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Der Lügner

Irgendwann glaubt er an ihre Wahrheit. Kann es nicht wirklich sein, dass er ein Schwächling, ein Versager, ein hoffnungslos unsympathischer Stinker ist? Einer, der nie eine Frau kriegt, und wenn, dann eine solche, von der er denken muss, sie dürfte wohl ganz schön blöd sein, einen wie ihn zu nehmen. Die er deswegen, weil sie so blöd ist, lieber auch nicht mehr will. Er ist einer der dreimal im Monat eine Verabredung versäumt, weil er „durch den Entwurf einer Bewerbung um eine Stelle diesmal todsicher“, vollkommen in Anspruch genommen ist, wo er doch höchstens noch einmal in sechs Monaten eine seiner halbherzigen Bewerbungen rausschickt, die in Mengen fertig fotokopiert da liegen. Und das auch nur unter Druck seiner Mutter, die vierundachtzig ist, nebenan wohnt, und immer noch ein gewaltiges Zepter schwingt. Nicht mal zum Säufer hat es gereicht. Er macht sich nichts aus Alkohol. Ab und zu ein Glas Wein, vom Guten, das genügt, sagt er.

Sie müssen anfangen, an sich selbst zu glauben und aktiver werden, sagt die Psychologin aus dem Volkshochschulkurs. Du kannst alles erreichen, du kannst Konzernmanager werden, du musst nur daran glauben, sagt der Werber von Scientology. Vom Glauben allein kann man nicht Leben, sagt seine Mutter.

So führt Karl Mittenzwei seit langen Jahren seine mediokre Existenz in Winkelsried, einer völlig unbekannten Stadt im Badischen. Er lebt von der Stütze und von den kleinen Aushilfen an der Kasse bei Tendelemarkt, die er am Arbeitsamt vorbei mogelt. Damit ist er einer von Tausenden im Land, die, wie man sagt „im Leben nicht richtig Fuß fassen“ oder die „von der Mutter gefressen worden sind“ oder die „zu schwächlich veranlagt sind, um für sich selbst zu sorgen“ und die, das hört man auch, immer mehr werden.

Eine Banklehre hat er mit Ach und Krach beendet, zur Übernahme durch die Bayrische Vereinsbank hat es nicht gereicht. Vor dem Absinken in die Wohnungslosigkeit bewahren ihn nur noch das Sozialamt und die Witwenrente seiner Mutter, deren Mann, sein Vater, mal Polizeibeamter im höheren Dienst war. Außer der Witwenpension hat sein Vater ihm die Beredsamkeit hinterlassen und einen gesunden Appetit.

Dick ist er also auch noch. Morgens schläft er lang, dann das Vormittasfernsehen, dann zum Einkaufen, von dem er meist ohne etwas zurückkommt, dann eine Rundfahrt mit den Städtischen Bussen auf Sozialkarte, gegen Abend wieder Fernsehen. Ein bis zweimal am Tag reinschauen bei der Mutter, ob sie etwas braucht?

Davor hat er Angst:

– vor Menschenansammlungen

– vor längeren Gesprächen

– vor Pollen im Frühjahr

– vor Frauen

– vor Führerscheininhabern

– vor Bankangestellten

– vor Lehrern

– und davor, dass seine Mutter ihn verachtet.

Natürlich braucht sie immer etwas. Sie ist eine so genannte „gestandene Frau“ und sie sieht klar, was für ein Würstchen sie da hat. Aber sie kommt nicht gegen diesen seltsamen Prickel an. Seit das kleine Söhnchen, der kleine Karl sie so bittend und erbärmlich anschaute, weil er nicht in die Schule wollte, seit er lange Zeit Bettnässer war und heulte, weil er nicht vom Daumenlutschen loskam, fühlt sie diesen Prickel. All die Jahre, wenn sie mit dem Sohn umgeht, stellt sich ein herrliches, ein glorreiches, ein göttliches Gefühl von Herrschaft und Lebensfülle ein, das sie rauschhaft genießt. Er ist ganz und gar ihr Hausvieh, ihre Kreatur, ihr Kadaver. Ihre Einsicht in sein Unvermögen und dieses wunderbare Gefühl von Herrschaft münden zusammen in ein nachsichtiges, nachgiebiges, stets Verständnis heuchelndes Verhalten ihm gegenüber, bei dem sie aber immer darauf achtet, dass ihm dabei nicht zu wohl wird. Was bildest du dir eigentlich ein? Ich tu alles für dich und was tust du? Oder: Guck dir den Martin an, was der geschafft hat. – Das sind Sätze, mit denen sie ihn schnell wieder aus einem drohenden Gleichgewicht bringen kann. Er muss labil bleiben, damit er auf den feinsten Stoß von ihr ins Schaukeln kommt und sie ihn dann festhalten kann.

Und jetzt kommt dieser Brief. Kein Brief, eigentlich nur eine Notiz: Liebe Mama, bevor ich mich heute selbst von meiner heuchlerischen und lügnerischen Existenz befreie, sei bitte noch über Folgendes unterrichtet: Ich war gar nicht schwach und herzkrank. Ich war von Anfang an nur zu faul zum Leben. Ich habe mich deswegen hinter dir versteckt und du hast geglaubt, ich könnte nicht anders. So war uns beiden gedient. Seit einer Weile spüre ich aber Anfälle von, sagen wir, Selbstbewusstsein. Es juckt mich in den Fingern, dir ein paar runter zu hauen. Das tut man natürlich nicht. Deswegen gehe ich lieber.

Als sie das Blatt sinken lässt, klingelt auch schon das Telefon und eine Stimme fragt: Sind Sie Frau Mittenzwei, die Mutter von Karl Mittenzwei …

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