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Talking Heads im Kino

Talking Heads im Kino

Es trug sich zu im Jahre des Herrn eintausendneunhundertfünfundachtzig. Da ging ich in ein kleines Programmkino, das nicht mehr ganz so neue Filme zeigte. Solche, die in den großen Kinos schon abgesetzt waren, um hier noch etwas Geld zu verdienen an einem Publikum, das es nicht rechtzeitig ins Kino geschafft hatte.

Mir ist nicht mehr erinnerlich, warum ich da hingegangen bin? Wahrscheinlich, weil ich wegen ausschließlich guter Kritiken neugierig geworden war? Unklar bleibt es trotzdem, denn nach wie vor befand ich mich im Disco-Schock und konnte mit der aktuellen Musik, die mich umgab, nicht viel anfangen. Schlimmer wurde es, als Gruppen, die ich sehr schätzte, auf dieser neuen Welle mitschwammen, was ich als Verrat an der Musik ansah. Wie bei Queen. Darüber hatte ich einmal im HALLO berichtet.

Eine Freundin hatte sich eine Langspielplatte (damals noch Vinyl) von den Talking Heads gekauft, und ich konnte nur müde darüber lächeln. Was wollte die denn damit? So ein Krampf! Okay, die gehörten nicht zu meinen Feindbildern wie die Bee Gees oder Abba, aber viel fehlte wohl nicht, so mein damaliges Vorurteil.

Warum ich unter diesen Umständen meinen Weg ins Programmkino fand, um mir Stop Making Sense anzusehen, weiß ich daher nicht mehr. Aber ich ging. Bin eben doch offen für alles. Damals schon.

Talking Heads im Kino
Talking Heads im Kino

Ich konnte gar nicht fassen, was ich da sah! Die Musik bei diesem Konzertfilm ist natürlich erstrangig, aber Regisseur Jonathan Demme (einer meiner Lieblingsfilme von ihm ist Das Schweigen der Lämmer) gelang es, die Musiker so hervorzuheben, dass die Musik zweitranging wurde, dass man den Film sogar gut finden muss, wenn man die Musik nur soso findet. Mich riss es jedenfalls geradezu vom Sitz.

Alles beginnt auf einer leeren Bühne mit einem Kassettenrekorder und David Byrne und einer akustischen Gitarre. Gibt es jetzt eineinhalb Stunden Solo-Countrymusik, fragte ich mich noch.

Beim nächsten Song kam die Bassistin. Beim übernächsten Song wurde das Schlagzeug auf einem Podest hereingerollt. Aus dem anfänglichen Solo wurde ein Duo, dann ein Trio. Im Laufe der Show kamen immer mehr Musiker, noch mehr Trommeln, noch mehr Gitarren, zwei Background-Sängerinnen, Organisten. Die legten auf der Bühne eine Party hin, dass es mich umhaute!

Wie gut dieser Film ist! Manchmal dachte ich, ich stünde selbst auf der Bühne (wegen der Nahaufnahmen) und dachte: Wo ist mein Instrument, damit ich mitmachen kann? Die andere Überlegung: Die spielen ja nur für mich! Wie cool ist das denn?

Das liegt daran, dass man erst in der letzten Filmminute das Publikum sieht, und allein das machte den Film berühmt und lässt alle anderen Konzertfilme verblassen.

David Byrne bestand darauf, dass keine bunten Lampen verwendet werden. Na, wer will schon grün angeleuchtet werden und wie ein Marsmensch aussehen? Daher wurde nur weißes Licht benutzt, und sein Director of Photography Jordan Cronenweth (Blade Runner) musste sich etwas einfallen lassen. Schattenrisse gehören hier zu den Highlights oder eine Art unheimliche Geisterbeleuchtung, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Während des Films merkte ich, wie gut die Musik der Talking Heads ist. Da konnte man gar nicht still sitzen! Aufspringen, nach vorne rasen und dort tanzen! Was? Das ist „nur“ ein Film? Aber was für einer!

Ich besorgte mir natürlich das Soundtrack-Album und habe beim Kauf sicherlich geschmunzelt, weil ich wohl daran dachte, wie ich meine Bekannte ob ihres Geschmacks zuvor verspottet hatte.

Nach dem Soundtrack, der übrigens anders abgemischt ist als die Musik im Film kam Little Creatures. Dieses Album ist eines meiner Lieblingsalben aller Zeiten. Kein einziger Song ist auf dem Album, den ich nur durchschnittlich fände.

Aber das nur am Rande. Ich habe jetzt Stop Making Sense noch einmal auf DVD gesehen. Es war wie in einer Zeitmaschine. Wieder riss es mich vom Sitz und wieder war ich sprachlos, wie gut dieser Film gemacht ist, der jedem Musiker völlig losgelöst von der Musik quasi einen eigenen Charakter gibt.

Auf der DVD ist als Bonus ein Audiokommentar von allen Musikern und dem Regisseur dabei. Sehr interessant und aufschlussreich.

Wenn ich mich total für etwas begeistern kann, habe ich das Gefühl, mich auf einer Mission zu befinden.

Jetzt also bin ich wieder missionsmäßig unterwegs, und erzähle jedem, wie klasse dieser Film ist. Der ist 33 Jahre alt? Na und? Die Bassistin sieht schon ein bisschen komisch aus mit ihrem 80er-Jahre-Hosenanzug, aber das ist meines Erachtens nach so ziemlich die einzige Referenz an das Jahrzehnt, in dem der Film entstand.

Während ich das hier schreibe, überlege ich grade, ob ich mir den Film noch mal ansehe? Ich glaube, heute Abend wäre ein guter Zeitpunkt …

 

Euer Walter Weiß

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