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Probleme mit deutscher Identität im Ausland

Probleme mit deutscher Identität im Ausland

Die deutsche Studentin Julia Reichel studiert in Kanada und merkte, dass es außerhalb Deutschlands gar nicht schlecht ist, Deutsche zu sein.

Ich bin Deutsche.“ Das sage ich oft, seitdem ich in Kanada lebe. Weil ich diesen Satz immer wiederhole, habe ich ihn verinnerlicht.

Ich wurde vor 22 Jahren in Norddeutschland geboren und verbrachte dort einen Großteil meines Lebens. Ich habe mich jedoch nie deutscher gefühlt als während meines Aufenthalts in British Columbia. Und währen meiner Zeit außerhalb Deutschlands habe ich festgestellt, dass einige Klischees, die mit Deutschen in Zusammenhang gebracht werden, nur allzu wahr sind.

Wegen unserer Geschichte erlauben wir Deutsche uns nicht, stolz auf unser Land oder unsere Nationalität zu sein, außer zu sportlichen Anlässen.

Einer der wenigen Momente, in der wir unsere selbst auferlegte Beschränkung fallen ließen und wir uns erlaubten, uns dem Nationalstolz hinzugeben, war der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 2014.

Wenn man im Ausland auf ein positives deutsches Image stößt, ist das überraschend, und wir fühlen uns sofort geschmeichelt, was darauf hindeutet, wie schlecht es um unsere nationale Identifikation bestellt ist und ermuntert uns, darüber nachzudenken.

Ich habe mir kürzlich eingestanden, dass ich es mag, Deutsche zu sein – aber nur im Verborgenen.

Und dann ist da das Essen

Probleme mit deutscher Identität im Ausland 1Die meisten Deutschen geben ihre Vorliebe für deutsches Essen nicht zu. Aber sobald wir die deutschen Grenzen für längere Zeit hinter uns lassen, beginnen wir, uns nach Würstchen, deutschem Bier und Brot zu sehnen. Während wir unser Bestes geben, uns ans ausländische Essen zu gewöhnen, durchkämmen wir Supermärkte nach deutscher Küche und kommen zu dem Schluss, dass wir auf jeden Fall Platz für Gummibärchen, Brot und Rotkohl im Koffer lassen müssen, wenn wir wieder für längere Zeit verreisen. Wir lieben deutsches Essen, aber nur dann, wenn wir bemerken, dass kein anderes Land eine so große Auswahl an Brotsorten hat.

Ich lernte, dass es völlig in Ordnung ist, deutsches Essen zu mögen. Es ist gut.

Der deutsche Akzent

Kein anderes deutsches Merkmal ist so offensichtlich, wie der Akzent eines Deutschen, der Englisch spricht. Das Schwierige beim Englischen ist, die Aussprache von Engländern oder Amerikanern zu imitieren. Das größte Kompliment, das Muttersprachler einem geben können ist, dass sie nicht wüssten, woher man komme.

 Pünktlichkeit, Ordnung und Zielstrebigkeit

Wenn Außenstehende beobachten, wie wir Deutsche verbissen und penibel die uns übertragenen Aufgaben erledigen, kann dieses Verhalten durchaus amüsieren. Und wir versuchen immer, unser Tun weiter zu perfektionieren, auch wenn wir merken, dass das lächerlich ist. Das mag in der Arbeitswelt von Vorteil sein, behindert uns aber daran, locker zu bleiben.

Der Pessimismus lebt

Ich kann mir vorstellen, dass einige Deutsche diese Aussage anzweifeln, aber jeder, der einmal in einem anderen Land lebte und nach Deutschland zurückkam, hat diese Erfahrung gemacht und wird mir zustimmen.

Diese Angewohnheit wird ganz offensichtlich, wenn man mit den Leuten in der Heimat spricht und sich ihr ständiges Gejammer über Politik, Wirtschaft und das „ “ Wetter anhört. Die meisten Deutschen merken noch nicht mal, dass diese negative Einstellung unbegründet ist: Sie leben in einem Land mit ausgeprägten Sozialleistungen, kostenloser Bildung und einem hohen Lebensstandard.

Ich bereite mich jetzt schon auf den Kulturschock vor, der mich erwartet, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. Das Leben in Kanada hat mich mit Lächeln, Lachen und Dankbarkeit verdorben. Aber ich will jetzt nicht jammern.

Ich kann sagen: Ich mag Kanada wirklich. Aber ab und zu muss ich zugeben, dass ich Deutschland liebe. Es ist keine laute, extrovertierte, bedingungslose Liebe wie in anderen Ländern, sondern sie ist die stärkste Form der nationalen Identifikation, die ich jemals fühlte.

Kanadier sind immer überrascht, dass wir mit unserem Nationalgefühl kämpfen, da wir doch so viel haben, worauf wir stolz sein könnten. Die Tendenz der Deutschen zur Selbstkritik kann fast als Selbstgeißelung bezeichnet werden.

Sicherlich werden wir wegen unserer Geschichte und unseres rationalen Denkens niemals einen Nationalstolz wie die Franzosen oder die Italiener fühlen, aber ein gesundes Nationalbewusstsein hat noch niemandem geschadet. Wir sollten uns von der internationalen Bewunderung für unser Land ermutigt fühlen zu sagen, woher wir kommen.

Bist du Deutsche? – Ja.

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