Header Banner
Header Banner
Header Banner
Header Banner

Leben und Tod auf Thailands Straßen

Leben und Tod auf Thailands Straßen

Es gibt ein Ritual, das jedem Thai und Auswanderer sehr vertraut ist. Es beginnt jeweils vor den beiden großen Urlaubszeiten des Jahres, Ende Dezember für das internationale Neujahr, und Mitte April für das thailändische Neujahr, das Songkran-Festival.

Die Regierung setzt ein Limit für die Verkehrstoten oder versucht zumindest, bessere Zahlen zu erreichen als im Jahr davor. Thailändische Straßen sind gefährlich, und während der Urlaubstage sollen Thais nicht zu schnell fahren und nicht trinken, wenn sich ans Steuer setzen.

Manchmal treten gute Bürger an die Öffentlichkeit, um ihren Beitrag zu leisten. Wie dieser Sargmacher, der vor ein paar Jahren Journalisten einlud, damit sie die Särge begutachten konnten, die die Angestellten des Sargmachers vor der Urlaubsperiode in Sonderschichten angefertigt hatten.
Und jedes Jahr sind die Versuche zum Scheitern verurteilt.

Die schrecklichen Statistiken über Verkehrstote und Verletzte auf den Straßen werden von den thailändischen Medien jeden Tag wie Hitlisten veröffentlicht. Nicht selten sind die Zahlen schlimmer als im Jahr zuvor.

So auch dieses Jahr. Während der sogenannten sieben gefährlichen Tage über Songkran gab es zwischen dem 11. und 17. April 3.724 Verkehrsunfälle, bei denen 418 Menschen starben und 3.897 Personen verletzt wurden. Vor einem Jahr gab es 390 Tote und 3.808 Verletzte bei 3.690 Verkehrsunfällen.

Wenn innerhalb einer Woche 418 Menschen sterben, dann sind das im Jahr über 20.000. Daher gelten thailändische Straßen als die zweitgefährlichsten der Welt nach Libyen.

Ein wenig merkwürdig ist das schon, denn Thailand war in den letzten Jahrzehnten insgesamt friedlich, es ist wohlhabend, und die Regierungen haben immer wieder Fortschritte erreicht, so zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung oder der Infrastruktur.

2011 stellte die damalige Regierung dann einen Plan auf, mit dem innerhalb von zehn Jahren die Sicherheit auf den Straßen verbessert werden sollte. Laut Plan sollten 2012 alle Motorradfahrer ausnahmslos einen Helm tragen. Wenn das in Nachbarländern wie Malaysia funktioniert, warum dann nicht auch in Thailand.

Das Katastrophenschutzzentrum, das nicht nur für die Verkehrssicherheit zuständig ist, sondern auch für humanitäre Hilfe nach Überschwemmungen und Erdrutschen, teilte 2015 mit, man werde dafür sorgen, dass die Anzahl der Verkehrstoten um 80 Prozent sinkt.

Daraus ist nichts geworden.

Es ist nicht schwierig zu erkennen, welchen Herausforderungen man in Thailand gegenübersteht. Thailand hat relativ schnell ein Netzwerk von 462.133 Straßen gebaut bzw. ausgebaut, fast alle asphaltiert, dazu viele Highways, die mindestens vierspurig sind.

Es gibt 37 Millionen registrierte Fahrzeuge, 20 Millionen hiervon sind Motorräder, und noch viele Millionen mehr, die nicht registriert sind.

Wenn man auf einem thailändischen Expressway fährt ist das so, als ob man mit sehr viel Koffein im Blut ein rasantes Videospiel spielt. Wer im Netz nach „Thailand – Unfall“ sucht, wird fündig werden und unglaubliche Beispiele finden, wie in Thailand gefahren wird, manchmal lebensmüde, oft rücksichtslos. Alkohol am Steuer ist ein riesiges Problem.

2014 starben drei Ausländer, ein britisches Pärchen und ein Chilene, die mit dem Fahrrad die Welt umrunden wollten. Alle drei waren fast am Ende der Reise angelangt und wurden in Thailand überfahren.
Ein Pick-up-Fahrer, der das britische Pärchen überfuhr, weil er versuchte, seine Mütze vom Wagenboden aufzuheben, musste 1.000 Baht Geldbuße zahlen und erhielt eine Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Thailand hat schöne Straßen“, erklärte Ratana Winther, die Direktorin der US-Stiftung Asia Injury Prevention. „Und die Leute neigen zum schnellen Fahren. Daher ist Geschwindigkeit ein großer Killer.
Polizeimajor Kanthachat Nua-on kann das bestätigen. Bei einer Radarfalle, die er auf einer der Autobahnen in einem Bangkoker Vorort aufgestellt hatte, kamen Fahrzeug um Fahrzeug vorbei, die alle schneller fuhren als die erlaubten 80 km/h. Er stellte keine Strafzettel aus.

Wenn wir das Gesetz strikt befolgen und Strafzettel für Leute ausstellen, die schneller fahren als erlaubt, dann werden wir allen Fahrzeugführern einen Strafzettel ausstellen müssen.

Bei ihm gab es nur einen Strafzettel: Für den Fahrer eines Wagens, der mit 129 km/h unterwegs war. Die Geldbußen sind gering, und über die Hälfte der Leute, die eine zahlen müssen, begleichen diese nicht.
In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Fällen, in denen Fahrer aus reichen Familien tödliche Unfälle verursachten. Sie wurden mit außerordentlicher Milde bedacht.

