Organisation hat auch Sexarbeiterinnen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, geholfen, sich medizinisch behandeln zu lassen.

Das Hauptquartier in der Patpong – einem der bekanntesten Rotlichtviertel Bangkoks – hat sich in eine Ad-hoc-Küche verwandelt, in der die Mitarbeiter dreimal pro Woche Lebensmittel zubereiten.

Das Viertel, das früher nachts mit bunten Neonlichtern, Animateuren und Touristen belebt wurde, ist jetzt dunkel und leer. Für Surang ist das ein herzzerreißender Anblick.

„Es sind nicht nur die Neonlichter, die erloschen sind. Es sind auch so viele Leben ausgelöscht worden. Diese Lichter brachten ihnen Einkommen“, sagte sie. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass es nie wieder so sein wird wie früher.“

In Nordthailand ist die Anlaufstelle der Empower Foundation damit beschäftigt, sowohl thailändischen als auch zugewanderten Sexarbeiterinnen, die von Corona betroffen sind, zu helfen.

Die Stiftung setzt sich seit mehr als 30 Jahren für die Rechte, die Bildung und das Wohlergehen von Prostituierten ein und hat mehr als 50 000 Mitglieder in ihrem Netzwerk, das sich über verschiedene Teile Thailands erstreckt.

„Sexarbeit hat uns geholfen zu überleben“, sagte Arsio Laechoe, die in einer Bar in Chiang Mai arbeitete, bevor diese geschlossen wurde.

„Im Moment kämpft jeder darum, irgendeinen Job zu finden. Einige sind Verkäuferinnen, Kellnerinnen oder Angestellte auf Tankstellen. Andere arbeiten bei Lebensmittellieferanten oder auf Baustellen. Aber es gibt auch diejenigen, die keine Arbeit finden“, fügte sie hinzu.

Die Empower Foundation forderte bei einer Demonstration in Bangkok eine monatliche Entschädigung in Höhe von 5000 Baht für jede von Corona betroffene Prostituierte – so lange, bis die Unterhaltungsbetriebe wieder geöffnet werden können.

Sie brachten auch Beschwerdebriefe und Stöckelschuhe ihrer Kolleginnen mit, die aufgrund der von der Regierung verhängten Beschränkungen nicht mehr in Nachtlokalen arbeiten können.

Auf die Frage, wie die Regierung auf den Protest reagiert habe, antwortete Mai Junta von der Empower Foundation: „Schweigen. Im Moment können viele Menschen noch eine Weile ums Überleben kämpfen, aber wenn sich die Krise bis nächstes Jahr hinzieht, werden wir vielleicht etwas erleben, was wir noch nicht erlebt haben und niemals erleben wollen. Wir wissen nicht, ob wir überleben werden.“

Post source : https://www.channelnewsasia.com/asia/thailand-covid-19-sex-workers-jobless-starving-2108501

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