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Wenn Burmas Militär an die Tür klopft

Wenn Burmas Militär an die Tür klopft

Sicherheitskräfte haben auf Proteste mit zunehmender Rücksichtslosigkeit reagiert, Menschen auf der Straße erschossen – auch Kinder –, Häuser durchsucht und Bürger willkürlich geschlagen und verhaftet.

Als Polizei und Soldaten mitten in der Nacht eintrafen, schossen sie mit ihren Waffen in die Luft, warfen Steine durch Fenster und drohten, ein Auto als Rammbock zu benutzen und durch die Haustür zu fahren, wenn niemand öffnet. U Shwe Win und seine Familie schliefen. Es war 2:30 Uhr morgens.

Polizei und Soldaten waren gekommen, um Shwe Wins Sohn, Ko Win Htut Nyein, zu verhaften. Als sie ihn fanden, schlugen sie den 19-Jährigen und legten ihm Handschellen an, bevor sie ihn wegbrachten. Sein Vergehen, so wurde der Familie mitgeteilt, bestand darin, am Vortag bei einem Protest in Mandalay Videos von der Polizei aufgenommen zu haben.

Mehr als zwei Wochen später sucht Shwe Win immer noch nach seinem Sohn. Die Behörden behaupten, es gebe keine Aufzeichnungen über seine Verhaftung.

„Ich bin wie am Boden zerstört, als hätte ich in diesem Moment alles verloren“, sagte Shwe Win. „Ich weiß immer noch nicht, wo mein Sohn ist. Ich möchte nicht, dass er in ihren Händen stirbt, und ich mache mir Sorgen, dass sie ihn foltern.“

Seit dem Putsch am 1. Februar haben in Burma Millionen von Demonstranten für Demokratie protestiert, die Bürger haben an Generalstreiks teilgenommen. Es hat sich eine Bewegung des zivilen Ungehorsams gebildet, was die Wirtschaft des Landes praktisch zum Erliegen gebracht hat.

Sicherheitskräfte haben mit zunehmender Rücksichtslosigkeit reagiert, Menschen auf der Straße erschossen oder willkürlich geschlagen und verhaftet.

Politiker, Journalisten, Studenten und normale Bürger sind alle in den Klauen des Militärs gefangen. Soldaten und Polizei dringen mitten in der Nacht in Häuser ein und suchen nach Gegnern der Militärherrschaft. Viele haben sich versteckt. Einige wurden festgenommen und wieder freigelassen. Andere werden vermisst, gefoltert oder sind tot.

Die Aktionen des Militärs haben eine erschreckende Botschaft gesendet: Niemand ist in Sicherheit.

„Das Ausmaß der Verhaftungen seit dem Putsch gibt einen klaren Hinweis darauf, wohin die Militärjunta das Land führt: ein Ort ohne Raum für Kritiker oder politische Opposition“, sagte Mu Sochua, ehemaliges Mitglied des kambodschanischen Parlaments und Mitglied einer Menschenrechtsorganisation.

Bis Anfang März hatten Sicherheitskräfte mehr als 500 Menschen getötet und über 3000 verhaftet oder angeklagt, so eine Gruppe, die Verhaftungen und Morde aufzeichnet. Bei dem jüngsten Opfer, erst sechs Jahre alt, handelt es sich um ein Mädchen, das am 24. März auf dem Schoß seines Vaters erschossen wurde.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind Hunderte von Personen, die rechtswidrig inhaftiert worden waren, verschwunden. Mindestens fünf sind in Gewahrsam gestorben, zwei von ihnen scheinen gefoltert worden zu sein, teilte die UN mit.

Unter den Inhaftierten befinden sich auch die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, und Hunderte neu gewählter Abgeordneter, Gouverneure und andere Beamte, die mit der Partei Nationalen Liga für Demokratie (NLD), verbunden sind.

Nach dem Wahlsieg der NLD erkannte das Militär, dass es weiter an Macht einbüßen wird, und putschte.

Wie viele der Verhafteten durfte Aung San Suu Kyi nicht mit ihrem Anwalt sprechen.

Während Soldaten und Polizisten willkürlich Leute schlagen und verhaften, ziehen sie gleichzeitig plündernd durch die Städte. Sie stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Geld, Handys, Motorräder und sogar Autos, sagten Opfer und Zeugen in Interviews. Einige Demonstranten berichteten, sie seien erst freigelassen worden, nachdem sie der Polizei eine Art Lösegeld gezahlt hatten.

In Mandalay verschwand der 24-jährige Ko Myo Hein Kyaw nach seiner Verhaftung bei einem Protest. Seine Familie wurde vier Tage später darüber informiert, dass er gestorben und seine Leiche eingeäschert worden war.

In anderen Fällen wurden Leichen an Familien mit sichtbaren Verletzungen und wenig Erklärung zurückgegeben.

U Zaw Myat Lynn, ein NLD-Aktivist, der ein Berufsbildungszentrum für die Partei leitete, wurde am 8. März gegen Mitternacht festgenommen. Am nächsten Tag wies die Polizei seine Frau Daw Phyu Phyu Win an, in ein Militärkrankenhaus zu kommen, um seine Leiche zu identifizieren.

Sie habe viele blaue Flecken in seinem Gesicht gesehen, sagte sie in einem Interview.

Der Rest der Leiche war in ein Tuch gewickelt, aber Fotos zeigten eine Wunde an seinem Bauch, die als Todesursache angegeben wurde.

