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Kurzgeschichten im Februar 2019

Kurzgeschichten im Februar 2019

Benzin
Von Wolfgang Rill

Vor langer Zeit, um die Jahre, als man bei Volkswagen noch den Käfer baute und Deutschland zum zweiten Mal Fußballweltmeister wurde, gab es eine alte, schmuddelige Tankstelle an einer zugigen Kreuzung in der Leipziger Straße in Fulda. Der Asphalt verölt, einige der ehemals weißen Fliesen um die Podeste der Zapfsäulen weggebrochen, ein Haufen rostiger Kotflügel, Motoren und Getriebe hinter der Waschhalle.

Wenn ein Fremder tanken wollte, kam er raus. Untersetzt war er, bullig, mit einer Stoppelfrisur, die ihn aussehen ließ, als wäre er noch dreißig. Er humpelte und das linke Auge war starr. Mit dem einen Arm, den er noch hatte, zapfte er das Benzin und manchmal saugte er tief die Luft ein und den Duft aus dem Tank. Motorradweltmeister Willi Faust, das stand in kleinen Buchstaben an der Krempe des Regendaches; davor in noch kleineren Buchstaben: Inhaber.

Willi hatte sich einmal auf die Seite gelegt. War es 1955 auf dem Nürburgring oder Hockenheimring? Schottenring oder Monza? Man wusste es nicht mehr genau und Willi redete nicht darüber. Aber seit dem Tag fehlten ihm auf der Seite, auf die er sich gelegt hatte, der Arm und das Auge. Und das Bein auf dieser Seite war steif.

Er hätte vorher absteigen sollen vom Bock, vorher, als das mit Remmert passiert war. Remmert war sein Schmiermaxe und hatte sich auch auf die Seite gelegt:

Rechtskurve, Willi, drück drauf! Fahr zu, Willi, ich halt sie unten, fahr zu! Nimm sie enger! Nimm sie so eng, dass sie pfeift, dass sie quietscht! Wir sind die Meister! Willi, denk dran! Fahr auf dem Randstreifen, fahr auf dem Acker meinetwegen, gib Gummi! Gib volle Kanne! Schenk ein! Willi, schenk uns ein – Weltmeister, wir! Und Remmert hängte sein schweres Kreuz weit über. Er kniete auf dem Beiwägelchen bei neunzig, bei hundertzwanzig, bei hundertneunzig und hängte sein Kreuz so weit raus und so tief runter wie keiner sonst. Keine Bibel hätte mehr zwischen seine Schulter und die Grasnarbe am Straßenrand gepasst. So fegten sie durch lange Biegen und durch Haarnadelkurven in Deutschland, Frankreich, USA, dem Weltmeistertitel zu.

Eben noch kalt und heiß die Rollbahn entlanggeritten, in Schlamm und Staub und Eis, viel Eis, bis kurz vor Moskau, brav bis zurück. Nachts die Maschine durchtuckern lassen, weil sie nicht mehr angesprungen wäre bei minus zweiunddreißig Grad. Remmert hatte immer auf Maschinen gesessen, immer drauf gewohnt, den ganzen Krieg lang, vorher schon. Faust kam aus dem Heeresbeschaffungsamt erst spät nach Russland, als alle mussten. Aber er kam auf einem Motorrad. Auf einer der letzten, neuen, schwerfälligen BMW mit Bike-Radantrieb kam er, und im Kopf hatte er. Konstruktionspläne und technische Daten aller Mühlen der Wehrmacht. Wie lang war das her? Fünfhundert Jahre. Faust war der Kopf und Remmert war die Schulter, das war klar von Anfang an und blieb so bei den ersten kleinen Rennen in Hessen, schon im Frühjahr 47, bis zum Titel 1952.

Hol über, Remmert, häng dich über, Linkskurve. Sie schmiert ab, Remmert, sie schmiert mächtig, aber wir drücken sie rum, Mann, wir pressen sie rum. Keinen Zehntelmillimeter zu viel ließ Faust am Gas nach, wenn‘s um Linkskurven ging und beide hängten sich tief raus. Remmert an Faust geklammert wie eine Geliebte. Beide ein Klumpen wie zwei Kröten beim Kopulieren bei Tempo hundertsechzig. Die Maschine schüttelte und wollte fliegen, aber Faust presste sie auf den Asphalt, hielt sie unten. So kreisten sie auf der Avus und in Monaco und später auf den berühmten amerikanischen Pisten. Die Luft war voll verbranntem Äther und Alkohol und auch einem bisschen Benzin, voll Gummiqualm und dem Parfüm durchgeschwitzter Lederkombis, aber vorn, vor dem Feld, war sie frisch, und Faust und Remmert waren immer vorn. Kein Iwan holte sie ein, kein Tommy und kein Ami. Sie waren die Besten. Sie waren wieder wer. Ganz Deutschland hörte ihren Motor im Radio fauchen.

Rechtskurve, Remmert, wir nehmen sie eng, wie im Training besprochen, spürst du das, wie eng wir sie nehmen, wie sie an uns reißt, wie sie uns rausdrücken will? Häng dich raus, Remmert, wir sind die Besten. Remmert hängte sich raus, hängte sich tief, so dass keine Bibel zwischen die Schulter und die Grasnarbe gepasst hätte. Die Kurve zog sich, aber man konnte sie mit hundertzehn nehmen, sagte der Trainer, also hundertfünfzehn, hundertachtzehn. Die Geschwindigkeit hatte Faust im Ohr. Zu gefährlich jetzt ein Blick auf den Drehzahlmesser. Die Kurve hatte verloren, lief aus. Die Gerade. Komm hoch, Remmert.

Komm hoch!

Aber Remmert kam nicht hoch. Er hielt die Fäuste um das Halterohr des Beiwagens geklammert und hing rechts weit raus.

Komm endlich hoch!

Faust nahm Gas weg, zog die Bremsen, rollte auf der Wiese aus, hielt neben den Strohballen. Jetzt erst sackte Remmerts Schulter langsam, millimeterweise auf das Gras. Er hatte keinen Kopf mehr. Der Kopf hing abrasiert und blutig an einem Kilometerstein in der zurückliegenden Kurve. Der Kilometerstein stand weit vom Asphaltrand neben der Straße. Niemand hatte geglaubt, dass jemand die Kurve so eng nehmen könnte und dass es einen Schmiermaxe geben könnte, der so weit heraushängen kann!

Halb Deutschland war auf dem Friedhof, halb Deutschland hörte im Radio die Glocken, als Remmert beerdigt wurde. Faust schwor, dass er nie mehr an einem Gashebel drehen, nie mehr die Beine über einem Tank breitmachen würde und heulte, heulte.

Und fünf Monate später fuhr er wieder. Er fuhr Solorennen, noch mehr als ein ganzes Jahr. Dann legte er sich auf die Seite und verlor Arm und Au­ge. Es war die Seite, auf der Remmert immer gekauert hatte.

Heute gibt es andere Maschinen. Die blitzen und haben ganz andere Drehmomente. Manchmal tuckert eine da­von auf Willis Tankstelle. Willi kommt dann aus seinem Kassenhäuschen mit den verschmierten Glasfenstern gehumpelt und fasst versonnen den Gasgriff an. Hör mal rein, Willi, sagen die Fahrer und treten für ihn den Motor an. Dann dreht Willi auf, gibt volle Kanne, dass die Kolben fliegen und es heult und faucht und das eine Auge zuckt, als suche es etwas, und das andere, das Glasauge, sieht starr nirgendwo hin.

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Wolfgang Rill

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