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Pokémon, Drogen und japanische Schulmädchen

Seit August kann man Pokémon Go in Thailand spielen. Auch die übrige Welt spielt Pokémon Go, sie ist geradezu in einem Fieberwahn.

Pokémon, Drogen und japanische Schulmädchen
Der BMW-Mini sieht aus wie Pokémon auf einem Fahrgestell

Auf die Frage, weshalb das so ist, gibt es eine einfache Antwort: Pokémon ist so konzipiert, dass es süchtig machend niedlich ist. Die Millionen Menschen, die in der Gegend herumrennen und versuchen, animierte Viecher zu fangen, sind die jüngsten Opfer eines Kultes – der Kult des Niedlichseins, so wie Pokémon selbst, das aus Japan stammt. Und es ist Japan, auf das man blicken muss, wenn man die Strömungen dieser Kultur des Niedlichseins verstehen will.

Pokémon ist ein Ableger der Pokémon Company, die teilweise von dem japanischen Unternehmen Nintendo gehalten wird. Pokémon ist auch Teil der langen Tradition von „kawaii“ (zu Deutsch „niedlich“), dessen Ästhetik die japanische Kultur beherrscht und Dinge wie die jedem bekannten Emoticons hervorgebracht hat. Doch das ist noch längst nicht alles.

Die Idee, dass alles irgendwie liebenswert aussehen muss, ist einer der Hauptkulturexportgüter Japans, und das Herzstück der dort erfundenen Soft-Power-Strategie. Mit Pokémon Go ist kawaii spätestens jetzt in der amerikanischen Kultur angekommen.
Warum sind Pikachu und seine Freunde so unwiderstehlich? Die einfachste Antwort liegt in der evolutionären Psychologie. Wenn Menschen etwas sehen, das sie an ein Baby erinnert (falls es kein Baby ist) wie große Augen, großer Kopf, zu kleine Gliedmaßen, tapsige Schritte, dann wird ein Gefühl der Euphorie und der Freude ausgelöst. (Dieses Gefühl breitet sich in der Hirnregion aus, die für Essen, Sex und Drogen zuständig ist.) Das Gefühl motiviert die Menschen, näher heranzugehen und sich mit dem niedlichen Subjekt oder Objekt zu beschäftigen. Bei der Evolution des Menschen half das, Babys zu schützen, sie zu füttern, auf sie acht zu geben, und damit wurde das Überleben der Spezies gesichert. Diese spezifische Hirnregion wird beim Menschen aber auch aktiviert, wenn es sich nicht um Babys handelt, sondern beispielsweise um Welpen oder junge Kätzchen.

Heutzutage ist der Mensch ein Schritt weiter und kann diese Gefühle künstlich erzeugen, in dem uns vorgegaukelt wird, mit großäugigen Kreaturen mit großem Körper und kurzen Gliedmaßen wie bei Pokémon Go zu spielen. Jedes Mal wenn wir das tun, drücken wir auf die Niedlich-Rezeptoren unseres Gehirns und werden mit einer opiumähnlichen Hormonausschüttung belohnt. Wir fühlen uns entspannt. Unbewusst wissen wir das längst, und daher gibt es Leute, die sich, wenn der Stress überhand nimmt, im Internet Kätzchenbilder ansehen oder Pandababys auf YouTube.

Abgesehen von den chemischen Vorgängen im Gehirn in Kombination mit programmierten GIFs ist es unmöglich, den Aufstieg dieser Niedlichkeitskultur ohne Japan zu erklären. Pokémons Kawaii-Ästhetik ist eine Reaktion auf die traditionelle japanische Kultur, die Verantwortung, Stärke und Selbstbeherrschung vorsieht. Für Japaner, die auf der Suche nach einer alternativen Kultur sind oder unbewusst etwas anderes wollen, war kawaii schon immer ein geduldiger Rückzugsraum. Wer durch lange Arbeitszeiten, blökende Chefs oder ein unglückliches Privatleben gestresst ist, der kann sich an Kawaii-Kreditkarten, Kawaii-Bento oder Kawaii-Schwämmen erfreuen. Die japanische Regierung hat sogar Kawaii-Botschafter ernannt, um den Trend in der ganzen Welt zu verbreiten.

