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Meine Nachbarn könnten in einer TV-Serie mitspielen

Meine Nachbarn könnten in einer TV-Serie mitspielen

Einer meiner Nachbarn hat mir zum neuen Schuljahr eine Geschichte erzählt, die ich nicht für mich behalten will, weil man hieran deutlich sehen kann, wie es um das thailändische Bildungssystem bestellt ist. Es geht aber auch um berechnende Thaifrauen, hier in Gestalt seiner Tochter, 14 Jahre alt.

Sie ist ein pubertierendes Luder, eine Schulabbrecherin, ein Nichtsnutz und eine professionelle Facebook-Guckerin. Zum Ende der Sommerferien kam sie auf die Idee, nun doch wieder zur Schule gehen zu wollen.

Der Plan dahinter vermutlich eher berechnend: Wollte sie vielleicht dem Vater gefallen, damit er ihr ein nettes Geschenk macht? Ein sündhaft teures Smartphone, das normalerweise oberhalb der Gehaltsklasse eines thailändischen Durchschnittsverdieners liegt.

Der Vater machte sich nach der Äußerung ihres Wunsches sogleich mit der Familie auf den Weg, um eine Privatschule für das Mädchen zu suchen. Zwei Schulen kamen in Frage. Eine mit Warteliste, weil die Klassen schon voll waren, und eine, in der ihm sofort ein Platz angeboten wurde.

Zwischen Anmeldung und Einschulung stand nur ein kleiner Test im Wege, in dem die Fächer Thai, Englisch und Mathematik (wohl eher Rechnen) geprüft wurden. Der Test bestand aus einem Bogen, auf dem Fragen gestellt wurden, zu denen jeweils mehrere Antworten angeboten wurden. Die richtige Antwort musste angekreuzt werden.

Die Tochter bestand den besagten Test.

Bestanden heißt, sie erreichte 47 Prozent von den möglichen 100 Prozent. Knapp weniger als die Hälfte ist in Schulnoten umgerechnet eine 5. Meinetwegen eine 5+, doch eine 5 bleibt eine 5.

In dieser Schule spielte das aber keine Rolle. In einem Land, in dem Sitzen bleiben unbekannt ist, und auch noch der schlechteste Schüler mit durchgezogen wird, sicher auf Kosten der besseren Schüler, und auch garantiert einen Abschluss macht, obwohl das Wissen dazu nicht ausreicht und er es daher mit anderen Worten nicht verdient hat, kann man auch mit Note 5 einen Einstellungstest bestehen. Immerhin zahlt der Vater ja Schulgeld.

Geschafft hatte sie drei Fächer, aber die Leistungen in Mathematik zogen sie nach unten. Der Rektor meinte, das sei alles gar kein Problem. Sie könne Nachhilfe nehmen und ihre Leistungen verbessern.

Leider drang nicht zu mir durch, um welche komplizierten mathematischen Aufgaben es sich handelte, denke aber, dass es hier lediglich um Rechnen ging. Vielleicht so etwas wie 7 x 8. Keineswegs um Bruchrechnen oder – Buddha bewahre – Geometrie und Algebra.

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende, denn hier geht es zu wie bei einer Fernsehserie mit immer neuen Episoden. Nicht rechnen können heißt nicht, nicht berechnend sein zu können. Zur Belohnung bekam sie also das Telefon. Endlich wieder Facebook! Den ganzen Tag hing sie am Gerät, jeden Tag. Dort lernte sie einen Typen kennen, verabredete sich mit ihm für den frühen Nachmittag. Und kam erst am nächsten Morgen nach Hause.

Was sie da die ganze Nacht machte, darf sich jeder selbst ausmalen. Dann verkündete sie, da sie jetzt einen neuen Freund habe, brauche sie nicht mehr zur Schule gehen.

Die Geschichte, die mir mein anderer Nachbar erzählte, ist auch nicht ohne. Seine Angetraute kündigte Familienbesuch an. Ihre Tochter, nicht sehr viel älter als das Luder des anderen Nachbarn, wolle einige Zeit bleiben, hieß es. Die Umsiedlung aus dem Isan nach Chonburi sollte dazu dienen, dass sich der Freund einen Job suchen konnte. Irgendwann wollten die beiden dann in eine eigene Wohnung ziehen. Irgendwann. Vielleicht.

Man hört ja immer viele Geschichten und weiß daher ganz genau, was dann passiert. Eine der besten Storys war die eines Bekannten, der ein paar Möbel zu verschenken hatte. Da sich seine Freundin sofort meldete, bekam sie den Zuschlag. Sie organisierte einen Pick-up, der aus der Heimatprovinz kam, das Zeug wurde aufgeladen und in die Heimatprovinz transportiert. Außer dem Fahrer kamen noch drei weitere Personen mit.

In Pattaya angekommen, machten sie erst einmal ausgiebig Pause. Sahen in den Kühlschrank ohne vorher zu fragen, entdeckten zu ihrer hellen Freude mehrere Flaschen Bier, die sie herausahmen, ohne zu fragen, und vernichteten, ohne zu fragen. Danach luden sie die Möbel auf den Wagen und fuhren alkoholisiert von dannen.

Meine Nachbarn könnten in einer TV-Serie mitspielen
Meine Nachbarn könnten in einer TV-Serie mitspielen

Nun hat mein Nachbar als Antialkoholiker – so etwas gibt es auch in Pattaya – kein Bier im Kühlschrank. Was ihm stattdessen widerfuhr ist, dass die beiden Neuzugänge sich ungefragt an seiner Zahnpasta bedienten. Die Vorräte schwanden zusehends dahin, schnell wie nie zuvor.

Neben allem anderen Ungemach machte es mein Nachbar irgendwie an der Zahnpasta fest. Jedenfalls hat er sich so geärgert, dass er sie versteckte. Wie die anderen sich noch die Zähne putzen, weiß ich nicht. Er selbst nimmt sie jedenfalls immer aus dem Versteck, putzt sich die Zähne und versteckt sie dann wieder.

Er regte sich auf: Es sei das Natürlichste der Welt, kostenlos zu wohnen, zu essen, Strom und Wasser zu verbrauchen und kostenlos alles zu benutzen ohne zu fragen oder sich zu bedanken. Was gebraucht würde, werde genommen. Was im Haus sei, gehöre ihnen. Aber nicht mehr die Zahnpasta!

Nach diesem Vortrag erklärte ich meinem Nachbarn, er könne doch froh sein, noch in seinem eigenen Bett schlafen zu dürfen. Das dürfe er nämlich nicht mehr, wenn Mama käme. Denn die ist eine Göttin!

Euer
Walter Weiß

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