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Stress auf der linken Spur

Stress auf der linken Spur

Denken Sie einmal an all die Frauen und Männer, die Fahrer und Schaffner in Bangkoks Bussen sind und jeden Tag drei Millionen Passagiere durch das Verkehrschaos lotsen.
Ein Taxi schneidet den Bus. Ein mit Sand beladener Dreiachser fährt ohne die Vorfahrt zu beachten auf die Straße. Motorräder umschwirren den Bus wie Mücken. Wieder wechselt ein Taxi plötzlich die Spur. Fahrer hupen. Jedes Auto wird schneller, um noch über die Kreuzung zu kommen. Als die Ampel auf rot schaltet, hält das Chaos für einige kurze Momente die Luft an. Dafür wird es unerträglich heiß. Die stickige Luft flimmert über den Auspuffrohren der Fahrzeuge.

Mitten im schrecklichen Bangkoker Verkehrsgewühl sitzt Busfahrer Krittidetch, 35, stumm hinter seinem Steuer. Er beschwert sich nicht, und es ist auch nicht zu sehen, ob er schlechte Laune hat.
Alles um mich herum ist Stress. Ich versuche ruhig zu bleiben und mich selbst nicht noch mehr zu stressen“, sagt er, während er auf das Meer der Autos blickt.
Zwölf Stunden pro Tag fährt er einen Bus für die Bangkoker Verkehrsbetriebe (BMTA). Er steht um neun Uhr auf, geht zum Busbahnhof und fährt dann von ein Uhr nachmittags bis ein Uhr nachts.
Krittidetch leidet jeden Tag unter Rückenschmerzen und Heuschnupfen. Doch er kann nach drei Stunden Fahren kaum mehr als fünf Minuten Pause machen. Seine langen Arbeitszeiten haben zur Konsequenz, dass er seine Frau nur etwa eine Stunde pro Tag sieht.

Sein Kollege, der Schaffner Saknarin, 56, verbringt die meiste Zeit des Tages stehend hinter dem Fahrersitz. Schmerzende Fußgelenke und Atemwegsbeschwerden sind das Resultat nach 25 Jahren Arbeit mit nur einem freien Tag pro Woche.
Er freut sich auf seine Pensionierung, weil er dann von der BMTA eine Rente erhält. Einige seiner Kollegen starben vor dem Rentenalter an Lungenkrebs. Viele der Kollegen rauchten und tranken, um sich nach einem langen und stressvollen Tag wenigstens ein wenig zu entspannen.

Erkrankungen werden mich wohl während meinem Rentendasein begleiten. Ich will länger als meine Freunde leben, aber das kann ich nicht garantieren“, sagt Saknarin, während er sich auf einem freien Sitz ausruht. „Viele Leute arbeiten im Bus, weil es die einzige Möglichkeit ist, die sie haben.
Während er spricht, springen Fahrgäste in den Bus. Die Unterhaltung wird unterbrochen. Er steht auf und kassiert von den Passagieren das Fahrgeld.
Auch wenn ihre Arbeit nicht anerkannt wird, sind Saknarin und Krittidetch wichtige Räder im Getriebe des billigsten und am einfachsten zu erreichenden öffentlichen Verkehrsmittels in Bangkok: Busse transportieren pro Tag über drei Millionen Passagiere, von denen die meisten Geringverdiener sind und sich keine teurere Transportmöglichkeit leisten können, schon gar nicht die kostspieligen U- oder Hochbahnen.
Doch die Arbeitsbedingungen sind sehr schwierig. Einige Frauen werden täglich sexuell belästigt. Alle werden als Menschen zweiter Klasse behandelt, obwohl es zu wenige Fahrer und Schaffner gibt.

Langer Arbeitstag

Eine Studie, die Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde, stellt fest, dass Stress und Gesundheitsprobleme unmittelbar mit den Arbeitsbedingungen zu tun haben. Die Studie mit dem Titel „Gesundheitszustand der BMTA-Angestellten“ entstand in Zusammenarbeit zwischen BMTA, der Gewerkschaft und mehreren Verbänden und Stiftungen.
Der größte Stress entstehe laut Studie, wenn der Bus im Stau steht. Andere Faktoren sind Konflikte mit Kollegen. Fahrgästen und den Fahrern anderer Fahrzeuge.
An der Studie nahmen 1.243 BMTA-Angestellte teil, etwa zehn Prozent aller Mitarbeiter, die meisten von ihnen Fahrer, Schaffner und Inspektoren.

