Header Banner
Header Banner
Header Banner

Corona-Impfung: Wir wissen, dass wir nichts wissen

Corona-Impfung: Wir wissen, dass wir nichts wissen

Menschen, die gegen das Coronavirus geimpft sind, können trotzdem an Covid-19 erkranken. Auch ein schwerer Krankheitsverlauf ist möglich. Geimpfte können nicht nur erkranken, sie können auch Dritte mit dem Virus infizieren. Warum das so ist, kann niemand sagen, weil es keine Daten gibt.

Anekdoten sagen uns, was die Daten nicht können: Geimpfte Menschen scheinen sich erstaunlich häufig mit dem Coronavirus anzustecken. Es ist jedoch weder klar, wie oft sie sich anstecken, noch ist sicher, wie wahrscheinlich es ist, dass sie das Virus auf andere übertragen. Nun wächst die Sorge, dass geimpfte Menschen anfälliger für schwere Erkrankungen sein könnten als bisher angenommen.

Da es an wissenschaftlichen Studien mit konkreten Antworten mangelt, müssen politische Entscheidungsträger und Führungskräfte von Unternehmen ihre Pläne auf der Grundlage bruchstückhafter Informationen treffen. Während einige die Maskenpflicht erneuern oder die Wiedereröffnung verzögern, führen andere den Mangel an Klarheit an, um die Beibehaltung des Maßnahmen-Kurses zu rechtfertigen. Das Ganze kann in reines Chaos ausarten.

„Wir müssen uns damit begnügen, was wir wissen und was wir nicht wissen“, sagte Tom Frieden, ehemaliger Direktor der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) – das ist das US-amerikanische Robert-Koch-Institut – und Leiter der gemeinnützigen Organisation Resolve to Save Lives. „Es gibt ein paar Dinge, die wir mit Sicherheit sagen können. Dazu gehört, dass es schwierig ist, diese Frage zu beantworten.“

Ohne klare Botschaften zur öffentlichen Gesundheit ist geimpften Menschen unklar, wie sie sich schützen können. Wie gefährdet sie sind, ist eine Hauptvariable nicht nur für Beamte des öffentlichen Gesundheitswesens, die herauszufinden versuchen, wann Auffrischungsimpfungen („Booster“) erforderlich sein könnten, sondern auch, um Entscheidungen darüber zu treffen, ob Wiedereröffnungen bei einer neuen Welle des Virus zurückgenommen werden sollen. In kleinerem Rahmen werden beispielsweise Musikfreunde im Ungewissen gelassen, ob es in Ordnung ist, ein Konzert zu besuchen. Auch stellt sich die Frage, wie zukünftig der Schulunterricht aussehen soll.

Anstelle von Antworten gibt es nun eine Reihe von Fallstudien, die ein etwas anderes Bild von sogenannten „Impfdurchbrüchen“ zeichnen. Diese neue Wortschöpfung bedeutet nichts anderes, als dass Geimpfte sich anstecken, Dritte infizieren und an Covid-19 erkranken können.

Man weiß, dass man nichts weiß

Variablen wie der Zeitpunkt der Erhebungen, das Vorhandensein der Delta-Variante, der Anteil der geimpften Bevölkerung und sogar das Wetter zum Zeitpunkt der Erhebung erschweren einen Vergleich der Ergebnisse und die Erkennung von Mustern. Es ist schwer zu sagen, welche Daten letztlich aussagekräftiger sein könnten.

„Es ist ganz klar, dass wir jetzt mehr Impfdurchbrüche haben“, sagte Monica Gandhi, eine Expertin für Infektionskrankheiten an der University of California in San Francisco. „Wir alle kennen jemanden, der einen solchen Durchbruch erlebt hat. Aber wir haben keine großartigen klinischen Daten.“

Einer der bekanntesten Ausbrüche unter geimpften Menschen ereignete sich in der kleinen Strandstadt Provincetown, Massachusetts, als sich Tausende von Geimpften und Ungeimpften gleichermaßen auf Tanzflächen und Hauspartys am Wochenende des 4. Juli versammelten, um den amerikanischen Unabhängigkeitstag zu feiern. Dieses Datum gilt inzwischen als Wendepunkt der Impfkampagne, denn etwa drei Viertel der 469 Infektionen waren bei geimpften Personen zu verzeichnen.

