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Die Milchstraße

Die Milchstraße

Horsti war dabei und Fungi, Ebi, Bonge und Rüdiger, obwohl Rüdiger oder Rütsch, wie wir ihn nannten, schon eine Kl asse weiter war. Der war schon in der Dritten, während wir uns in der Zweiten noch mit ein paar Hanseln rumquälen mussten, die immer noch nicht flüssig lesen gelernt hatten. Außerdem war natürlich ich dabei, mein Name war Wolfi, ist er bei manchen Leuten heute noch.

Mit Osterputz oder mit ohne Osterputz? fragte Rütsch am Anfang der großen Pause regelmäßig und zog sein Klickerbeutelchen aus der Hose.

Mit! sagte Horsti dann und „natürlich mit“ sagte Fungi, weil der immer Horstis Meinung war.

Nur Ebi sagte: Ich will lieber ohne! weil er der Bruder von Rütsch war, nur ein Jahr jünger, und weil er deshalb niemals der Meinung seines Bruders sein durfte, auch wenn der gar keine Meinung hatte sondern nur gefragt hatte: Mit oder ohne?

So verging ein großes Stück der Pause im Streit um diese Lebensfrage. Horsti grub derweilen schon mit dem Absatz ein Loch in den Lehm hier am hinteren Ende des Schulhofs. Er säuberte mit der Hand ein wenig den Rand des Loches von Krümeln, machte also schon Osterputz, während die anderen noch darüber stritten. Es kam vor, dass welche aus der Vierten angerannt kamen und wie durch Zufall das Klickerloch wieder zuschütteten oder auch ein Klickersäckchen erwischten, das sie weit weg kickten.

Ab und zu wurde nebenbei einer gekippt. Manche bevorzugten mit Schoko, die anderen tranken pur. Es waren die kleinen zylindrischen Schulmilchflaschen mit den großen Öffnungen oben und dem Silberpapier drüber, die die Amis spendeten. Deswegen gab es den Kakaotrunk, wie er offiziell hieß, umsonst. Auf dem Mäuerchen stellte jeder seine Flasche in einer Reihe ab. Das war unsere Milchstraße. Keiner von uns trank ganz aus. Wenn die Pause lang genug war, wurden alle Reste zusammengekippt. Einer von uns, meistens Ebi, sagte dann: Iii, ist das eklig! Und wenn wir einen dabeihatten, der „Mause“ war, musste der das Gemisch trinken. Das kam nicht in jeder Pause vor, denn nicht immer wurde einer „Mause“. Mause heißt, einer hat keine Klicker mehr. Manchmal konnte man sich noch ein paar Klicker leihen und damit wieder aufholen. Manchmal riskierte einer in höchster Not sogar seine Glasklicker und gewann damit ein paar andere zurück.

Jeder warf aus fünf Schritten Abstand jeweils sechs Klicker Richtung Loch. Die, die im Loch landeten, gehörten ihm. Er durfte dann mit dem angewinkelten Zeigefinger die umliegenden Klicker so anschubsen, dass sie ins Loch rollten. Blieb eins der Kügelchen draußen, kam der nächste dran und der erste bekam die aus dem Loch. Das war das Golfspiel der Männer von sieben Jahren auf dem Schulhof hinten, beim Gebüsch, neben dem Mäuerchen.

Ich habe nur einmal trinken müssen. Das war schon in der Dritten. Der Lehrer Höhl sah das gar nicht gern. Wir mussten drauf achten, dass die Aufsicht immer weit genug weg war, wenn´s ans Straftrinken ging. Bonge hat dabei sogar einmal gekotzt. Er hat sich dazu hinter dem Mäuerchen geduckt, damit kein Lehrer ihn sah. Ehrensache. Auch vor den Mädchen mussten wir uns in Acht nehmen. Die blinzelten gerne von der Sandbahn herüber und gingen dann zur Aufsicht und petzten.

Als ich damals dran war, habe ich einen Teil des Ekelgemischs versehentlich auf den Boden gekippt. Kann doch nichts dafür, rief ich, bin gestolpert.

Du bist gar nicht gestolpert, schrie Rütsch und die anderen schlossen sich seiner Meinung an.

Ich hab das auch gesoffen! rief Bonge, jetzt du auch. Ehrensache.

Hättste halt besser geklickert! sagte Fungi und kam bedrohlich näher.

Es nützte nichts, dass ich schleunigst die übrige halbe Flasche in mich reinkippte. Horsti kam von der Seite, Ebi schubste mich und Fungi nahm mich in den Schwitzkasten.

Der müsste eigentlich noch mehr saufen, der Feigling!

Ich kämpfte wie Tarzan gegen die Riesenschlange, aber ich kam nicht raus aus der Klammer. Ich erreichte nur, dass der Haufen der vier Jungen, den wir bildeten, instabil wurde. Wir schwankten, Fungi kam aus dem Gleichgewicht und wir kippten alle gegen das Mäuerchen. Ich kam mit der Backe an der Kante eines Ziegelsteins auf. Platzwunde. Das Blut tropfte.

Bin ausgerutscht und aufs Mäuerchen gefallen, sagte ich zum Höhl.

Sieht böse aus, sagte der Höhl. Geht zum Hausmeister, der macht ein Pflaster drauf.

Die Narbe auf der Wange habe ich heute noch. Sechzig Jahre später.

Aber schön war´s doch!

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