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Höchste Selbstmordrate in Südostasien

Höchste Selbstmordrate in Südostasien

Als die Corona-Krise im vergangenen Jahr in Thailand Millionen von Arbeitsplätzen forderte, wurde Unyakarn Booprasert mittellos. Freunde oder Verwandte, die helfen könnten, hat sie nicht.

Die 59-Jährige teilte eine Packung Instant-Nudeln zu drei Mahlzeiten auf. Kein Wunder, dass sie sehr daran interessiert war, die von der Regierung versprochene Sozialhilfe zu erhalten. Dabei handelte es sich insgesamt um 15.000 Baht, ausgezahlt über einen Zeitraum von drei Monaten zu je 5000 Baht im Rahmen des „Niemand-bleibt-zurück“-Bargeld-Entlastungsprogramms.

Als sie erfuhr, dass sie zu den 15 Millionen Antragstellern gehört, die keinen Anspruch auf Beihilfe hatten, beschloss Unyakarn im April letzten Jahres, bei den thailändischen Behörden nachzuhaken.

„Als ich ins Finanzministerium ging, haben sie mich natürlich nicht angehört“, sagte die Putzfrau. „So wie die sich verhalten haben, sehen sie einen mittellosen Menschen wohl als Schwein oder Hund an, als ein Tier mit Krätze.“

Unyakarn versuchte sich vor dem Ministerium mit Rattengift umzubringen. „Ich wollte protestieren. Das ist nicht nur mir passiert. Es ist vielen Menschen passiert“, sagte sie.

Nach ihrem Selbstmordversuch prüften die Behörden ihren Fall erneut und entschieden, dass sie sehr wohl hilfsberechtigt sei.

Die Zahl der Selbstmorde in Thailand sind im Zuge der Corona-Krise angestiegen. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres haben sich insgesamt 2551 Menschen umgebracht, ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Gesundheitsbehörden führen den Anstieg auf pandemischen Stress zurück.

Zu den Gruppen, die besonders von den Folgen der Pandemie betroffen sind, gehören Angestellte in der Tourismusindustrie, Prostituierte und Arbeiter. Der ausländische Tourismus, der um die 15 Prozent des thailändischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht, ist völlig zusammengebrochen, als der internationale Reiseverkehr weltweit eingeschränkt wurde, um die Ausbreitung von Corona zu unterbinden.

Prostituierte sind nicht im Sozialversicherungssystem registriert und haben nur eingeschränkten Zugang zu staatlicher Unterstützung, sagte der Ökonom Thanaporn Sriyakul.

Arbeiter hatten ebenfalls Schwierigkeiten, Hilfe im Rahmen des „Niemand-bleibt-zurück“-Programms zu erhalten, da sie in Regierungsunterlagen als Farmer eingestuft werden können, die in eine andere Kategorie fallen und daher nicht hilfsberechtigt sind.

Ein Problem schon vor Corona

Ein ähnlicher Anstieg der Selbstmorde ereignete sich während der asiatischen Finanzkrise 1997, als die Zahl der Suizide um etwa 20 bis 25 Prozent stieg, sagte Varoth Chotpitayasunondh, Sprecher der Abteilung für psychische Gesundheit des Gesundheitsministeriums.

Doch noch bevor Corona wirtschaftliche Schwierigkeiten verursachte, hatte Thailand bereits die höchste Selbstmordrate in Südostasien. Experten drängen daher auf mehr Ressourcen, um das Problem anzugehen.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) lag die jährliche Selbstmordrate in Thailand im Jahr 2019 bei 14,4 pro 100.000 Einwohner, während der weltweite altersstandardisierte Durchschnitt bei 10,5 pro 100.000 liegt. Altersstandardisiert bedeutet, dass Abweichungen aufgrund der unterschiedlichen Altersstrukturen der Länder bereinigt wurden.

Zum Vergleich: Die Selbstmordraten in den anderen ASEAN-Mitgliedsstaaten schwanken zwischen 3,2 (Philippinen) und 11,2 (Singapur) pro 100.000 Einwohner.

In Thailand gibt es alle zehn Minuten einen Selbstmordversuch.

Laut Antonio L Rappa von der Singapore University of Social Sciences, der sich seit über 20 Jahren mit thailändischer Kultur, Geschichte und Politik beschäftigt, tragen tief verwurzelte kulturelle und wirtschaftliche Gründe zu Thailands relativ hoher Selbstmordrate bei.

Abgesehen von wirtschaftlichen Faktoren, sagte er, sei die „Idee des Todes“ wegen der „langen Geschichte des thailändischen Volkes als Krieger“ in der thailändischen Psyche tief verwurzelt.

