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Die Film- und Serienkritik

Die Film- und Serienkritik

Gangs of London, Großbritannien 2020

Die Serie könnte auch heißen: Bitte anschnallen!

Es gibt immer wieder britische Serien, die weitaus mehr sind als Mittelmaß. Dazu gehörten zuletzt „Bodyguard“ oder „Line of Duty“.

Wer meinte, dass diese beiden Serien schon ein Knaller waren, der sollte sich einmal „Gangs of London“ zu Gemüte führen.

Es geht ganz gemächlich los: Ein Mann hängt an einem Seil von einem Hochhaus. Was mit ihm passieren wird, ist eigentlich klar. Dann aber doch etwas anders: Das Seil wird nicht durchgeschnitten, sondern der Mann und das Seil werden in aller Ruhe mit Benzin übergossen und angezündet.

Der unbedarfte Zuschauer wird sich sagen: Okay, ein fulminanter Start, jetzt geht es gemütlich weiter.

Ist es so? In einer Rückblende ist ein Mord zu sehen, der der Auslöser für das ist, was da alles noch kommt. Ermordet wurde ein Pate, und nach seinem Tod versucht sein Sohn, den Einfluss des Vaters und das Imperium zu erhalten. Der Sohnemann läuft immer mit einem Schlafzimmerblick herum, was aber nichts bedeutet, denn er ist brandgefährlich und geht buchstäblich über Leichen. Er kämpft gegen allerlei andere Londoner Banden wie Kurden, Afrikaner, Pakistaner und was weiß ich, die alle ihre eigenen Interessen vertreten und dafür auch zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.

So eine brutale Serie habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Da passiert alles, was man sich so vorstellen kann – oder auch nicht. Es werden nicht nur Leute angezündet oder erschossen, sie müssen auch Aschenbecher essen, sie werden gesprengt oder einen Kopf kürzer gemacht. Sie werden über Flammen gebraten, anderweitig gefoltert oder ihnen werden die Hände abgehackt, Kinder und Familien werden bedroht und ausgelöscht, Campingplätze oder Häuser dem Erdboden gleich gemacht.

Manchmal dachte ich, ja, das ist etwas, das ich schon lange nicht mehr gesehen habe, doch ließ mich diese Brutalität, die in jeder Folge vorkommt, mitunter etwas ratlos zurück.

Der schmale Grat, USA 1998

Nach 20 Jahren Pause drehte Terrence Malick seinen dritten Film. In „Der schmale Grat“ (The Thin Red Line) geht es um US-Soldaten im Pazifikkrieg. Sie versuchen verzweifelt, einen japanischen Flugplatz auf einer Tropeninsel zu erobern.

„Der schmale Grat“ gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten und zugleich besten Kriegsfilmen überhaupt. Abgesehen davon, dass Filmstars für teils klitzekleine Rollen besetzt wurden und manchmal kaum Text haben, sieht der Zuschauer hier Männer, die von Selbstzweifeln zerfressen sind. Die „innere Stimme“, mit der Malick in seinen ersten beiden Filmen schon experimentierte, kommt hier weitaus deutlicher zum Einsatz, fast alle Protagonisten sprechen bei bestimmten Szenen aus dem Off.

Der Film beginnt mit einem Krokodil und endet mit Vögeln: Es wurde an Originalschauplätzen gedreht, die Natur spielt hier eine wichtige Rolle. Unvergessen bleiben hohe Gräser, in denen die Soldaten Deckung suchen, während auch die Kamera sucht: Sie hängt sich an die Soldaten und schweift knapp über den Gräsern umher und hält nach Japanern Ausschau.

Alle typischen Malick-Elemente sind in diesem Film bereits zu sehen. Manche Szenen sind so ungewöhnlich, dass sie sich dem Zuschauer ins Gedächtnis einbrennen wie beispielsweise die Eroberung des japanischen Camps. Für solche visuellen Ereignisse wurde das Kino erfunden.

Typisch Malick auch, dass scheinbar Wichtiges in Wirklichkeit unwichtig ist und nur am Rande erzählt wird. Wie gesagt, geht es doch eigentlich darum, einen Flugplatz zu erobern. Der ist dann auch zu sehen. Aber dafür interessiert sich der Film nicht, sondern für einen Soldaten, der einen Brief von seiner Frau bekommen hat. Malick findet es viel spannender, die Reaktion des Soldaten auf diesen Brief zu zeigen. Irgendwo im Hintergrund landet währenddessen ein Flugzeug, das signalisiert: Mission erfolgreich. Im Grunde ist das aber völlig egal, weil andere Dinge wichtiger sind.

In einem Filmforum hatte jemand kommentiert, dass ihm der Film nicht gefallen habe, ja, dass das ein „ganz komischer Kriegsfilm mit zu vielen philosophischen Einlagen“ sei.

Darauf gibt es nur eine Antwort: Es handelt sich um einen Film von Terrence Malick. JC

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