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Volle fünf Faden tief

Volle fünf Faden tief

Eine Freundin von mir hat ein Buch geschrieben. Jetzt geht es daran, das neue Werk an ihre Freunde und Bekannte zu bringen, soweit das Buch nicht in Buchläden oder Online verkauft wird. Doch das ist gar nicht so einfach, wie man sich eigentlich überhaupt nicht vorstellen kann.

Ich empfahl der Schriftstellerin, einmal eine Sammlung mit den beliebtesten Ausreden anzulegen, weshalb man ihr Buch gerade nicht kaufen kann.

Den Leuten, die sie kennen, juckt es natürlich schon in den Fingern. Man will natürlich wissen, was sie schreibt und ist total neugierig. Außerdem kann man hergehen und sagen: Ich kenn sie. Ja genau! Die, die das Buch da geschrieben hat. (Aber ich hab es ja gar nicht gelesen!) Na gut, der letzte Satz wird dann eher nicht gesagt. Behält man schön für sich.

Ein Blick auf den Covertext verrät, dass dieser gar nicht lang ist und den Inhalt des Buches in ein paar wenigen Sätzen auf den Punkt bringt. Die Geschichte, die im Buch erzählt wird, könnte für viele Leute tatsächlich interessant sein.

Nach dieser hübschen Einleitung wollen wir uns doch mal ansehen, was die Leute so sagen, wenn ihnen das Buch angeboten wird. Ich komme natürlich nicht darum herum, die beiden Hauptaussagen kurz zu kommentieren.

Die beliebteste Aussage (oder Ausrede?) lautet: „Ich lese nicht.

Kommentar: Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der so tolle Bücher wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn geschrieben hat, sagte dazu einmal: Wer lesen kann, aber nicht liest, stellt sich freiwillig auf eine Stufe mit Analphabeten.

Leider scheint es immer mehr Leute zu geben, die überhaupt nicht mehr lesen, die sich für überhaupt gar nichts interessieren, sondern nur für ihren Kram. Das sind dann ausgerechnet die Personen, die besonders schlau daher reden und meinen, die Weisheit gepachtet zu haben.

Auf dem zweiten Platz kommt folgende Aussage/Ausrede: „Hey, wir sind doch Freunde, dann kannst du mir das Buch doch gratis geben. Ich weiß natürlich, dass du Hunderte Arbeitsstunden in das Buch gesteckt hast und du vom Schreiben lebst. Aber weißt du, das ist mir doch so was von schnurzpiepegal, meine liebe Freundin, und jetzt gib mir endlich das Buch für lau!

Komischerweise ist das häufig so, wenn es um Bücher geht. Die „Umsonst-Mentalität“ scheint durch das Internet erst so richtig beflügelt worden zu sein.

Ich habe das Gefühl, dass vor allem Autoren betroffen sind. Ich weiß doch, dass der Autor vom Schreiben lebt, aber ich gehe dennoch zu ihm und sage: Du kannst doch so gut schreiben. (Der erste Satz dient dem Einschmeicheln, dann folgt mit dem zweiten Satz schon die Forderung.) Kannst du mir schnell mal was schreiben?

Das ist genau so, als ob ich zu einem Handwerker gehe: Hey, du bist doch Elektriker. Kannst du bei mir schnell mal eine Leitung verlegen? Ich bezahle das aber nicht.

Da bin ich aber mal gespannt, was der Elektriker da erzählt. Aber wenn man Autor ist, dann ist ganz klar, dass man da nichts verlangen kann. Das Schreiben ist eine Kunstform, ein Talent, eine Berufung. Elektriker dagegen ist ein Ausbildungsberuf, den jeder erlernen kann. Also muss das bezahlt werden. Das Schreiben, das man aufgrund des Talents kann, oder aufgrund fehlenden Talents nicht kann, ist aber auf Wunsch unentgeltlich zu erledigen.

Der britische Bestsellerautor Lee Child (Jack-Reacher-Reihe) sagte, dass Leute überhaupt kein Problem damit haben, fünf Pfund für zwei Kaffee zu zahlen, aber sich darüber beschweren, wie „teuer“ Bücher sind. Bücher, die das Leben des Lesers verändern können, Bücher, für die Autoren teilweise Jahre brauchten, um sie zu schreiben.

Es geht hier nicht nur um die Zeit und damit Geld, es geht auch um Können. Adjektive müssen eine ganz bestimmte Reihenfolge haben, wussten Sie das? Meinung, Größe, Alter, Form, Farbe, Herkunft, Material, Zweck, Substantiv oder zusammengesetztes Substantiv inklusive Zweck.

Sie können also ein nettes, kleines, altes, längliches, grünes, französisches metallenes Buttermesser haben. Falls Sie eine andere Reihenfolge benutzten, klingen Sie wie ein Bekloppter. Wenn Farbe vor Größe kommt, können grüne große Drachen einfach nicht existieren. Schriftsteller wissen das.

Und sie wissen noch mehr. Sie wissen, ob man wie ein Dichter klingt oder wie eine Amtsperson. Versuchen Sie das mal:

Sie können den ganzen Tag damit verbringen, die ultimative Wahrheit auf Papier festzuhalten, aber irgendwie klingt es immer komisch. Der englische Dichter William Shakespeare wusste genau, dass es besser ist, Worte mit demselben Anfangsbuchstaben oder zumindest ähnlichem Anfangslaut (F – V) in einem Satz zu benutzen.

Dann spielt es überhaupt keine Rolle mehr, worum es geht, denn alles klingt gut. Es könnte die genaue Stelle des Meeres beschrieben werden, an der eine Leiche gefunden wurde.

Eigentlich interessiert das niemanden, aber wenn Sie sagen: „Volle fünf Faden tief Euer Vater liegt“, dann werden Sie als größter Dichter aller Zeiten angesehen.

Wenn Sie aber sagen: „Die Leiche Ihres Vater liegt 9,144 Meter unter dem Meeresspiegel“, dann arbeiten Sie nur für die Küstenwache und überbringen eine schlechte Nachricht.

Euer
Walter Weiß

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