Die Kawaii-Kultur war aber nicht schon immer Mainstream. Sie entsprang einer Rebellion japanischer Schulmädchen in den 70er Jahren, die sich die britische Punkkultur zu Eigen machten – allerdings Japanese Style: Die Mädchen schrieben mit einer kindlichen Handschrift, sprachen in Babysprache und trugen niedliche Kleidung als Zeichen der Rebellion gegen ihre Lehrer im Besonderen und die Gesellschaft im Allgemeinen, weil die Mädchen entgegen der japanischen Kultur nicht verantwortlich gemacht werden, weil sie keine ernsten Erwachsenen werden wollten.

Anders als westliche Teenager, die sich bei ihrer Rebellion wie Erwachsene verhalten – Rauchen, Trinken, Piercing, Tätowierungen –, um aus dem Käfig der elterlichen und gesellschaftlichen Zwänge auszubrechen, verhielten sich diese japanischen Teenager wie Kinder, weil sie auf diese Weise gesellschaftlichen Zwängen enthoben waren, keinen Stress hatten und wie Peter Pan in einer eigenen Welt leben konnten. Für immer – so hofften sie jedenfalls.

Was als Rebellion begann ist jetzt ein Status Quo. Es war ein langer Weg vom Aufbegehren der Teenager gegen kulturelle japanische Werte bis zu Firmen wie Sanrio, dem Hersteller von Hello Kitty oder Unternehmen, die Federmäppchen verkaufen, auf denen Frösche mit riesigen Augen abgebildet sind. Kawaii übertrug sich auf die ganze Gesellschaft und die Ästhetik der Niedlichkeit ist in allen Situationen präsent. Comic-Häschen oder ähnlich Goldiges befindet sich auf Karten, die an Termine zur Krebsvorsorge erinnern, man findet sie bei Tsunamiwarnungen oder in Informationsbroschüren für Versicherungen.
Ein Ausländer wird das Gefühl haben, dass das alles nicht zusammenpasst und er in einem Kindergarten lebt. Nach obigen Ausführungen über die japanische „Kulturrevolution“ ist aber genau das der Gedanke, der dahinter steckt. Die Verniedlichung aller Lebenslagen wird als praktikabel angesehen, weil Kawaii schwierige Themen leichter verdaulich macht. Es wird geglaubt, dass Erwachsene viel lieber zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen oder ihre Versicherungspolice erneuern, wenn sie von einem animierten Hasen dazu aufgefordert werden.

Unternehmen außerhalb Japans erkannten den Trend und wenden nun ebenfalls die psychologischen Effekte von Kawaii an. In den letzten Jahren begannen Autobauer damit, niedliche Fahrzeuge herzustellen. Beispielsweise hat der Mini von BMW jetzt eine rundere Karosserie, die beiden Scheinwerfer wirken wie große, freundlich dreinblickende Augen. Google hat letztes Jahr sein Serif-Logo in eine kindähnliche Schrift geändert und baute den Prototypen eines selbstständig fahrenden Autos, das wie ein Baby-Koala aussieht.
Autobauer haben vielleicht auch bedacht, dass laut Studien die Leute aufmerksamer und vorsichtiger werden, wenn sie Niedlichkeit vor Augen haben. Das bedeutet, dass Fahrer anderer Fahrzeuge womöglich eher nicht das Heck dieser Autos rammen. Diese Autos mit einem freundlichen Gesicht könnten auch dazu beitragen, dass Fälle von Road Rage verhindert werden, falls die Fahrer der niedlichen Autos sich dumm anstellen oder zu langsam fahren.
Das alles ist bislang noch nicht ausreichend untersucht worden und dürfte Stoff für spätere Straßenverkehrsstudien geben.

