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Selbstmordrate steigt weiter

Selbstmordrate steigt weiter

Das letzte Mal, dass der 23-jährige Mönch Phongphichet Pittayaseehanat mit seinen Eltern sprach, war am 4. Mai.

Sie sagten ihm am Telefon, wo er ihre Sachen finden könnte. Ein Mobiltelefon, eine Power Bank und 200 Baht, alle Sachen in einer Schublade in ihrem Haus.

Das Telefonat beunruhigte Phongphichet. Daher bat er einen Freund, sich bei den Eltern zu melden und ihnen etwas zu essen zu bringen.

Der Freund fand das Ehepaar, fleißige Obstverkäufer Anfang 60, zusammen mit zwei handschriftlichen Abschiedsbriefen im Badezimmer. Wegen zunehmender Schulden hatten sich die Eheleute das Leben genommen.

Thailand verzeichnet die höchste Selbstmordrate der südostasiatischen Nationen. Es wird geschätzt, dass alle zehn Minuten eine Person versucht, sich umzubringen. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2019 gibt es in Thailand 14,4 Selbstmorde pro 100.000 Menschen, während es im benachbarten Kambodscha 5,3 und auf den Philippinen 3,2 pro 100.000 Menschen sind.

Die Selbstmordrate war in Thailand bereits vor Corona gegenüber dem Vorjahr gestiegen, aber während Corona stieg die Zahl von 2019 bis Ende 2020 um elf Prozent von 4581 auf 5085 Todesfälle, so das Gesundheitsministerium.

Laut dem Sprecher des thailändischen Ministeriums für psychische Gesundheit, Dr. Varoth Chotpitayasunondh, geschehen die meisten Selbstmorde in Provinzen, die als „rote Zone“ ausgewiesen waren oder sind und deren Bürger daher die meisten Einschränkungen ertragen müssen.

„Diese Menschen sind tendenziell höher gestresst und depressiver als diejenigen in den grünen Zonen“, sagte er.

Es gibt seit langem Befürchtungen, dass Corona und die damit verbundenen Einschränkungen zu einer psychischen Krise und einem möglichen Anstieg der Selbstmordraten auf der ganzen Welt führen könnte.

Neben der Angst vor der Krankheit selbst und möglichen Trauerfällen weisen Experten auch auf die Nachteile eines Lockdowns hin: Dazu gehören Isolation, Einsamkeit, Verlust sozialer Unterstützungsnetzwerke, Arbeitslosigkeit und finanzielle Unsicherheit, worunter die psychische Gesundheit leidet.

Wirtschaftliche Unsicherheit ist besonders schlecht: Ein kürzlich in „The Lancet“ veröffentlichtes Papier prognostizierte, dass der Verlust von Arbeitsplätzen aufgrund von Corona zu zusätzlichen 9750 Selbstmorden pro Jahr führen könnte. Fast 800.000 Menschen verlieren jedes Jahr bereits ihr Leben durch Selbstmord. Die WHO schätzt, dass auf jeden vollendeten Selbstmord 20 Menschen kommen, die den Versuch unternahmen, sich das Leben zu nehmen.

In Thailand, so der Direktor der Seelsorge, Trakarn Chensy, erhielt die Krisen-Hotline 2019 10.000 Anrufe. Als jedoch im März 2020 die ersten Lockdown-Beschränkungen angekündigt wurden, verdoppelte sich das Anrufvolumen.

Wirtschaftliche Probleme machen rund 80 Prozent der Anrufe bei der Seelsorge während der Pandemie aus.

„Wir machen uns Sorgen um die Menschen“, meinte er und sagte, dass viele die Seelsorge wegen ihrer verzweifelten finanziellen Situation anrufen. „Zum Beispiel sagen sie uns, dass sie nur noch 20 Baht in der Tasche haben und nicht wissen, was sie tun sollen. Sie müssten Milch für ihr Kind kaufen.“

Die jüngste Infektionswelle in Thailand hat sogar die Seelsorge gezwungen, ihr Callcenter zu schließen. Die 80 Freiwilligen arbeiten jetzt von zu Hause aus. Die Wohltätigkeitsorganisation hat über eine Messenger App auf Facebook einen neuen Kanal eröffnet.

„Die junge Generation fühlt sich nicht wohl, wenn sie telefoniert“, sagt Trakarn. Es sei zu vereinfacht, wenn man sagt, dass Thailands steigende Selbstmordrate nur durch Corona verursacht würde. Vor Corona, so Trakarn, sei mehr als die Hälfte der Anrufe bei der Seelsorge wegen einer schwierigen familiären Beziehung oder Partnerschaft erfolgt.

Corona hat jedoch sicherlich dazu beigetragen, meinen Experten. In akuten Notfällen sinken die Selbstmordraten häufig, wenn Menschen die unmittelbare Herausforderung angehen. Eine andere aktuelle Studie von „Lancet“ zeigt, dass in 21 Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen die Selbstmordraten in den ersten Corona-Monaten, als die ersten Lockdowns verhängt wurden, unverändert blieben oder sogar sanken.

