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Todesstrafe: Messerscharfe Argumente

Todesstrafe: Messerscharfe Argumente

Hinrichten oder nicht hinrichten? Diese Frage wog schwer auf der thailändischen Gesellschaft, als letzten Monat ein Delinquent nach neun Jahren das erste Mal exekutiert wurde. Es ist eine schwierige Frage, eine Frage, in deren Komplexität es um Moral, Gesetz, Religion, Glauben, Werte und sogar um die Position des Landes in Bezug auf internationale Normen geht.

Wie immer – denn das hier ist Thailand – kochen bei der Diskussion die Emotionen hoch. Tatsächlich ist Emotionalismus die liebste Freizeitbeschäftigung der Thais, wenn die Diskussion über das Thema in ein Online-Blutbad abzudriften droht, in der die Messer schon gezückt sind (virtuell), und verbale Grausamkeiten an der Tagesordnung sind. Bring mit den Kopf von Amnesty International! Warum adoptierst du nicht den grausamen Mörder und lässt ihn bei dir wohnen, wenn du dich so sehr für seine Rechte einsetzt! Was ist mit den Rechten des Opfers! Wo ist mein Messer! Wo ist meine Guillotine!

Abgesehen von Giftigkeit und Flüchen täte es uns ganz gut, einmal tief durchzuatmen und beim Thema zu bleiben. Egal welche Ansicht man über die Todesstrafe vertritt, man kann darüber reden. Wir sollten vernünftig darüber sprechen und die vorgebrachten Argumente begründen. Thailand ist nach wie vor zwischen Tradition und Moderne gefangen, zwischen alt und neu, Vergangenheit und Zukunft, zwischen Status Quo und Fortschritt, und die Frage, ob es im 21. Jahrhundert wirklich noch angebracht ist, dass der Staat Exekutionen durchführt, ist wieder so ein kompliziertes Thema, das eine juristische, kulturelle und gesellschaftliche Bewährungsprobe darstellt – und wenn Thailand voranschreitet, wird es weitere solcher Themen geben: Abtreibung zum Beispiel oder gleichgeschlechtliche Ehe, die Legalisierung von Marihuana … Selbst das Schicksal des moslemischen Südens … Nicht zu vergessen, dass wir sogar darüber diskutieren, ob es nötig ist, Wahlen abzuhalten.

Keine dieser Fragen ist einfach zu beantworten, aber wir machen es nur schwieriger, wenn wir jede Diskussion zu einem bluttriefenden Ego-Trip machen.

Mitte Juni hatte die Gefängnisbehörde Theerasak Longji, einen 26 Jahre alten verurteilten Mörder, durch Giftspritze hingerichtet. Als die Nachricht bekannt wurde, gab es in den darauf folgenden Tagen allerlei Reaktionen, auf Facebook wurde Gift versprüht, im Fernsehen gab es Diskussionen. Natürlich war Amnesty International zur Stelle und ließ wissen, was man dort von Hinrichtungen hält: Erneut wurde die Abschaffung der Todesstrafe gefordert. Amnesty drückte seine Unzufriedenheit mit Thailand aus, denn es war die erste Hinrichtung seit 2009, Theerasak war der erste Todeskandidat, der seit fast zehn Jahren tatsächlich hingerichtet wurde. Insgesamt sitzen in Thailand über 450 Gefangene in der Todeszelle.

Die deutsche Menschenrechtskommission nannte die Hinrichtung „einen Schritt zurück“ und sprach von einem „bedenklichen Signal“. Auch der deutsche Botschafter Peter Prügel war nicht begeistert.
Eine kleine Gruppe versammelte sich vor dem Zentralgefängnis und forderte die Abschaffung der Todesstrafe.

Zunächst einmal ist die Todesstrafe rechtmäßig. Es gibt ein entsprechendes Gesetz – seit vielen Jahrhunderten. Früher wurde geköpft, dann erschossen, jetzt vergiftet. Die Todesstrafe ist eine dominante Gesetzgebung, fast schon Ideologie in einer friedvollen Nation. In Umfragen, die kürzlich Online durchgeführt wurden, sprachen sich 95 Prozent der Befragten für die Beibehaltung der Todesstrafe aus. 2014 sagten acht Prozent der Befragten, sie seien für die Abschaffung, während 40 Prozent für die Todesstrafe stimmten. Nachdem die Hinrichtung so hohe Wellen schlug, wird das Justizministerium natürlich wieder einmal überlegen, wie man hier weitermachen will. Es ist aber unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich sogar, dass irgendwann in nächster Zeit die Todesstrafe abgeschafft wird.

Die Leute, die diese Strafe abschaffen wollen, sind also deutlich in der Minderheit, vermutlich handelt es sich um eine sehr, sehr kleine Minderheit, und wie alle kleinen Minderheiten, sollte man dieser schon zuhören – und ihr nicht mit Feindseligkeit begegnen.

International ist es anders. Seit dem Gesetzestext von Hammurabi bis ins jetzige Jahrzehnt, hat sich die Anzahl der Exekutionen verringert. Selbst dann nicht, wenn man die Hinrichtungen durch den Islamischen Staat einbezieht. Mehr Länder, nicht weniger, haben die Todesstrafe abgeschafft, sei es gesetzlich, sei es, dass nicht mehr exekutiert wird. Unwahrscheinlich ist auch, dass Länder, die die Todesstrafe abschafften, diese wieder einführen. Ganz im Gegenteil: Zukünftig wird wohl in immer weniger Ländern hingerichtet werden.

Wir müssen nicht „wie andere Länder“ sein, auch wenn Thailand, wenn es die Todesstrafe beibehält, so ist wie die USA, wie China, Iran oder Saudi Arabien. Eine andere Frage ist sicherlich, ob Thailand bei dieser Position Schritt hält beim Fortschritt der Welt. Das gilt auch für andere Themen und Probleme.

Verlangen extreme Verbrechen extreme Maßnahmen? Was mächtiger ist bei diesem komplexen Dilemma sind jedoch die Emotionen und Impulse, die uns alle allzu menschlich machen. Der Schmerz und die Trauer, die die Angehörigen des Opfers erfahren, kann niemals wettgemacht werden, und Tod mit Tod zu vergelten, wird ihnen zwar keinen Frieden, aber Genugtuung bringen. Das ist ein menschliches Gefühl. Gleichzeitig gibt es aber Angehörige von ermordeten Opfern, die sich gegen die Todesstrafe aussprechen und sich an Kampagnen für deren Abschaffung beteiligen. Auch das ist menschlich, nicht, weil es sich um naive Träumer handelt, die in einem Utopia leben, das nach Rosen duftet, sondern sie glauben vielleicht, dass die Banalität des Bösen manchmal unbesiegbar ist, weit verbreitet und grausam.

Legt die Messer beiseite und fahrt mit der Debatte fort.

Beitragsquelle : https://www.bangkokpost.com/opinion/opinion/1490786/knives-are-out-in-death-penalty-row

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