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Über den Vielquatscher

Über den Vielquatscher

In Deutschland hatte ich keinen einzigen Bekannten, der dadurch auffiel, alle Zuhörer unter den Tisch zu quatschen. Anders in Thailand. Dem Vielquatscher kann man hier offensichtlich nicht aus dem Weg gehen, er lauert in neuer Gestalt an jeder Ecke.

Zieht das Land diese Leute an, oder welches Mysterium steckt dahinter? Das wird wohl nicht zu klären sein.

Es gibt mehrere Arten von Vielquatschern, die natürlich alle eines gemeinsam haben: Sie hören einfach nicht auf zu reden und meinen, die Botschaften, die sie mit ihrem ununterbrochenen Geseibel verbreiten, sind wichtig und weltbewegend. Es ist ihnen völlig egal, dass die Aufnahmefähigkeit des Zuhörers irgendwann nicht mehr vorhanden ist. Es wird weiter gequatscht. Es ist so, als ob man in ein bereits volles Glas nachschenkt. Dass es voll ist: egal. Immer rein damit! Ins Glas. Immer rein mit der Botschaft. Ins Ohr des gepeinigten Zuhörers.

Der eine Vielquatscher fängt ohne Begrüßung an zu quatschen. Man hat ihm etwas mitgebracht, ein Buch, eine DVD, ein Magazin. Das interessiert ihn nicht, er will seine Sammlung von Geschichten loswerden. Was sich da vor ihm befindet, erkennt er mit seinem Tunnelblick nicht.

Die anderen Vielquatscher sind höflich und lassen einen ausreden, wenn man endlich auch zu Wort kommt. Sie setzen erst dann wieder ein, wenn sich die Stimme zum Satzende hin senkt, d.h. ein verbaler Punkt gesetzt wird, der das Satzende signalisiert. Man holt Luft für den nächsten Satz, aber so weit kommt es nicht. Der Vielquatscher ist schneller und nimmt das Thema auf – oder auch nicht – und stellt sich selbst wieder in den Mittelpunkt.

Leider ist es so, dass Vielquatscher keine guten Zuhörer sind, weil sie nur darauf lauern, dass das Gegenüber endlich Luft holt, damit sie dann einsetzen können, ihre eigene Botschaft zu übermitteln. Dabei hören sie entweder nicht zu oder ignorieren schlichtweg, was der andere sagt.

Über den Vielquatscher
Über den Vielquatscher

Es geht aber noch unangenehmer. Hierbei handelt es sich um die Spezies der Vielquatscher, die nicht geduldig abwarten können, wenn ihr Gesprächspartner zumindest einen Satz formulieren will. Von diesen Leuten wird man einfach unterbrochen. Und dann ergießt sich ein ununterbrochener Redestrom in einen hinein, und man hat das Gefühl, eine Mülltonne zu sein, eine Mülltonne für die Ergüsse des Vielquatschers. Es gibt nur eine Botschaft, die diese Spezies hat: Ich texte dich so lange zu, bis du tot unterm Tisch liegst.

Nun könnte man sich der naiven Hoffnung hingeben, dass die Dinge, die der Vielquatscher zu erzählen hat, tatsächlich wichtig und weltbewegend sind. So wichtig, dass das, was man selbst erzählen möchte oder könnte, dagegen verblasst wie ein altes Polaroidfoto unter tropischer Sonne.

Welche Geschichten erzählt also der Vielquatscher, die so wichtig sind? Wichtig ist hier zunächst der Hinweis, an welchem Ort man dem Vielquatscher begegnet, Pattaya.

Ein Großteil der Geschichten handelt von amourösen Abenteuern. Es ist sehr wichtig, bis ins kleinste Detail zu erzählen, wie es wann mit wem wie lange und wo war. Die Geschichten sind alle gleich. Zumal dann, wenn man als Zuhörer schon einige Zeit vor Ort lebt. Es mag eine Million Geschichten geben, aber nach ein paar Jahren hat man alle mehrmals gehört.

Pikant wird es, wenn der Vielquatscher einer älteren Generation angehört und es mit den amourösen Abenteuern nicht mehr so klappt wie gewünscht. Das ist aber kein Problem, denn es werden dann Geschichten hervorgekramt, die zehn Jahre oder 20 Jahre oder noch älter sind: Damals, als ich 20 war, hatte ich diese Dingens kennengelernt, und wir …

Wann war das? 1960? Toll!
Aber Vorsicht: Wenn man weghört und der Vielquatscher das merkt, erzählt er alles noch einmal von vorne!

Ein weiteres wichtiges Thema, über das der Vielquatscher doziert – außer dem aktuellen Wechselkurs – ist sein Alkoholkonsum. Auch hier wird bis ins kleinste Detail berichtet, wie und wann und mit wem und wie lange und wie viel. Ob Frau oder Alkohol, das scheint keine Rolle zu spielen, die Parameter bleiben dieselben.

Während der Vielquatscher über seinen Alkoholkonsum berichtet, versucht er, seinen zum Stummsein verurteilten Zuhörer davon zu überzeugen, noch einen Drink zu bestellen. Bei Widerrede erfolgt ein neuer Redeschwall, und ich will mal einen Vielquatscher kennenlernen, der mich auf Biegen und Brechen zum Trinken von Sodawasser überreden will. Doch komischerweise dreht es sich immer nur um Alkohol.

Einige Vielquatscher haben tatsächlich etwas zu erzählen, das von den vorgenannten Themen abweicht. Dann hört man Autogeschichten (von 0 auf 180 in X Zehntelsekunden), Haustiergeschichten (meine Katze spricht nicht mehr mit mir), Ehegeschichten (meine Frau hat Somtam „gekocht“), Verdauungsgeschichten (ich musste ganz dringend/ich kann nicht aufs Töpfchen), Verkehrsgeschichten (ich hatte so einen Hals) und Geschichten über den nicht anwesenden Kumpel (der quatscht immer so viel, der muss doch einen Sprung in der Schüssel haben).
Genau!
Euer
Walter Weiß

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