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Unfreiwilliges Zölibat

Unfreiwilliges Zölibat

Im Englischen wurde ein neues Wort geprägt: Incel. Das ist eine Abkürzung für involuntarily celibate, unfreiwilliges Zölibat. Alek Minassian, der in Toronto mit seinem Wagen in eine Menschenmenge fuhr und zehn Personen tötete, ist ein Terrorist.

Das weiß man, weil er es gesagt hat. Die Behörden bestätigten einen entsprechenden von ihm stammenden Eintrag auf Facebook, der auf eine „Incel Rebellion“ Bezug nimmt. Incels sind eine Online-Gemeinschaft von Männern, die es nicht schaffen, eine Frau davon zu überzeugen, mit ihnen Sex zu haben.

Einige dieser Incels, die Männer nennen sich selbst tatsächlich so, haben eine wirklich gut durchdachte gesellschaftspolitische Erklärung für ihr sexuelles Versagen, das sich um die Idee dreht, dass Frauen oberflächlich sind, gemein sein können und sich nur von überdurchschnittlich muskulösen Männern angezogen fühlen. Das sehen sie als Ungerechtigkeit gegenüber Männern wie ihnen an, die, ohne selbst Schuld an ihrer Lage zu sein, einen genetischen Nachteil ausbaden müssen.

Eine kleine radikale Gruppe glaubt, dass Gewalt, insbesondere gegen Frauen, die richtige Reaktion hierauf ist. Eine „Incel Rebellion“ oder ein „Beta [Männer] Aufstand“ werde diesem sexuellen Status Quo schließlich ein Ende bereiten.

Minassian ist nicht der erste, der die Gewaltphantasien in die Tat umsetzte. 2014 tötete ein sexuell frustrierter Mann in Santa Barbara, Kalifornien, sechs Menschen und verletzte 14. Er rechtfertigte seine Tat mit einem langen und recht unheimlichen Manifest, das er an Bekannte geschickt hatte. Darin geht es um Rache an Frauen, weil sie, obwohl sie es ihm geschuldet hätten, den Sex versagten, den er verdient hatte. Dieser Mann wurde für viele Incels zum Helden. Der Toronto-Attentäter lobte ihn in seinem Facebook-Posting als „erstklassigen Gentleman“, so hatte sich der Täter von Kalifornien auch selbst bezeichnet.

Nur eine kleine Prozentzahl der Incels scheint bereit zu sein, Gewalt anzuwenden oder zu Terroristen zu werden, und die Bewegung ist keine Bedrohung auf der Ebene Al-Kaida oder ISIS. Aber es ist eine neue Gefahr, die sich da zusammenbraut, ein Beweis, wie viel Macht Online-Gemeinschaften erlangen und wie sie sich radikalisieren können. Hier geht es aber nicht um den Glauben, also den Islam, sondern um frustrierte junge Männer, die private Probleme haben.

Das Facebook-Posting des Täters zeige, dass der Anschlag ein extremistischer Terrorakt war, sagte J.M. Berger, Terrorismusexperte in Den Haag. Frauenfeindlichkeit sei nichts Neues, auch die Ideologie nicht, die damit zu tun habe. Aber eine Bewegung zu haben, die sich über Frauenfeindlichkeit definiert, sei dann doch neu, meinte er.

Wenn man über Incels spricht, dann bedeutet das nicht, dass es hier um alle Männer geht, die keinen Sex haben. Vielmehr ist hier die Rede von einer spezifischen Subkultur, von Leuten, die in verschiedenen Internetforen zusammenkommen.

Man kann auch nicht von einer Sekte reden. Die Incel-Gemeinschaft besteht in den meisten Fällen einfach nur aus Männern, die im Grunde traurig und einsam sind, sie haben eine extreme Sozialphobie und leiden unter Depressionen. Abgesehen davon sind diese Männer grundverschieden.

Einige der Incels sind durchaus moderat. So wurden beispielsweise in einigen Foren Postings sofort gelöscht, die sich auf den Täter von Kalifornien bezogen.

Doch viele Incels haben Finsteres vor und haben eine Weltanschauung, die als gefährlich eingestuft werden kann, was die Online-Radikalisierung betrifft. Diese Incels posten in den Foren geradezu besessen über attraktive Männer, die sexuell erfolgreich sind. Sie werden Chads genannt. Das weibliche Gegenstück sind die Stacys, gut aussehende Frauen, die häufig ihre Partner wechseln und mit Chads schlafen. Beide gelten für die Incels als unerreichbar: Der Chad ist das männliche Idealbild, das man nur sein kann, wenn man die richtigen Gene hat – die Incels haben diese ihrer Meinung nach nicht. Und eine Stacy kann man nur bekommen, wenn man ein Chad ist, denn für andere Männer interessieren sich Stacys nicht.

Es ist diese Hilflosigkeit und negative Selbstüberzeugung, aus dieser Falle des „keinen Sex zu haben“ nicht ausbrechen zu können, das die extremistischeren Incel-Gruppierungen so gefährlich macht. Anstatt sich wie in einer Art Selbsthilfegruppe gegenseitig zu unterstützen und die Problemgebiete als Gruppe abzuarbeiten, stacheln sich diese Incels immer weiter auf. Sie sehen die Welt mit einem Anspruchsdenken: Ja, sie haben das Recht auf Sex, aber sie können ihn nicht bekommen, weil Frauen oberflächlich sind und sich daher nur für attraktivere Männer interessieren. Damit manifestiert sich ein sehr tief sitzender und grundsätzlicher Hass auf Frauen als Gruppe, der sich in den extremistischeren Incel-Gruppierungen zeigt.

Es geht diesen radikalen Incels nicht nur um einzelne Frauen, sondern um die Gesellschaft als Ganzes. So wird die sexuelle Revolution beispielsweise ebenfalls gehasst mit der Begründung, dass seitdem Frauen frei darüber entscheiden können, mit wem sie schlafen – und das ganz sicher nicht mit Incels, sondern nur mit attraktiveren Männern.

So wird dieses Gedankengut zur politischen Doktrin. Die Incels sehen sich selbst als gesellschaftliche Klasse, sie fühlen sich unterdrückt und glauben, andere Männer werden bevorzugt. Die Incels sehen sich als Proletariat, die Chads sind die Bourgeoisie.

Es ist ganz klar, was hinter dieser Idee steckt: Wenn die Wurzel des Problems ein ungerechtes Sozialsystem ist, dann benötigt man eine Revolution, um das zu ändern.
So lässt sich die Idee von der „Incel Rebellion“ erklären und letztendlich auch der Terroranschlag von Toronto, bei dem zehn Menschen starben.

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