Schwerwiegendere Krisen – insbesondere mit wirtschaftlichen Herausforderungen – haben jedoch langfristig gravierende Auswirkungen, sagte Dr. Julian Eaton, Psychiater und Assistenzprofessor an der Londoner Schule für Hygiene- und Tropenmedizin.

„Wir wissen von SARS und sogar aus Studien über die Spanische Grippe, dass die Selbstmorde oft nicht sofort zunehmen, aber man erkennt einen verzögerten Anstieg, der wahrscheinlich mit den Auswirkungen auf die Wirtschaft zusammenhängt“, sagte er.

„Selbstmord ist sehr abhängig von sozialen Umgebungen. Wenn ein wirtschaftlicher Zusammenbruch erfolgt, hat dies erhebliche Auswirkungen auf Personen, die ihren Arbeitsplatz oder andere Dinge verloren haben, was sie sehr anfällig für Selbstmord macht.“

In Thailand, einem Land mit höherem mittlerem Einkommen und einer vom Tourismus und Dienstleistungen abhängigen Wirtschaft, hat Corona verheerende Auswirkungen. Nach Angaben des Tourismusrates Thailand wurden im letzten Jahr rund 1,45 Millionen Mitarbeiter in der Tourismusindustrie entlassen. Der Rat schätzt, dass die Zahl 2021 auf 2,5 Millionen steigen könnte, wenn der aktuelle Ausbruch nicht schnell eingedämmt wird.

Im ganzen Land stehen einst blühende Bars, Restaurants und Hotels leer, seit der Massentourismus Anfang letzten Jahres abrupt zum Erliegen gekommen ist. Reiseveranstalter auf Thailands malerischen Inseln, die an einen starken Zustrom internationaler Besucher gewöhnt sind, müssen sich nun mit einem kleinen Rinnsal von Einkünften aus der Tasche einheimischer Touristen begnügen.

Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde haben die aktuelle Wirtschaftslage des Landes mit der Finanzkrise von 1997 verglichen, in der die Selbstmordrate in Thailand um 20 bis 30 Prozent gestiegen ist.

Als der thailändische Premierminister General Prayuth Chan-ocha im März letzten Jahres den Ausnahmezustand zur Kontrolle der ersten Welle von Corona ankündigte, erhielten die Arbeitnehmer drei monatliche Zahlungen in Höhe von 5000 Baht. Millionen von Migrantenarbeitern und informellen Arbeitnehmern gingen jedoch leer aus. Die Sexarbeiterinnen, deren Anzahl auf Hunderttausende geschätzt wird, gehörten ebenfalls zu denen, die keinen Zugang zu diesen Hilfsgeldern hatten.

Bei einem Selbstmordversuch im vergangenen Jahr hat eine 59-jährige Frau vor dem Finanzministerium aus Protest gegen die langsame Auszahlung von Hilfsgeldern Rattengift zu sich genommen. Sie überlebte, nachdem sie ins Krankenhaus gebracht worden war – die Regierung überwies ihr später das Geld.

Ohne ein ausreichendes staatliches Rettungspaket, auf das sie sich verlassen können, nehmen die Arbeitnehmer zunehmend Kredite auf, um zu überleben. Die Verschuldung der Privathaushalte gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt stieg nach den neuesten Zahlen der Bank of Thailand von 79 Prozent zu Beginn des Jahres 2019 auf 89 Prozent bis Ende 2020 – dem höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen.

Im Jahr 2020 konnte Thailand in Bezug auf Corona eine Erfolgsgeschichte vermelden, da die Infektionsraten vergleichsweise niedrig gehalten wurden. Zu den wichtigsten Maßnahmen, die frühzeitig ergriffen wurden, gehörten Bewegungsbeschränkungen, soziale Distanzierung und eine strenge Grenzpolitik, die sicherstellte, dass alle Einreisewilligen eine zweiwöchige Hotelquarantäne absolvieren müssen.

Nun hat die dritte Infektionswelle das Land getroffen. Sie nahm in mehreren Bangkoker Nachtclubs ihren Anfang. Über 80 Prozent der gesamten Corona-Todesfälle des Landes sind in den letzten Wochen aufgetreten. Dieser jüngste Ausbruch droht die wirtschaftliche Erholung zu verzögern und die Arbeitnehmer im Land finanziell und sozial weiter in den Abgrund zu reißen.

Mönch Phongphichet sagte, dass seine Eltern vor ihrem Tod Schwierigkeiten hatten, ihr Obstgeschäft während Corona am Laufen zu halten.

„Sie konnten nur noch an Stammkunden verkaufen, aber das genügte nicht“, sagte er.

Thonnarak und Sarinda Pittayaseehanat, die nicht in der Lage waren, Schulden an einen Kredithai zu begleichen, wurden ihr Pick-up und Motorrad als Zahlungsmittel weggenommen. Danach waren sie fast mittellos.

„Sie wollten genug Geld haben, um ein Haus zu bauen, um auf die Kinder aufzupassen, das war ihr Traum“, sagte der Sohn. „Aber sie konnten die Situation wohl nicht mehr bewältigen.“

Post source : https://www.telegraph.co.uk/global-health/science-and-disease/suicides-rise-thailand-covid-decimates-tourism-industry/

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