Die meisten Mitarbeiter arbeiten schon lange für die BMA – durchschnittlich 20 Jahre. Der dienstälteste Angestellte fährt schon 40 Jahre lang Busse für die BMA. Demnach waren so gut wie alle befragten Mitarbeiter lange Zeit der durch den Verkehr verursachten Luftverschmutzung ausgesetzt und verbrachten zehn Stunden täglich auf der Straße.
Durchschnittlich dauert es vier Stunden bis ein Bus die Hin- und Rückfahrt zu den beiden Endhaltestellen absolviert. Die längste Fahrt dauert zwölf Stunden. Die Entfernungen der Strecken betragen zwischen drei und 94 Kilometer.
Die meisten Busfahrer, Schaffner und Inspektoren müssen Überstunden machen. Bei 40 Prozent sind es zwei Stunden pro Tag, bei 15 Prozent vier oder mehr Stunden. Die Vorschriften der BMTA besagen eigentlich, dass nicht länger als acht Stunden pro Tag gearbeitet werden darf. Unter diesen Umständen können die Leute zu angemessenen Zeiten weder essen noch schlafen. Einige, insbesondere Frauen, haben nicht die Zeit, auf die Toilette zu gehen und tragen daher Windeln.

Über lange Zeiträume können sie ihre Körperhaltung nicht ändern, was bei Fahrern zu Rückenproblemen und bei Schaffnern zu Arthrose führt. Die Hälfte von ihnen bewegt sich nicht ausreichend.
Über die Hälfte der untersuchten Gruppe hat mindestens eine Erkrankung: Bluthochdruck, Diabetes und zu hohe Cholesterinwerte stehen ganz oben auf der Liste.
Atemwegserkrankungen und Verdauungsprobleme sowie Arthrose wurden bei drei, sechs und sieben Prozent der erkrankten Fahrer, Schaffner und Inspektoren festgestellt.

Gute Fürsorge

Die BMTA bietet wirklich gute Fürsorgepläne für die Angestellten an, aber die Arbeitsumstände machen es für sie schwer“, sagt Tanaporn Luadlaythong, Chefin der Fürsorgeabteilung der BMTA.

Die Mitarbeiter haben Zugang zur kostenlosen Gesundheitsvorsorge. Wenn sie sich im Krankenhaus behandeln lassen, werden die Kosten erstattet. Die BMTA übernimmt Kosten bei Geburten, für die medizinische Versorgung der Kinder, für Bestattungen und bei Haushaltsunfällen. Die Angestellten privater Busunternehmen bekommen weniger Leistungen, auch wenn sie so gut wie dieselben Arbeitsbedingungen haben.
Wegen ihrer unregulären und langen Arbeitszeiten haben sie jedoch kaum die Zeit, zum Arzt zu gehen. Ganz im Gegenteil: Da sie so viel Zeit auf der Straße verbringen, geben sie viel Geld für Alkohol und Energiedrinks aus.

Rund 80 Prozent der Mitarbeiter haben Schulden, die meisten bei Banken. Die Gehälter betragen je nach Rang 9.000 bis 35.000 Baht monatlich.
Da sie die meiste Zeit im Bus verbringen und gestresst sind, können einige nicht richtig mit ihrem Geld haushalten“, sagt Tanaporn. „Schulden sind ein weiterer Grund für Stress.
Stress kann aber auch durch das Organisationssystem ausgelöst werden. Eine Schaffnerin beschwerte sich anonym, dass ihr Vorgesetzter von ihr verlange, auf einer Hin- und Rückfahrt mindestens 300 Fahrscheine zu verkaufen, obwohl das keine offizielle BMTA-Politik ist.
Da sie rangniedriger sei, müsse sie den Mund halten, was wegen der Arbeitsbedingungen zu noch größerem Stress führe.
Wegen dieser Umstände arbeiten junge Busfahrer lieber für Kleinbusfirmen oder fahren Taxi. Sie kündigen bei der BMTA, können mehr Geld verdienen und sind nicht an ein enges Regelwerk gebunden.
Die BMTA sucht aktuell 500 Busfahrer, sagt Tanaporn. Es wurde sogar schon überlegt, pensionierte Fahrer wieder einzustellen.

Sexuelle Belästigung

Die Arbeit in Bussen ist für Frauen keine einfache Arbeit.
Kusuma Chanmun, 38, eine ehemalige Schaffnerin, jetzt zur Inspektorin befördert, kann über viele sexuelle Belästigungen bei der Arbeit berichten.
Männliche Fahrgäste packten ihre Hand, wenn sie ihnen die Tickets gab. Einige berührten ihren Körper. Sie wurde immer wieder auf ihren Körper und ihr Aussehen angesprochen.
Wenn ich darauf reagierte, wurde mir vorgeworfen, mich mit Fahrgästen anzulegen. Mein Chef hat mir nie zugehört. Passagiere haben immer recht“, sagt sie. „Es war sehr stressig. Es war einfach ermüdend, jedes Mal immer wieder von denselben Fahrgästen belästigt zu werden. Ich wollte nicht mehr mit dem Bus fahren.

