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Endlich frei (2015)

Endlich frei (2015)

In dem französischen Spielfilm „Endlich frei“ (Peur de rien) von Danielle Arbid aus dem Jahre 2015 geht es um eine junge Libanesin, die, gerade in Paris angekommen, versucht, dort Fuß zu fassen und ihr Leben zu meistern.

Dass der Film in den 90er Jahren spielt, ist eher nebensächlich. Angenehm ist die Tatsache, dass nicht in jeder Szene ein Handy oder Smartphone zu sehen ist. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, hier zählt noch das per Hand geschriebene Wort, das mit der Post verschickt wird. Einige werden sagen: Das waren noch Zeiten!

Die junge Frau namens Lina ist zunächst bei ihrer Tante unterkommen. Dort wird sie von ihrem Onkel sexuell belästigt, und zwar in einer Weise, die es ihr nicht erlaubt, dort auch nur eine weitere Minute zu verbringen. Damit steht Lina auf der Straße und muss nun sehen, wie sie allein zurecht kommt.

Diese Eingangssequenz ist sehr beeindruckend, daher hat mich der Film sogleich gepackt, und ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht und welche Wendungen Linas Schicksal noch nimmt.

Sie geht auf die Universität, studiert Wirtschaftswissenschaften und dann Kunstgeschichte und findet heraus, dass das Durcheinander in der französischen Hauptstadt nicht sehr viel anders ist als das Chaos in ihrer Heimat. Doch gleichzeitig findet sie ihren Weg, der sie entdecken lässt, welches Selbstbewusstsein in ihr steckt.

Interessant ist sicher auch die Sicht des Films auf die Männer und wie sie von der libanesischstämmigen Regisseurin gezeigt werden.

Lina, gespielt von der ausgezeichneten Manal Issa, ist bildhübsch, und die Männer sind verrückt nach ihr. Da ist ein wohlhabender junger Mann, der ihr den Kopf verdreht, aber schon in der ersten Nacht ankündigt, dass das alles nur zeitlich begrenzter Spaß sei. Lina will das bei der Trennung nicht wahrhaben. Später lernt sie einen Kellner kennen, der davon träumt, Musiker zu werden und sich in einem anderen Land zu verwirklichen. Noch später ist sie mit dem Sohn ihres Anwalts zusammen, der eine linke Zeitung herausgibt.

Zu ihrem Freundeskreis gehören aber auch Leute des rechten Spektrums. Da der Film überhaupt nicht klischeehaft ist, helfen ihr Royalisten bei der Wohnungssuche, während diesen Royalisten von Dritten gleichzeitig Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Nun könnte man natürlich fragen, weshalb ich mir wie gebannt zwei Stunden lang die Schauspielerin Manal Issa angesehen habe.

Das liegt zum einen daran, dass ich Filme über das Erwachsenwerden, das Coming-of-age-Genre, sehr gern sehe und einfach nicht genug davon bekommen kann. Die Charakterentwicklung der Figuren in Filmen ist das wichtigste dramaturgische Mittel überhaupt, wenn eine gute Geschichte erzählt werden soll. Und mehr Charakterentwicklung als in Coming-of-age-Filmen kann es gar nicht geben. Grob gesagt beginnen diese Filme mit Figuren, die auf die Welt mit naiven Kinderaugen blicken, und diese Filme enden, wenn diese Figuren die eine oder andere Erfahrung gemacht haben, die sie reifen ließ, so dass sie die Welt mit den Augen eines Erwachsenen sehen.

Doch zurück zu Manal Issa. Sie ist wie gesagt eine einzige Augenweide, man kann quasi nicht überrascht sein, dass sie all die Schwierigkeiten übersteht, denen sie als Ausländerin in Paris begegnet. Sie ist umwerfend und strahlt mehr als nur körperliche Schönheit aus. Jedes Mal, wenn die Kamera auf ihr Gesicht gerichtet ist, sind Stärke und Geist zu spüren.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schicksal der Hauptfigur, wenn sie ein Mann wäre oder nicht so gut aussehen würde oder nicht diese Ausstrahlung hätte, womöglich ganz anders aussehen würde.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen sehr unterhaltsamen Film. Auch die Nebenfiguren sind großartig besetzt. Von den leidenschaftlichen Professoren Madame Gagnebin und Monsieur Lemernier (die altgedienten Schauspieler Dominique Blanc und Alain Libolt) bis zu Linas verschiedenen Liebhabern, gespielt von Paul Hamy, Damien Chapelle und Vincent Lacoste.

Besonders gut gelungen ist die Darstellung des Pariser Lebens und all der verschiedenen Menschen und Gruppen, die dort zusammenleben. Es war auch erfrischend, die Ausschnitte aus den Vorlesungen in der Universität zu sehen und zu merken, dass es immer noch Platz für das intellektuelle Leben gab (in den 90er Jahren – heute eher nicht mehr) und dass die Regisseurin keine Angst hat, dies auch darzustellen.

Diese ambitionierte Coming-of-Age-Geschichte ist eine bemerkenswerte Leistung und ein durch und durch nachdenklich stimmender und fesselnder Film. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es ein Film ist, der einen mitten ins Herz trifft.

Post source : JC

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