Die Autoren einer CDC-Fallstudie erklärten, dass dies bedeuten könnte, dass sie genauso wahrscheinlich Corona übertragen wie die Ungeimpften. Das bedeutet, dass ein größerer Anteil der Corona-Infektionen auf Geimpfte entfallen würde, wenn mehr Menschen geimpft werden. Gleichzeitig hieß es, dass eine Studie nicht ausreiche, um Schlussfolgerungen zu ziehen.

Der Vorfall vom 4. Juli veranlasste das CDC jedoch, eine nur wenige Wochen zuvor ausgesprochene Empfehlung zu revidieren und Geimpfte erneut aufzufordern, sich in bestimmten Situationen zu maskieren.

Laut Gandhi könnten jedoch besondere Umstände bei diesem Fall den Ausbruch bzw. Durchbruch besonders schlimm gemacht haben.

„Die Rate der milden symptomatischen Ausbrüche in dieser Population war höher, weil es viele Aktivitäten in Innenräumen gab (einschließlich Intimität), es an diesem Wochenende regnete, die Leute nicht viel Zeit im Freien verbrachten und Menschen mit unterschiedlichem Impfstatus zusammenkamen.“

Diese Ausführungen lassen den Schluss zu, dass man als Geimpfter überspitzt gesagt auf Aktivitäten in Innenräumen und auf Intimitäten verzichten sollte und bei Regen besser zu Hause bleibt.

Eine neu veröffentlichte, weitaus umfangreichere CDC-Fallstudie über Infektionen im Bundesstaat New York ergab, dass die Zahl der Impfdurchbrüche seit Mai stetig gestiegen ist und Mitte Juli fast vier Prozent der Fälle ausmachte. Die Forscher wiesen darauf hin, dass Faktoren wie die Lockerung der öffentlichen Gesundheitsbeschränkungen und der Anstieg der sehr ansteckenden Delta-Variante die Ergebnisse beeinflussen könnten.

Impf-Abonnement

Forschungen aus Israel scheinen die Hypothese zu bestätigen, dass der Schutz vor schweren Erkrankungen innerhalb weniger Monate nach der Impfung nachlässt und Impfdurchbrüche schließlich zu einem Anstieg der Krankenhauseinweisungen führen können. Die Informationen sind vorläufig, doch untermauern sie die These, dass Menschen in den kommenden Monaten Auffrischungsimpfungen benötigen werden. In Israel wurde bereits mit der dritten Runde begonnen, nachdem dort immer mehr Geimpfte wegen eines schweren Covid-19-Krankheitsverlaufs in Hospitäler eingeliefert wurden.

Fallstudien und Daten aus einigen US-Bundesstaaten haben ebenfalls eine Zunahme der Durchbruchsfälle im Laufe der Zeit gezeigt. Da auch dort die Delta-Variante auf dem Vormarsch ist, lässt sich nur schwer sagen, ob eine nachlassende Immunität gegen jede Art von Coronavirus-Infektion dafür verantwortlich ist oder ob die Impfungen gegen die Delta-Variante besonders unwirksam sind. Es könnte natürlich beides sein. Auch das veränderte Verhalten der Geimpften könnte ein Faktor sein, da sie wieder an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen, reisen und in geschlossenen Räumen essen.

Im Moment gibt es mehr Fragen als Antworten. Steigen die Durchbruchsinfektionen aufgrund der Delta-Variante, wegen der nachlassenden Immunität oder wegen einer Rückkehr zum normalen Leben? Sind geimpfte Menschen anfälliger für schwere Erkrankungen als bisher angenommen? Wie häufig sind Impfdurchbrüche? Darüber kann nur spekuliert werden.

„Es ist generell so, dass wir Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit auf der Grundlage unvollkommener Daten treffen müssen“, sagte Frieden. „Allerdings gibt es eine ganze Menge, was wir nicht wissen.“

Post source : https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-08-21/science-can-t-keep-up-with-virus-creating-worry-for-vaccinated

Beiträge