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Was wünscht sich eine Frau am meisten?

Was wünscht sich eine Frau am meisten, die einen technischen Beruf ergriffen hat, der nicht mehr zu ihr passt, die den unerträglichen Dummschwätzer, den sie mal geheiratet hatte schon vor Jahren entsorgt hat, die ihre beiden Kinder nur noch zu Weihnachten sieht und um deren Bandscheiben es nicht zum Besten bestellt ist? Sarah wünscht sich eine große Reise, am besten eine Seereise. Ihre Verrentung ist seit einem Jahr überfällig, doch der Chef hat darauf gedrängt, sie solle noch etwas Zeit dranhängen. Sie sei unersetzlich. Sarah Mütter weiß, wa-rum sie unersetzlich ist. Im Labor, wo mit Chloraten und Stickstoffderivaten an der Verbesse-rung der Düngemittelprodukte gearbeitet wird, würde kein Chemieingenieur von heute mehr einen Finger krumm machen. Nur „unser altes Möbel Sarah“, wie der Chef gern jovial und schulterklopfend sagt, ist noch bereit, mit den völlig veralteten Zentrifugen, Röntgengeräten und Spektralrotoren zu arbeiten.

Die Druckkammer ist nicht mehr ganz dicht, die Reaktions-wanne leckt. Sarah hat sich daran gewöhnt, die Dämpfe im Labor sind ihr Parfüm.

Sarah kommt von der Arbeit. Danach war sie noch bei Edeka, einkaufen. Sie ist jetzt 66. Eine stabile Frau mit einem kaputten Rücken. Die Lunge pfeift auch. Zu viel Chlor in diesem Leben. Sie schleppt sich die Treppe hoch. Früher vierter Stock, heute zweiter. Immerhin. Aber auch 36 Stufen sind inzwischen 36 zu viel. Sie keucht, sie hält sich am Geländer fest, sie stützt sich am ersten Treppenabsatz auf der Fensterbank ab. Die schwere Tasche mit den Einkäufen stellt sie kurz ab. Frau Schwarz aus dem dritten Stock kommt die Treppe runtergetrippelt. Tag, Frau Mütter. Soll ich Ihnen kurz helfen mit der Tasche? Entrüstet lehnt Sarah ab. Bin doch kein altes Weib. Werde doch hier noch hochkommen.
In ihrer Manteltasche die Post aus dem Briefkasten. Einer der Briefe steckt in einem extra-teuren Umschlag. Blaues Wasser, eine Palme und ein gelber Sonnenball sind außen aufge-druckt. Der Brief verkündet Sarah, dass sie beim Preisausschreiben des Reiseunternehmens TUI eine Kreuzfahrt in die Karibik gewonnen hat. Drei Wochen wird sie auf dem Luxusliner „Helena“ verwöhnte werden und Miami, Havanna, Haiti und die Dominikanische Republik besuchen können. Schlammbäder und medizinischen Massagen für die vorwiegend älteren Herrschaften auf dem Schiff werden ohne Mehrkosten angeboten.
Als Sarah sich die Treppe hoch schleppt, weiß sie davon nichts. Sie ahnt nichts von weißen Stränden, von Palmen und Cocktails unter Sonnenschirmen. Sie weiß nichts von besorgten Doktoren und geschickten Masseuren, die sich um ihren Rücken kümmern und sie verjüngen werden.

Sie keucht und jetzt, nach sieben weiteren Stufen, transpiriert sie stark. Das ist neu. Auch das Herzpochen ist heute ungewöhnlich und auch die ersten Schlieren vor den Augen. Nur noch siebzehn Stufen, das muss doch zu schaffen sein. Sarahs Lunge pfeift.

Woher nur diese Schlieren vor den Augen kommen? Sie sieht kaum noch die schartige Treppenhauswand, den staubigen Gummibaum auf dem Fensterbrett des Flurfensters, auch nicht den ausgetretenen Sisalläufer auf den Stufen. Die Einkaufstüte hängt schwer an ihrem Arm, sie spürt das Gewicht nicht mehr. Sie sieht etwas Helles, als scheine Licht durch die Wände hindurch.

Während sich die geschwollenen Füße mühsam Stufe um Stufe nach oben quälen, wird es hell und licht im Kopf von Sarah Mütter. Sie bemerkt nicht mehr den Schweiß in den Achselhöhlen und hört nicht ihr eigenes Keuchen. Das Herzpochen wird zum leisen Brummen eines starken Motors, tief unten im Schiffsrumpf und über ihr zieht jetzt eine glei-ßende Sonne herauf. Südsee. Licht überall und Wärme. Ich bin in der Südsee, denkt sie. Jung ist sie wieder, alles flirrt und leuchtet um sie herum und es ist als ob sie schwebe. Sie ist eine Schwalbe, eine Möwe, eine Taube ist sie. La Paloma, sie hört die Melodie von fern dann kommt sie näher und wird brausend. Sie fliegt mitten in einem Orchester. Pauken dröhnen und Trompeten blasen nach einer überirdischen Partitur.

Sie schwebt über blauen Ozeanen und unten sind gelbe Strände. Palmen sieht sie und einen weißen Dampfer, ein Traumschiff, wie sie es aus dem Fernsehen kennt. Wind fächelt ihr ums Haar. Das Brausen wird schwächer und süße, leichte Melodien schleichen sich in ihr Ohr. Ihr Gesicht ist der gelben Sonne zugestreckt. Sie lächelt. Sie lächelt ein warmes, unschuldiges, glückseliges Lächeln.

Es wären noch fünf Stufen gewesen. Das wissen die Nachbarn aber nicht, als sie etwas später den leblosen verrenkten Körper auf dem Treppenabsatz finden. Sie war von oben her-abgestürzt. Im Gesicht hat Frau Sarah Mütter noch diesen engelhaften Ausdruck. Aus der Manteltasche ist ein Umschlag herausgerutscht. Ein Nachbar legt ihn achtlos aufs Fensterbrett neben den Gummibaum.

Frau Mütter braucht die Kreuzfahrt der TUI nicht mehr. Sie hat ihre Seereise gehabt, bevor sie im Wagen des Notarztes ihre letzte Fahrt antritt. Ein Wunsch, ein Traum war erfüllt.

Post source : Begegnungszentrum Pattaya - Schreibgruppe

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