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Begegnungszentrums Pattaya

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Busfahrerin Schopenhauer biegt ab ums Kap der Guten Hoffnung

Der Wind heulte und Anneliese Schopenhauer auch, als das Schiff schräg und stampfend links ab zum Kap einbog und Anne­liese es unten nicht mehr ausgehalten hatte, wegen der Schauke­lei und dabei war, es oben nicht mehr auszuhalten wegen des Sturms – ein richtiger Kapsturm  – und der Schaukelei, und unter Scheibenwischergewedel mit dem freien Arm wollte sie das Lied anstimmen ,,Wolken, Wind und Wogen sind dem Seemann nah“,  nur um sich etwas zu beweisen, aber nicht nur sich, sondern auch diesem Heinz, der hier einfach links abbog, ohne zu blinken und auch noch behauptete, das heiße Steuerbord, aber da kam‘s. In ho­hem Bogen kam‘s und flog in die Wogen und schmeckte nach Putenbrust in Currysauce.

Oh, wie war sie nicht stolz einhergeschritten vor zehn Tagen über den Laufsteg des Kreuzfahrtschiffes, geschwellter und straff hochgeschobener Brust, frisch geföhnten, frisch getönten, frisch ondulierten Haares, unter den Klängen der Schiffskapelle, mit sicherem Schritt über dem Abgrund und sicher der Wirkung ihrer Hinterbacken –  ebenfalls straff gegürtet unter weißen Jeans – auf das Schiffspersonal, im Auge diesen Blonden, Markanten mit den vielen Winkeln und Banderolen auf dem Ärmel, im Sinn das Lied ,,By the rivers of Babylon“, unter dem Arm ,,Die Welt als Wille und Vorstellung“ Band 1 und 2, Goldschnitt, und im Herzen hoffend auf die Frage, was das für Bücher seien, am besten von dem Markanten mit den Banderolen, auf die sie antworten könnte: Ich warte schon Jahre drauf, mal was von meinem be­rühmten Namensvetter zu lesen.

Eigentlich war sie dreißig und Busfahrerin.  Steuermann sucht Steuerfrau? wollte sie fragen, kokett, und ihn anblinken, aber so weit war es gar nicht gekommen. Beim Be­grüßungsabend, bei der Schiffsbesichtigung, zuletzt bei der Äqua­tortaufe hatte sie nicht nur geblinkt, sondern voll aufgeblendet und Lichthupe gegeben mit ihren Augen, an denen nichts auszu­setzen war, sagten die Kosmetikerin und der Prüfer vom TUV. Sie war ausgeschert aus dem Stau der Passagiere, dieser Hammelherde, auf wenig befahrene Nebenstrecken, jederzeit abrufbereit, und hatte einsame Gänge gemacht auf dem Deck unter der Steu­ermannsbrücke, eins der beiden dicken Bücher unterm Arm, Goldschnitt in Abendsonne. Sätze hatte sie sich überlegt voll Süße und Exotik. Sätze, so romantisch wie Nachtfahrten durch Außenbezirke: Was ich tue, darauf kommen Sie nie, wollte sie flüstern, unterkühlt, mit niedriger Drehzahl sozusagen. Ich arbeite ähnlich wie Sie. Auch ich steuere. Auch ich navigiere in einem wilden Meer, gefährlich und unberechenbar; voller Haie und Heringe. Auch ich lenke ein großes Rad und gebiete über Maschine und Fahrgäste, deren Glück, deren Leben von mir abhängen. Und un­ter dem ersten sanften Druck seines starken Arms um ihre Taille, nach einem gehauchten ,,Heinz“ und einem geflüster­ten ,,Anneliese“ würde sie es ihm vielleicht sagen, vielleicht auch nicht, und sie würde sich einkuscheln in seine meerduftende Uni­form, oben an der Reling des Offiziersdecks – für Passagiere ver­boten.

Bis in den Kanal war sie überschäumend gewesen, bis auf die Höhe von Gibraltar guter Dinge –  vielleicht war er verheiratet und musste sich erst lösen – bis zum Äquator hoffnungsvoll, dann rasch nachdenklich und zum Schluss … verletzt! Gestern und vor­gestern, da hatte sie es wissen wollen, da hatte sie spät die vorge­schriebene Fahrroute verlassen und war ins Oberdeck gestiegen: Es waren noch eine …  nein, mit gestern zwei … nein, mit vorgestern Abend sogar drei … vor ihr dran!

Da dachte Anneliese Schopenhauer an ihre öden Lieder und an ihre langweiligen Bücher und an den blödsinnigen Neid der Kollegen, als sie diese Fernreise ge­wonnen hatte. An das  überzogene Konto –  die zahlten ja nur die Fahrt und nicht die Abendgarderobe und an die Kosmetikerin und die Friseuse – und an diese ganze beschissene weite Welt dachte sie, als das Schiff links abbog ohne zu blinken und draußen der Sturm aufkam, der in ihrem Innern schon lange tobte, und sie fand das alles zum Kotzen!

Das tat sie dann auch.

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