Die obigen Ausführungen sind die positiven Aspekte von Kawaii, den niedlichen Objekten. Sie machen uns freundlicher, neutralisieren Ärger und lassen uns auf Produktivität fokussieren. Niedliche Objekte werden demnach auch immer öfter bei Therapien eingesetzt, dazu gehört ein flauschiger Roboterseehund namens Paro, der bei Patienten, die unter Demenz leiden, die Stimmung heben und soziale Interaktionen stimulieren kann.
Es ist daher keine Überraschung, dass Leute, die unter Depressionen oder Anspannung leiden, von psychologischer Linderung berichten, wenn sie Pokémon Go spielen. Hinzu kommt, dass das Spiel sie dazu motiviert, nach draußen zu gehen, sich zu bewegen und mit anderen Spielern zu kommunizieren. Die Pokémon-Figuren haben einen psychologisch positiven Effekt, den, sagen wir einmal, erwachsen aussehende Figuren nicht hätten.

Das alles wäre zu einfach, wenn Kawaii nicht auch negative Aspekte hätte. Die sich gut anfühlenden Glückshormone können rationale Gedanken und Gefühle überlagern. Im Fall von Pokémon Go scheinen die Spieler eine Art Tunnelblick zu entwickeln, nicht mehr auf Verkehr und Umgebung zu achten. Sie laufen nicht nur Straßen entlang, sondern auch durch Privatgebäude, möglicherweise auf der Jagd nach selteneren Wesen wie Vaporeon und Ivysaur. In einem Fernsehstudio rannte eine Mitarbeiterin bei der Pokémon-Monsterjagd während einer Live-Sendung vor laufende Kameras, zwei Spieler stürzten in eine Schlucht, weil sie gar nicht merkten, dass sie sich auf einen Abhang zu bewegt hatten.
Die Niedlichkeit der Figuren lässt die Spieler alles vergessen außer die kleinen Monster, die sie jagen und die Leute, mit denen sie im Wettbewerb stehen, was dazu führt, dass die Spieler zur Gefahr für alle anderen werden.
Das andere Problem mit Kawaii ist, dass es dazu tendiert, Dinge abzuschwächen, Ernsthaftigkeit und mögliche Bedrohungen zu verschleiern oder zu verdecken.
So ähnlich wie der Gestiefelte Kater in den Shrek-Filmen, einem  Auftragskiller, der seine Opfer in die Falle lockt, weil er wie ein kleines Kätzchen dreinblickt und diesem süßen Blick niemand widerstehen kann.

Kawaii kann Gefahren verschleiern oder neutralisieren. Ein niedlicher Lungenkrebs-Cartoon könnte Raucher davon abhalten, das Laster aufzugeben.
Pokémon Go mag eine tolle Sache sein, um auszusteigen und nicht an Politik, die Zuwandererkrise oder an Terroranschläge denken zu müssen.

Gleichzeitig wird uns die Zeit gestohlen, in der wir über Probleme nachdenken sollten, die unsere Aufmerksamkeit benötigen.

Tierheim in Illinois

Welche Blüten Pokémon Go inzwischen treibt, berichtete Shawn Montgomery aus Illinois. Ein Tierheim postete unter anderem: „Falls Sie ein Erwachsener sind und nicht wollen, dass die Leute merken, dass Sie Pokémon spielen, dann vermieten wir Ihnen einen Hund des Tierheims für fünf Dollar die Stunde. Es sieht dann so aus, als ob Sie Gassi gehen.“ Die bisherigen Resultate sehen folgendermaßen aus:
Sie haben eine Warteliste für Leute, die für das Privileg bezahlen wollen, mit einem Hund Gassi gehen zu dürfen.
Sie haben mit den „Leihgebühren“ so viel Geld verdient, dass Adoptionen jetzt kostenlos sind.
Wenn Leute mit einem gemieteten Hund Gassi gehen und dann Selfies auf Facebook oder Instagram posten, kommen andere Leute zum Tierheim, weil sie die Hunde adoptieren wollen, die sie auf dem Foto gesehen haben.
Mindestens zweimal rief bislang ein „Mieter“ an und sagte: Hey, ich wollte nie einen Hund. Aber der Hund und ich verstehen uns prächtig. Ich bringe ihn nicht zurück.
Im Moment hat das Tierheim überhaupt keine Hunde mehr, weil alle adoptiert wurden. Sie holen jetzt Hunde aus anderen Tierheimen.

Beitragsquelle : http://foreignpolicy.com/2016/07/18/what-pokemon-japanese-schoolgirl-punks-and-cocaine-have-in-common/

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