Die Protestkultur des Landes bedeutet, dass die Menschen möglicherweise bereit sind zu sterben, „um ihr Anliegen zu verdeutlichen“, während der weit verbreitete Theravada-Buddhismus Akzeptanz lehrt, fügte er hinzu.

Die Selbstmord-Sorgentelefone wie die von den Samaritern werden mit Anrufen bombardiert. In den sozialen Medien tauchten Geschichten über unbeantwortete Hotline-Anrufe auf.

Varoth räumte ein, dass es zehn bis zwölf Minuten dauert, bis jemand einen Anruf entgegennehmen kann, auch wenn die Anzahl der Leitungen für die Abteilung für psychische Gesundheit auf 20 verdoppelt wurde.

„Einige Leute wollen nicht so lange warten. Sie wollen, dass sich innerhalb von fünf Minuten jemand meldet, und das ist immer noch sehr schwierig“, sagte er. „40 oder 45 Prozent der Anrufer legen auf, bevor sich jemand meldet.“

Er fügte hinzu, dass der Staat doch „sehr gute“ Unterstützung für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen biete – beispielsweise durch die Allgemeine Krankenversicherung. Patienten, die sich in staatlichen Krankenhäusern psychisch behandeln lassen, müssen kaum mehr als 30 Baht bezahlen.

Amornthep „Sanju“ Sachamuneewongse, der einen Selbstmordversuch überlebte und sich für psychische Gesundheit engagiert, wies jedoch auf Lücken wie einen Mangel an psychiatrischen Fachkräften, das lange Warten in staatlichen Krankenhäusern und die viel höheren Behandlungskosten in privaten Hospitälern hin.

Der 30-Jährige bekam vor fünf Jahren Halluzinationen und andere Symptome von Depressionen und Schizophrenie. Es dauerte fast ein Jahr, bis die korrekte Diagnose gestellt wurde.

Er unterzog sich zunächst einer Magnetresonanztomographie, die ohne Befund blieb, und wurde von seinen Eltern zu einem Schamanen gebracht, bevor er schließlich einem Psychiater vorgestellt wurde.

Er hatte Selbstmordgedanken gehabt, aber mehrere Anrufe bei Selbstmord-Hotlines blieben unbeantwortet.

„Wenn mein Anruf unbeantwortet blieb, wie viele andere Anrufe sind ebenfalls unbeantwortet geblieben?“, fragte er.

Hilfe für Obdachlose

Varoth weiß, dass die Ressourcen für psychische Gesundheit ausgebaut werden müssen. Um das zu erreichen, arbeiten die Behörden mit gemeinnützigen Organisationen, Technologieunternehmen und sogar der Unterhaltungsindustrie zusammen.

Als die Corona-Krise begann, planten die Beamten zunächst, Obdachlose – eine Gruppe mit einer höheren Prävalenz von psychiatrischen Störungen und Selbstmordrisiken – in Notunterkünften unterzubringen.

Die Sozialarbeiterin Adchara Saravari von der Issarachon Foundation, die Obdachlosen in Bangkok hilft, meinte jedoch: „Wir sagten ihnen: Lass die Obdachlosen bleiben, wo sie sind. Zwingen Sie ihnen keine Ausgangssperre auf. Lassen Sie sie da schlafen, wo sie es gern möchten. Das reicht doch aus, um die Corona-Ausbreitung einzudämmen.“

Dieser Vorschlag führte zu einer entsprechenden Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden, sagte sie.

Doch es bleiben Barrieren. Die Obdachlosen haben manchmal keinen Ausweis bei sich. Das macht es schwierig, Informationen zu überprüfen. Ohne Ausweis werden sie auch nicht behandelt, bemerkte Adchara. Bei den Obdachlosen liege aber nicht die Schuld, fügte sie hinzu. Der Staat solle die Verantwortung übernehmen und sie unterstützen.

Selbstmord und psychische Gesundheit sollten „das Problem aller sein“, sagte Varoth. „Im Moment fehlen uns aufgrund von Corona die Ressourcen, um bei der psychischen Gesundheit zu helfen“, sagte er. „Aber wir können dieses Problem lösen, indem wir viele Parteien einladen, mit vielen Menschen sprechen und mit Organisationen zusammenarbeiten, die sich für psychische Gesundheit engagieren. Thais sollten zusammenzukommen und sich gegenseitig zu helfen.“

Post source : https://www.channelnewsasia.com/news/cnainsider/high-suicide-rate-region-thailand-grapples-mental-health-covid-14430142

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