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Leben, um zu arbeiten

Leben, um zu arbeiten

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Lockdown-Rede Kultur als „Unterhaltung“ bezeichnet und erwähnte diese in einem Atemzug mit Bordellen und Clubs. Wenn für eine Kanzlerin Kultur augenscheinlich überhaupt keine Rolle spielt, dann darf man sich nicht wundern, wenn Theater, Opern, Konzertsäle und Kinos ohne mit der Wimper zu zucken geschlossen werden. Dass es dort kaum Ansteckungen gibt, wenn überhaupt, interessiert nicht.

Das gilt im Übrigen auch für Hotels und Gastronomiebetriebe. Die Betreiber haben sich oftmals alle erdenkliche Mühe gegeben, die von der Regierung geforderten Hygienevorschriften einzuhalten. Zum Dank mussten die Betriebe schließen – viele stehen jetzt vor dem Aus. Einen zweiten Lockdown überstehen sie nicht. Doch zurück zur Kultur.

Als der letzte Vorhang an der renommierten Bayerischen Staatsoper fiel, wollte und konnte der Bariton Michael Nagy seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Es ist eine Ohrfeige“, sagte der 43-Jährige über das vorläufige Ende der Oper, weil die Bundesregierung die Schließung auch dieses Betriebes wegen der zunehmenden positiv ausfallenden Coronatests angeordnet hatte. Mindestens bis Ende November bleibt das Opernhaus geschlossen.

Besonders bitter war die Pille für die Münchner Oper, die im Oktober noch geöffnet hatte. Corona-Infektionen konnten dort nicht festgestellt werden.

Regisseur Nikolaus Bachler (69) sagte, er verstehe nicht, warum öffentliche Verkehrsmittel noch benutzt und Leute noch in Supermärkten und Geschäften einkaufen dürften, während die Oper schließen müsse.

„Wir haben eine disziplinierte Öffentlichkeit. Es ist möglich, die Risiken zu meistern. Die Entscheidung ist unangemessene“, sagte er.

Seine Enttäuschung wurde von Kollegen aus der Unterhaltungsbranche geteilt.

In einem offenen Brief sagten deutsche Schauspieler, Sänger und Komödianten: „In den letzten Monaten haben wir den Eindruck gewonnen, dass wir weniger wert sind als Autos, Flugzeuge oder Fußballer.“

Wütend

Europas größte Volkswirtschaft hat die erste Corona-Welle zu Beginn des Jahres relativ gut gemeistert, aber die Zahlen der positiven Tests (was nicht bedeutet, dass es sich um Erkrankungen handelt) sind in den letzten Wochen im Gleichschritt mit anderen Ländern auf dem Kontinent rapide gestiegen.

Da die positiven Tests in den vergangenen Wochen fast täglich neue Rekorde erreichten, hat die Regierung beschlossen, dass neben Kulturbetrieben auch die Bereiche Freizeit und Gastronomie geschlossen werden müssen.

Seitdem leben die Deutschen nur noch, um zu arbeiten. Denn das dürfen sie.

Es wäre vermutlich einfacher aufzuzählen, was noch geöffnet hat, wenn man sich die Liste der von oben verordneten Schließungen ansieht: Theater und Oper, Kino, Schwimmbäder und Bars, Clubs, Restaurants.

Schulen und Geschäfte bleiben (vorerst) geöffnet. Und natürlich die Arbeitsstellen. Es gibt auch keine Einschränkungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, damit der Deutsche zur Arbeit fahren kann, um die Steuern zu verdienen, die er an die Regierung bezahlen muss.

Auch der Profisport darf weitergehen, während gleichzeitig der Amateursport zerschlagen wird. Man darf gar nicht daran denken, welche Dramen und Tragödien sich hier zurzeit abspielen.

In einem Video sagte der deutsche Jazz-Trompeter Till Broenner, er sei „wütend“ über die mangelnde Unterstützung des Kultursektors.

Einschränkungen in den letzten Monaten haben den Lebensunterhalt von eineinhalb Millionen Menschen gefährdet, sagte er und stellte fest, dass der Kultur- und Unterhaltungssektor Einnahmen in Höhe von 130 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Deprimierend

Bariton Nagy betonte, dass die Künstler das Virus sehr ernst nehmen wie alle Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung.

Aber er bemerkte auch, dass der ansteckungsfreie Oktober gezeigt habe, dass es möglicherweise nicht notwendig sei, Opernhäuser zu schließen.

Nach der letzten Aufführungen der Bayerischen Staatsoper vor dem neuen Lockown klatschte das Publikum mit aller Kraft, jubelte laut und stampfte vor Begeisterung mit den Füßen. Auf den rot gepolsterten Sitzen in der Halle mit eleganten Balkonen, die normalerweise bis zu 2100 Sitzplätze bieten, jubelten die Zuschauer der Premiere der Oper „The Birds“ von Walter Braunfels zu.

„Es ist deprimierend und schmerzhaft, hier in einer Halle zu sitzen, die so leer ist“, sagte der 48-jährige Jan Brachmann mit einer Fliege um den Hals und einer Maske über Nase und Mund.

Der Opernliebhaber sagte, er wollte aus Respekt für die Künstler bei der Premiere dabei sein.

Post source : https://www.thelocal.de/20201101/coronavirus-shutdown-a-slap-for-german-cultural-world

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