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Zwei Geschichten aus Pattaya

Zwei Geschichten aus Pattaya

Zwei Geschichten aus Pattaya

Ein Deutscher war wegen der Prohibition völlig verzweifelt. Kein Bier bedeutete für ihn einen Verlust an Lebensqualität. Für ein Bargirl, das in Pattaya wie in einem Märchenland lebte, begann ein Alptraum. Zwei Geschichten aus dem Seebad, wie sie das Leben schrieb.

Schwach und lustlos

Ein deutscher Auswanderer in Pattaya fasste in Worte, was so viele Thais und Ausländer dachten, nachdem die Regierung das Verbot des Alkoholverkaufs bis zum 31. Mai verlängert hatte: „Warum gab es vorher keine Warnung?“

Der Gouverneur von Chonburi verbot den Verkauf von Alkohol am 12. April, zwei Tage nach Bangkok. Eine Vorlaufzeit gab es nicht, die Leute konnten keinen Vorrat einkaufen. Das Verbot sollte ursprünglich bis zum 30. April dauern, daher wurden diejenigen, die für ein paar Wochen eingekauft hatten, ebenfalls auf dem falschen Fuß erwischt. Anfänglich hieß es: Die Prohibition werde landesweit „bis auf weiteres“ verlängert.

Die Medien zitierten am 1. Mai den stellvertretenden Gesundheitsminister, der sagte, das Verbot werde bis zum 31. Mai dauern.

Nichts davon kam bei einem deutschen Expat gut an, der nur seinen Nachnamen nannte: Müller.

Als Deutscher ist er ein stolzer Biertrinker. In seinem Haus in Pattaya befinden sich zwei große Kühlschränke. Einer für Lebensmittel, der andere für Bier. Wasser? Das ist wohl nur zum Wachen da.

Müller ist verheiratet, reist häufig nach Hause. Doch zurzeit nicht. Reisebeschränkungen und Grenzschließungen halten ihn hier, und mit mehr als 160.000 Corona-Fällen in Deutschland fühle er sich im Land des Lächelns (knapp 3000 Fälle) sicherer.

Aber der zweite Kühlschrank war leer, und Müller vermisste die Tage, an denen er ein großes Bier kaufen und am Strand sitzen konnte, um es in aller Ruhe zu genießen. Manchmal traf er sich mit Freunden, und sie tranken bis Sonnenuntergang. Doch die Strände sind geschlossen und 7-Eleven ersetzte Chang durch Cola.

„Das Verbot kam zu plötzlich“, beklagte er sich und sagte, er trinke jeden Tag. Jetzt fühle er sich schwach und lustlos. „Es ist so traurig, zu Hause zu sitzen und kein Bier zu haben.“

Müller dürfte nicht der einzige gewesen sein, der gejubelt hat, als am Abend des 1. Mai die Nachricht die Runde machte, dass ab 3. Mai wieder Bier verkauft werden darf.

Wie im Märchenland

Für die 23 Jahre alte Nid war es ein Leben wie im Märchen. Das Bauernmädel aus dem Isan, das in Pattaya als Bargirl arbeitete, verliebte sich in einen Engländer, der sie mit nach Hause nehmen wollte.

Und dann kam das Coronavirus und machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Nid, die vor zwei Jahren aus der Provinz Maha Sarakham nach Pattaya kam, stand kurz vor der Erfüllung des Traums, den seit 50 Jahren so viele junge Frauen aus dem Nordosten Thailands träumen.

Pattayas nächtliche Unterhaltungsindustrie ist in den letzten Jahren unbarmherziger geworden. Das war aber nicht immer so. Vor Jahrzehnten war es nicht das Ziel, so viele Lady Drinks wie möglich spendiert zu bekommen oder einen Kunden zu finden, den man eine halbe Stunde lang unterhalten konnte. Es ging vielmehr darum, einen jungen und gut aussehenden potentiellen ausländischen Ehemann zu finden.

Im Gegensatz zu den meisten Frauen in ihrer Bierbar in Süd-Pattaya ist Nid keine alleinerziehende Mutter. Sie arbeitete in der Bar, um ihr College zu bezahlen.

Aber schon lange vor der Pandemie war das Geschäft so schlecht geworden, dass sie sich die Schule nicht mehr leisten konnte. Sie wollte Geld sparen, um eines Tages doch wieder zur Schule gehen zu können. Aber dann wurde das Geschäft so schlecht, dass sie einen zweiten Job annehmen musste.

Eines Abends betrat ein junger Brite ihre Bar, und ihr Leben änderte sich mit einem Schlag. Die beiden gingen eine Beziehung ein und schmiedeten Pläne. Er wollte sie mit nach England nehmen und bereitete alles vor.

Doch dann schlug Corona wie eine Granate ein und machte alles zunichte. Innerhalb weniger Tage stornierten Fluggesellschaften Flüge und Regierungen blockierten die Einreise aus dem von Viren befallenen Asien. Nids Freund musste schnell nach Hause, bevor Großbritannien die Grenzen schloss.

Nid blieb allein zurück. Ihre Bar schloss und ihr Chef sagte, sie würde nie wieder öffnen.

Nid beantragte die von der Regierung versprochene Zahlung von 5000 Baht pro Monat, aber Bargirls bekommen diese Hilfe nicht.

Nid, völlig am Ende, schloss sich den Armen und Bedürftigen an und stellte sich jeden Tag in lange Schlangen, die sich vor den Armenspeisungen bildeten.

Nid sagte, sie schäme sich nicht, wenn sie diese Hilfe in Anspruch nehme. So viele Leute sitzen im selben Boot, sagte sie. Das ganze Land leide. Und jetzt, da die Regierung ihre Notstandsverordnung um einen weiteren Monat bis 31. Mai verlängert habe, würde alles nur noch schlimmer werden. Vor allem für Bargirls wie sie.

Viele ihrer Freundinnen hatten das Glück, nach Hause zu kommen, bevor der Busverkehr zwischen den Provinzen eingestellt wurde. Sie war in Pattaya geblieben, und nun ist es zu spät. Zurzeit kann sie nicht in die Heimatprovinz reisen.

Nid ist allein in ihrem winzigen Zimmer und sucht Trost bei ihrer Mutter und ihrem Freund, mit denen sie nur per Video-Chat sprechen kann.

Sie hat eine Tante in der Stadt und begab sich mit ihr fast jeden auf die Suche nach Ständen, an denen kostenloses Essen ausgegeben wird.

Aber Nid war auf Dauer so gestresst, dass sie irgendwann im Krankenhaus landete. Sie sagte, viele Leute würden in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wenn die Regierung den ganzen Mai über an diesen strangulierenden Maßnahmen festhalte.

Für Nid geht es jeden Tag ums Überleben. Ein Happy End wie „Sie lebten glücklich bis ans Ende aller Tage“ wird es für sie nicht geben. Die Coronavirus-Pandemie ist in Großbritannien schlimmer als in Thailand, und ihr Freund wird wohl monatelang bei seiner Familie in Isolation leben, sagte sie. Er komme nicht zurück.

„Ich wünsche ihm alles Gute und hoffe, dass wir uns irgendwann noch einmal sehen“, sagte sie.

Wenn sie es schon nicht nach England schafft, will sie wenigstens nach Maha Sarakham zurück. Einige Regionalzüge werden fahren wieder, vielleicht auch irgendwann Reisebusse.

Nid hat mit Pattaya abgeschlossen. Sie will nach Hause und dort Gemüse anbauen.

Weil die Welt auf dem Kopf steht, sagte sie, weiß niemand, wie die Zukunft aussieht.

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