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Die Steinpinkler

Die Steinpinkler

Es gab einmal ein Volk, das hieß Steinpinkler. Die Steinpinkler versammelten sich einmal im Jahr im Kreis und urinierten einen Menhir an. Anfangs war unklar, ob die Steinpinkler diesen Menhir verabscheuten oder im Gegenteil ihn mit ihrem Urin besonders ehrten.

Eines Tages wurde das Dorf der Steinpinkler von einer schrecklichen Infektion heimgesucht. Die Steinpinkler, die zu dieser Zeit noch gar keine Steinpinkler waren, hatten große Angst vor der Infektion. Zwar starb kaum jemand, alle Kinder überlebten die Infektion unbeschadet, auch die meisten Jugendlichen. Ein paar der jungen Erwachsenen zeigten Symptome einer Erkältungskrankheit, doch nur vereinzelt. Die Älteren waren von einem schweren Krankheitsverlauf eher betroffen. Daher starben Senioren häufiger an der Infektion. Wenn nicht daran, verstarben sie an einer anderen Atemwegserkrankung oder an der Grippe.

Der Anführer der Steinpinkler sagte, die Leute sollten sich keine Gedanken über die Infektionskrankheit machen, sie sei nichts anderes als eine andere Form der Grippe. Die Grippe war indes gefährlich. Kinder konnte es genauso erwischen wie jüngere Menschen. Schwangere fürchteten sich besonders vor der Grippe.

Dieses Volk hätte sich vor der Infektionskrankheit nicht fürchten müssen, aber sie lernten, Angst zu haben. Doch der Anführer blickte über die Grenze und merkte, dass die Nachbarn der Steinpinkler immense Angst vor der Infektionskrankheit hatten.

Der Anführer glaubte nun, dass er etwas unternehmen sollte. Er befahl seinen Leuten, zu Hause zu bleiben. Sie durften aber zur Arbeit gehen, sonst wäre die Versorgung des Dorfes zusammengebrochen. Außerdem hätten sie ihren Anteil an Getreide und Brot nicht mehr an den Anführer abliefern können, wenn sie einfach zu Hause geblieben wären. Alles andere verbot der Anführer jedoch. Keine Besuche, kein geselliges Beisammensein, kein gar nichts. Nach der Arbeit nach Hause, Essen, Licht aus, schlafen. So lauteten die Worte des Anführers.

Der Winter kam. Wie immer um diese Jahreszeit, stieg die Anzahl der Atemwegserkrankungen. Die Zahl der Kranken oder vermeintlich Kranken ging nicht mehr zurück. Der Anführer freute sich zwar, dass es im Dorf keine Grippe mehr gab. Diese Zahl – null Infektionen – war der Maßnahme zu verdanken, dass die Leute nur noch zur Arbeit ihr Haus verlassen durften, da war sich der Anführer sicher. Um auch die Zahl der mit der Infektionskrankheit infizierten zu senken, erließ der Anführer eine neue Anordnung.

Erst hatte er gesagt, Masken würden nichts nutzen. Wer krank war, sollte natürlich eine tragen, um sein Gegenüber nicht direkt anzuhusten. Was sollte die Maske aber nutzen, wenn man gesund war? Der Anführer sagte jetzt das genaue Gegenteil. Die Masken würden helfen und jeder sollte eine tragen. Es gab keine Gesunden mehr, verlautbarte er, sondern nur noch Dorfbewohner, die keine Symptome hatten.

Als die Infektionszahlen nicht sanken, blickte der Anführer über die Grenze und stellte fest, dass bei den Nachbarn inzwischen die Schulen geschlossen waren.

Das war eine prima Idee, fand der Anführer und befahl den Kindern und Jugendlichen, von nun an zu Hause zu bleiben. Ihn interessierte nicht, dass Kinder und Jugendliche so gut wie nie krank wurden und fast nie an der Infektionskrankheit verstarben. Ihn interessierte nicht, dass die Schüler nichts mehr lernten. Ihn interessierte nicht, dass die Eltern nicht wussten, wie sie auf ihre Kinder aufpassen sollten, wenn Vater und Mutter zur Arbeit gingen. Ihn interessierte nicht, dass er den Kindern einen Schuldkomplex einredete, weil ihnen gesagt wurde, sie seien Überträger der Infektionskrankheit und potentiell gefährlich, wenn sie weiter zur Schule gingen. Ihn interessierte nicht, dass er den Kindern einen großen Schrecken einjagte, ihnen Angst machte und bei ihnen Panik auslöste, weil er ihnen einredete, in den Schulen würde die Infektionskrankheit grassieren.

Als es wärmer wurde, normalisierte sich die Lage. Im Dorf atmeten alle auf und dankten dem Anführer dafür, dass er sich so weitsichtig und großartig um die Dorfbewohner gekümmert hatte.

Doch es blieb nicht die ganze Zeit so. Als es im Herbst wieder kühler wurde, ging alles von vorne los. Mit fallenden Temperaturen stieg die Anzahl der Atemwegserkrankungen.

Nach wie vor gab es keine Grippefälle. Die schien tatsächlich ausgerottet. Das war nun sicher. Doch die Infektionskrankheit war leider immer noch da – trotz der ganzen Maßnahmen. Die nun wiederholt wurden. Wieder durften die Leute nicht aus dem Haus. Sie durften es nur verlassen, wenn sie zur Arbeit gingen. Alle trugen eine Maske, ob drinnen oder draußen. Die Kinder, die im Sommer in die Schule durften, saßen nun wieder zu Hause, denn die Schulen waren erneut geschlossen worden.

Der verzweifelte Anführer beobachtete, was das Nachbarvolk machte. Die hatten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Der Anführer des Nachbarvolkes ließ seine Leute auf einer Wiese urinieren und sagte: »Wir sind jetzt das Volk der Wald- und Wiesenpinkler, und ich erkläre hiermit feierlich, dass die Infektionskrankheit in Wirklichkeit die Grippe ist.«

Daraufhin riss sich das Volk, das sich ab sofort die Wald- und Wiesenpinkler nannte, die Masken von den Gesichtern, urinierten auch auf diese, und fielen sich anschließend in die Arme. Sie hatten die Hygienevorschriften genau wie die Infektionskrankheit nie sonderlich ernst genommen.

Der Anführer der Steinpinkler hatte nun eine Idee. Die Infektionskrankheit würde besiegt werden, wenn sich alle Dorfbewohner vor einem auf einem der Felder stehenden Menhir versammelten und diesen anpinkelten. Dies geschah während einer feierlichen Zeremonie.

Der Anführer sagte zu den Dorfbewohnern: »Ab sofort sind wir das Volk der Steinpinkler und uns soll kein weiteres Unglück widerfahren. Die Infektion ist nichts anderes als die Grippe.«

Die Steinpinkler aber, die sich im Gegensatz zu den Wald- und Wiesenpinklern streng an alle Vorschriften gehalten und Nachbarn denunziert hatten, wenn diese es nicht taten, wollten nicht glauben, dass die Infektion nichts anderes war als eine andere Form der Grippe. Sie gehorchten dem Anführer daher nicht. Sie hielten weiter voneinander Abstand und schickten ihre Kinder nicht in die Schule.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tragen sie jetzt noch eine Maske. Auch beim Schlafen.

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