Der offizielle Autopsiebericht besagte, dass er bei einem Fluchtversuch eine Bauchverletzung erlitten hatte, als er aus einer Höhe von zehn Metern auf einen Zaun sprang. Seine Frau glaubt indes, er sei erstochen worden.

„Als ich seine Leiche sah, war ich mir sicher, dass sie meinen Mann getötet haben, nachdem sie ihn gefoltert hatten“, sagte sie.

Bei der Suche nach Flüchtlingen und Anti-Putschisten besteht eine gängige Taktik darin, dass die Polizei Familienmitglieder und Kollegen festnimmt und versucht, nützliche Informationen aus ihnen herauszuholen. Viele der Gejagten sind gewählte Beamte, die sich versteckt haben, darunter auch Abgeordnete, die eine Gruppe gebildet haben, die behauptet, Burmas rechtmäßige Regierung zu sein.

U Sithu Maung (33) ist einer dieser Parlamentarier und war das Ziel einer einwöchigen Fahndung.

Am Abend des 6. März um 9:30 Uhr trafen Soldaten und Polizei bei einem der engen Mitarbeiter von Sithu Maung aus der NLD, U Khin Maung Latt, ein.

Khin Maung Latt wurde verhaftet. Am nächsten Morgen wurden Familienmitglieder aufgefordert, seine Leiche abzuholen. Die Familie fand Blutergüsse auf seinem Rücken und Stiche in seiner Kopfhaut, sagte Sithu Maung.

„Das ist ein großer Verlust für mich, da er mein Kollege, Kamerad und für mich wie ein Onkel war“, sagte er in einem Interview aus dem Versteck. „Das war ein Attentat auf einen verantwortungsbewussten Bürger.“

In derselben Nacht durchsuchten Soldaten und die Polizei das Haus von Sithu Maungs Eltern, brachen die Tür ein und hielten alle mit vorgehaltener Waffe fest, sagten Familienmitglieder.

Als sie Sithu Maung nicht fanden, verhaftete die Polizei seinen Vater, der aus der Hintertür rannte, wo Sicherheitskräfte auf ihn warteten.

Sie schlugen ihn mit einer Waffe auf den Kopf, sagten Familienmitglieder. Sie durchsuchten das Haus und nahmen zwei Handys und 4000 Dollar in Gold und Bargeld mit. Als sie gingen, feuerten sie ihre Waffen ab und warfen eine Blendgranate auf die Straße.

„Dieses Muster der Gewalt wurde in Yangon (Rangun) und anderen Städten beobachtet“, sagte Sithu Maung. „Sie kommen und suchen jemanden. Wenn sie diese Person nicht finden können, werden sie gewalttätig und gehen auf Familienmitglieder der gesuchten Person los.“

Der Sprecher des Putsch-Regimes, General Zaw Min Tun gab auf einer Pressekonferenz zu, dass die Sicherheitskräfte 164 Menschen getötet hatten, behauptete jedoch, sie seien alle gestorben, als sie die Polizei und Soldaten mit Molotow-Cocktails und selbstgebauten Rauchbomben angriffen.

Das Militär äußerte sich nicht zu den Demonstranten, die nach ihrer Inhaftierung gestorben oder verschwunden sind.

Mitglieder der Öffentlichkeit bezeichnen die Sicherheitskräfte allgemein als „Terroristen“ – wegen der brutalen Methoden, die sie anwenden, wenn sie Verhaftungen durchführen und willkürlich in Menschenmengen und Häuser schießen.

In Süd-Burma versammelten sich Studenten der Myeik-Universität zu einem Protest, als Soldaten und die Polizei eintrafen. Die 22 Jahre alte Philosophiestudentin Ma Thae Ei Phyu wurde aus einiger Entfernung mit Gummigeschossen in den Nacken geschossen.

„Ich habe versucht, nicht zu Boden zu fallen, weil ich weiß, dass sie Frauen und Mädchen vergewaltigen”, sagte sie. „Ich wollte nicht verhaftet werden.“

Soldaten nahmen die gesamte Gruppe von etwa 70 Demonstranten fest und brachten sie zu einem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt und schlugen sie mit Stöcken, Plastikrohren, Ketten und Gürteln, sagte U Nay Lin (30), der unter den Verhafteten war. Die Schläge hinterließen riesige rote Striemen auf seinem Rücken, wie ein Foto zeigte.

Nay Lin sagte, ein Mann mit einer Tätowierung von Aung San Suu Kyi auf seiner Brust habe die schlimmsten Schläge von allen erhalten.

Die Studentin Thae Ei Phyu wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo die tiefen Wunden am Hals genäht wurden, die die Gummigeschosse verursacht hatten. Sie und die meisten anderen wurden schließlich ohne Anklage freigelassen.

„Sie haben versucht, uns zu bedrohen, indem sie uns verhaftet und gefoltert haben, aber wir haben keine Angst zu sterben“, sagte sie. „Es ist besser zu sterben als unter der Junta zu leben.“

Acht Länder verurteilten das Vorgehen des Militärs gegen die eigene Bevölkerung nicht und nahmen auf Einladung der burmesischen Putschisten Ende März an einer Militärparade in der burmesischen Hauptstadt Naypyitaw teil: Bangladesch, China, Laos, Pakistan, Russland, Vietnam – und Thailand.

 

 

Post source : https://www.nytimes.com/2021/03/26/world/asia/myanmar-military-protesters-arrests.html?action=click&module=Top%20Stories&pgtype=Homepage

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