2012 verursachte der Enkel des Mannes, der mit dem Energiedrink Red Bull ein Vermögen gemacht hatte, einen tödlichen Unfall. Während er mit seinem Ferrari durch Bangkok raste, überfuhr er einen Polizisten. Der Red-Bull-Erbe erschien nie vor Gericht. Es hieß, er sei ins Ausland geflüchtet, später stellte sich heraus, dass er sich in Thailand frei bewegen konnte ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden. Inzwischen sind mehrere Anklagepunkte verjährt.

In einem anderen Fall fuhr eine 16-Jährige aus einer einflussreichen Familie ohne Führschein und verursachte einen Unfall, bei dem ein Kleinbus von einer hoch gebetteten Autobahn stürzte. Neun Insassen starben. Ihre Gefängnisstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, sie wurde zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt, die sie, wie sich zwei Jahre später herausstellte, nicht absolvierte.

Problematischer Gesetzesvollzug

Gesetzesdurchsetzung ist der Schlüssel“, sagte Ratana Winther von der amerikanischen Stiftung. „Aber es geht nicht nur darum der Polizei zu sagen, dass sie Gesetze durchsetzen soll. Der Polizei muss gesagt werden, dass Verkehrsüberwachung wichtiger ist als Verkehrsmanagement. Doch das ist eine Herausforderung für viele Behörden. Die Bestrafung muss schwer genug sein, damit Leute sich davor fürchten. Und die Sicherheitskampagnen müssen ohne Unterlass geführt werden, nicht nur zweimal im Jahr. Dann müssen wir weitermachen und andere Themen anschneiden wie die Verbesserung der Straßenverhältnisse.“

Der ehemalige Verkehrsminister und Leiter von Sicherheitskampagnen, Nikorn Chamnong. geht noch einen Schritt weiter.

Wir müssen zurückgehen und die DNS des Landes ändern“, sagte er. „Bildung in den Schulen ist wichtig.

Er richtete eine Petition an die vom Militär ernannte Volksversammlung, damit in dieser Richtung mehr unternommen wird. Es gab neue Gesetze wie die Anschnallpflicht, nur um eines zu nennen. Es ist das erste Mal in 40 Jahren, das Gesetze zur Straßensicherheit überarbeitet wurden. Doch niemand weiß, wann und wie diese Gesetze durchgesetzt werden.

Mitglieder der Öffentlichkeit reagieren zynisch. „Es gibt ein Sprichwort, wonach ein echter Thai seine eigenen Regeln macht“, sagte Pongsak Putta, ein Motorradtaxifahrer, der über Neujahr von einem Auto angefahren und verletzt wurde.

Solange ihnen nichts passiert, denken die Leute nicht an das Thema Sicherheit“, sagte Pornpen Wongbantoon, die sich über die Fahrkünste der Busfahrer beschwerte. Sie nimmt jeden Tag den Bus zur Arbeit.

Gesetzesvollzug ist alles“, sagte Liviu Vedrasco, der in der Weltgesundheitsorganisation in der Abteilung Straßenverkehrssicherheit arbeitet.

Die Regierungsbeamten, mit denen er zusammenarbeitet, nehmen die Straßenverkehrssicherheit sehr ernst, meint er, aber die Koordination ist eine echte Herausforderung.

Separate Motorradspur

Das Richtungszentrum für Straßenverkehrssicherheit ist zuständig, die Dinge in die richtige Richtung zu lenken, aber hier ist auch das Katastrophenschutzzentrum zuständig, das zum Innenministerium gehört. Die Straßen selbst jedoch liegen in der Verantwortlichkeit des Verkehrsministeriums.
Vedrasco glaubt, dass der beste Weg, die Anzahl der Straßenverkehrstoten zu mindern, darin besteht, die am meisten gefährdete Gruppe ins Visier zu nehmen. Das sind die Motorradfahrer, die zu 80 Prozent an Verkehrsunfällen beteiligt sind.

Wenn man die Anzahl der Motorräder nicht reduzieren kann, dann ist das nächst beste, sie durch eigene Fahrspuren abzutrennen. Vielleicht nicht 100 Prozent der Straßen Thailands, aber das Ziel sollte sein, die Anzahl der Straßen mit abgetrennten Fahrspuren zu erhöhen, und das wird dann definitiv eine enorme Auswirkung haben.

Vor einem Jahr gab es in Chonburi einen schrecklichen Unfall mit einem Kleinbus. Der 64 Jahre alte Fahrer war hinter dem Steuer eingeschlafen, weil er fünf Touren von 300 Kilometer à 3,5 Stunden ununterbrochen gefahren war.

Die 26 Jahre alte Hathaitip Modpai war eines der Opfer bei diesem Unfall. Sie hatte ihre Eltern besucht und war mit dem Kleinbus auf dem Weg zurück nach Bangkok, wo sie als Autohändlerin arbeitete.
Nach der Beisetzung des Einzelkindes sagte Mutter Wimol: „Ich wünschte, die Regierung würde mehr unternehmen. Nach einem Unfall regen sich die Leute eine Weile auf, aber wenn Gras über die Sache gewachsen ist, dann wird alles so sein, wie es zuvor war.

Und genau so war es auch: Nach dem Unfall hatte die Regierung gesagt, man werde die Kleinbusse verbieten und durch sogenannte Mikrobusse austauschen. Wer Thailand kennt, der weiß, wie das ausgegangen ist. Es wurden ein paar Mikrobusse eingeführt, ansonsten ist alles so, wie es schon immer war.

Beitragsquelle : Leben und Tod auf Thailands Straßen

Ähnliche Beiträge