Einige drehten den Spieß um und meinten, sie sei selbst schuld, weil sie einen kurzen Rock trage. Als sie sich konservativer anzog, half das jedoch nicht.
Die Belästigung ging für Kusuma an anderer Stelle weiter. Ihr Vorgesetzter bot ihr Privilegien an – im Austausch für Sex. Sie wies ihn zurück, er drohte mit der Kündigung, weil sie eine allein erziehende Mutter war. Sie befürchtete, keinen anderen Job finden zu können.
Das liegt daran, dass Männer immer noch mehr wert sind als Frauen“, sagte sie. „Auch wenn es besser geworden ist, ist das immer noch so. Frauen werden zum Schweigen gebracht.
Kusuma fasste irgendwann ihren Mut zusammen und sprach über das schlechte Benehmen von Männern. Sie schult jetzt weibliches BMTA-Personal, wie es sich vor sexuellen Belästigungen schützen kann.

Zwischenzeitlich gibt es in der BMTA ein eigenes Komitee, das sich mit solchen Fällen befasst. Vorfälle innerhalb oder außerhalb der BMTA können dem Komitee berichtet werden, dann kümmern sich geschulte Mitarbeiter um diese Angelegenheiten.
Frauen in öffentlichen Bussen haben mehr Probleme mit sexueller Belästigung als solche, die in anderen Verkehrsmitteln arbeiten“, sagt Programmmanagerin Varaporn Chamsani. „Busse sind eng. Frauen müssen in der Nähe von Passagieren arbeiten und werden als Dienstleister angesehen. Wenn Frauen belästigt werden, bedeutet das Stress am Arbeitsplatz.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 wurden 22 Prozent von 1.520 befragten Frauen belästigt, während 28 Prozent nicht sicher waren und 50 Prozent keine Probleme hatten. Von den 22 Prozent waren 96 Prozent Busschaffnerinnen.
Varaporn meint, dass Frauen noch vor sechs Jahren sexuelle Belästigungen nicht erkennen konnten, weil diese als allgemeines Verhalten oder Herumalbern galt.
Die Situation hat sich nach Einführung des Bildungsprogramms verbessert und weibliche Mitarbeiter verstehen jetzt die Situation. Sie haben auch gelernt, darüber zu reden.

Zurück auf der Straße

Passagiere sollten vielleicht verstehen, unter welchem Druck das Buspersonal steht. Ohne sie würde es keine öffentlichen Busse geben und das Leben in der Stadt wäre schwierig“, sagt Jaded Chouwilai, Direktor der Stiftung „Women and Men Progressive Movement.
Humanressourcen sind für die Entwicklung einer Organisation unerlässlich. Wir glauben, die BMTA wird ein großes Vorbild für andere Organisationen, wenn sie etwas unternimmt und die Lebensqualität der Angestellten verbessert“, sagte er und schlug vor, die BMTA sollte Aktivitäten wie gemeinsamen Sport, Stresstherapien und Beratungen über einen gesunden Lebensstil fördern.
Nach der Veröffentlichung der Studie von 2015 baute die BMTA mehr Toiletten entlang der Busstrecken. Die leitenden Mitarbeiter beschlossen zudem, die Arbeitsbedingungen für das Buspersonal verbessern zu wollen.

Zurück auf der Straße. Die Ampel schaltet auf grün und Busfahrer Krittidetch drückt aufs Gaspedal. Die kurze Pause hinter dem Steuerrad ist vorbei. Wieder schneidet ein Taxi den Bus. Fahrer hupen. Das Chaos nimmt seinen Lauf.
Saknarin geht in den hinteren Teil, um Fahrscheine an neue Passagiere zu verkaufen. Seine Fußgelenke sind wund. Er hatte noch kein Mittagessen, obwohl es schon nach drei Uhr nachmittags ist.
An der Endstation habe ich fünf Minuten Pause. Es sollten 20 Minuten sein, aber das ist schon in Ordnung. Ich weißt, dass viele Leute auf öffentliche Busse angewiesen sind.

Beitragsquelle : http://www.bangkokpost.com/news/special-reports/1077964/stuck-in-the-slow-lane-to-stress

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