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Wer kauft noch VHS-Kassetten?

Wer kauft noch VHS-Kassetten?

Trotz der Erfindung der DVD vor gut 20 Jahren und der nachfolgenden Blu-ray sowie zunehmender Streaming-Portale gibt es immer noch die Möglichkeit, bewegte Bilder anders zu genießen. Dabei spielt auch ein Nostalgiefaktor eine große Rolle.

Der letzte Videorecorder wurde laut Dave Rodriguez (33), einem Bibliothekar an der Florida State University in Tallahassee, im Jahre 2016 von Funai Electric in Osaka, Japan, hergestellt. Aber das VHS-Band selbst kann unsterblich sein. Denn hierfür gibt es nach wie vor einen robusten Markt.

Auf Instagram bewerben Verkäufer Videos zum Verkauf, wie den Jerry Bruckheimer-Film „Kangaroo Jack“ aus dem Jahr 2003. Preisvorstellung? 190 Dollar.

Wenn 190 US-Dollar für einen Film über ein Känguru, das versehentlich Geld verdient, zu viel sind, sollten Sie den Preis einer limitierten Ausgabe des Disney-Films „Die kleine Mehrjungfrau“ von 1989 in Betracht ziehen, der für 45.000 Dollar gelistet ist.

Es stellt sich heraus, dass die Nachfrage nach diesen alten VHS-Bändern trotz der hohen Preise und des technologischen Fortschritts nach der Jahrhundertwende groß ist. Was die leidenschaftlichen Sammler dieser Medienform antreibt, ist die Überzeugung, dass VHS etwas bietet, das andere Medien nicht können.

„Die allgemeine Auffassung, dass die Leute im Wesentlichen jeden Film zu Hause sehen können, ist absolut falsch“, sagte Matthew Booth (47) der Eigentümer des Videodrome in Atlanta, der neben Blu-rays und DVDs verleiht und VHS-Kassetten verkauft.

Laut Booth wurde Streaming „als riesiges Online-Videogeschäft angepriesen, in dem ein Kunde nur einen Klick von dem Film entfernt ist, den er sucht.“

Die Realität sei jedoch, dass Neuerscheinungen unerschwinglich teuer seien, Inhalte zwischen Abonnementdiensten „zerrieben“ würden und Filme in Zyklen laufen und oft verschwinden, bevor die Leute die Möglichkeit hätten, sie anzusehen. In diesem Sinne bietet das VHS-Band etwas, das der aktuelle Markt nicht kann: eine umfangreiche Bibliothek mit Filmen, die sonst nirgendwo verfügbar sind.

„Alles, was Sie sich vorstellen können, ist auf VHS-Band, denn man muss bedenken, es war damals revolutionär“, sagte Josh Schafer (35), aus Raleigh, Gründer und Chefredakteur von Lunchmeat Magazine und LunchmeatVHS.com. „VHS war eine Möglichkeit für alle, etwas zu drehen und dann zu veröffentlichen“, sagte Schafer und fügte hinzu, VHS biete „einfach so viel Kultur.“ Von Videos mit Familientreffen bis hin zu Filmen, die den Sprung auf DVD einfach nie geschafft haben. Schafer besitzt selbst ein paar tausend Bänder, und seine Sammlung, sagte er, enthalte „ein bisschen von allem“, einschließlich der Heimvideos anderer Leute.

Michael Myerz (29), ein Experimental-Hip-Hop-Künstler in Atlanta, der über eine bescheidene Sammlung von VHS-Kassetten verfügt, findet das Medium inspirierend. Myerz sucht in seiner Arbeit unter anderem nach den Klängen aus „seltsamen, obskuren Filmen auf VHS, die ich spät in der Nacht bei meinem Freund gesehen habe, nachdem seine Eltern eingeschlafen waren.“

Für Sammlerinnen wie April Bleakney (35), Inhaber und Künstler von Ape Made, einer Kunst- und Siebdruckfirma in Cleveland, spielt Nostalgie eine wichtige Rolle. Bleakney, die 2400 oder 2500 VHS-Kassetten hat, betrachtet diese als Verbindungsglied mit der Vergangenheit. Sie erbte einige von ihrer Großmutter, einer Kinderbibliothekarin mit einer riesigen Sammlung.

Bleakneys VHS-Kassetten sind „große Nostalgie“ für ein Kind der 1980er Jahre. „Ich denke, wir waren die letzten, die ohne Internet, Handys oder soziale Medien aufgewachsen sind“, und das Festhalten an den „alten analogen Medien“, sagte sie, fühle sich „sehr natürlich“ an.

Das VHS-Band hatte eine beschränkte Lebensdauer. Es wurde 1976 in Japan entwickelt, 1977 in die USA gebracht und 2006 eingestellt, als Filme nicht mehr auf Band konvertiert wurden. Doch rund 30 Jahre lang brachte es alle Arten von Unterhaltung ins Haus.

Filmkenner konnten nicht nur freitagabends in den Gängen der Videotheken stöbern, sondern auch Heimvideos drehen – von kunstvoll bis verrückt. Das tolle an VHS war auch, und das war sensationell damals, dass man mit einem Videorecorder mittels Aufnahmefunktion Sendungen aus dem Fernsehen aufnehmen konnte.

„In seiner Blütezeit wurde es in Massenproduktion hergestellt und weit verbreitet“, sagte Rodriguez über das VHS-Band. „Wenn also ein Filmemacher einen Film machen wollte oder Eltern die ersten Schritte ihres Kindes billig und einfach drehen wollten, um das der Welt zu präsentieren, hat die VHS das alles abgedeckt.“

Die Bänder, so James Chapman, Professor für Filmwissenschaft an der Universität von Leicester in Großbritannien und Herausgeber des Historischen Journals für Film, Radio und Fernsehen, seien „die erste Technologie gewesen, die den Massen zu Hause den Zugang zu Filmen in großem Maßstab ermöglichte.“ Für viele sei dieser einzigartige Beitrag der VHS nicht leicht zu vergessen.

Dieser Zugang bietet oft einen Einblick in einen bestimmten Zeitpunkt, sagte Kevin Arrow (58ein Künstler und Museumsexperte in Miami. Er sagte, dass auf VHS aufgenommene Heimvideos oder aufgezeichnete Fernsehprogramme, die alte Werbespots und Ausschnitte aus den Nachrichten enthalten, besonders aufschlussreich für das Eintauchen in die Kulturgeschichte sind.

Arrow merkte auch an, dass nicht nur die VHS, sondern auch die Idee des Videogeschäfts eine veraltete Idee ist. Die Videoverleihkette Blockbuster hatte einst mehr als 9000 Filialen in der ganzen Welt. Jetzt gibt es nur noch eine einzige Niederlassung in Oregon.

„Das war damals, als ob man in einen Supermarkt gegangen ist“, sagte Arrow. „Man hat gestöbert. Vielleicht suchte man nach Neuerscheinungen oder ließ sich von Mitarbeitern über den Film der Woche beraten.“

Dieses besondere Gefühl oder das Schwätzchen bei der Filmauswahl gebe es in der aktuellen Streaming-Landschaft von Netflix, Amazon und anderen On-Demand-Verleihanbietern nicht mehr.

Post source : https://www.nytimes.com/2021/02/20/style/vhs-tapes.html?referringSource=articleShare

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