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Küchenschrank

Küchenschrank

Von Wolfgang Rill

Er war ursprünglich weiß. Inzwischen hatte die alte Ölfarbe einen gelblich-bräunlichen Ton angenommen, wo sie nicht ohnehin abgeblättert war oder vom vielen Wischen ganz dünn war. Drunter schimmerte die Maserung des Kiefernholzes durch, aus dem Omas
Küchenschrank gebaut war. Über der Reihe mit den ewig klemmenden drei Schubladen gab es die Abstell- und Arbeitsfläche. Sie war mit blauem Linoleum belegt, an den Seiten brüchig und die meisten der weißen Sternchen die es ursprünglich verzierten, waren vom vielen Scheuern schon weggewischt.
Dort stand der Brotkasten, der die Bomben überlebt hatte, genau wie der Schrank. „Das war ein richtiges Wunder“, sagte Oma. „Zwei Bomben durch bis zum Keller. Dort explodiert. Das Haus ein Hügel aus Trümmern. Und im Garten lehnt mein Küchenschrank am Baum. Der Brotkasten sogar noch an seiner Stelle.“
Die Fenster in den drei Schrankfächern darüber werden wohl kaputt gewesen sein. Sie waren durch Milchglasscheiben mit unregelmäßigem Streifenmuster ersetzt worden. Dahinter konnte man in Regalen die rissigen weißen Teller erkennen, von denen wir in der Woche aßen und das Sonntagsgeschirr.
Zwei Suppenschüsseln standen da, eine ganz neu, die zweite ebenfalls kriegsgeschädigt mit nur noch einem Henkel. Und Omas Zwiebelmuster Kaffeegeschirr durfte nicht fehlen. Die dickbäuchige Kaffeekanne stand dagegen neben dem Brotkasten. Nachmittags fasste sie mit der flachen Hand auf die Kanne und sagte: „Er ist noch warm.“
Fest gegründet auf zwei Vorderfüßen, die gedrechselt waren und zwei würfelförmigen Hinterfüßen stand er da. Links daneben die Nähmaschine, rechts lehnte das Bügelbrett. In den unteren drei Regionen lagerten allerlei Küchengeräte. Der Fleischwolf, die Kartoffelpresse für den Kartoffelbrei, einige Salatschüsseln mit abgesprungenem Email. Als Spielzeuge waren diese Gegenstände höchst geeignet. Viel mehr als der öde Hebekran, den der Enkel zu Weihnachten bekommen hatte, und bei dem sich die Fäden immer verhedderten.
Als der Enkel schon größer war, hat die Oma unten in einer Ecke einen Vorrat an Gläsern angelegt. Da stand das leere Glas vom Pflaumenmus und das von den Gürkchen. Es war schon die Zeit, in der es Gürkchen in runden Gläschen gab und Honig in achteckigen. Die wurden gesammelt, bis der Enkel wieder genug Kerzenstummel beisammen hatte.
Auch der alte Topf in dem das Wachs geschmolzen wurde, stand da unten. Beim Wachsschmelzen und Kerzengießen durfte Opa nicht da sein. Er hätte sonst über den Unfug geschimpft. Leider gelang es nie, eine Kerze so zu gießen, dass sie beim Erkalten nicht stark zusammenschrumpfte und um den Docht herum eine tiefe Mulde bekam. Man musste immer wieder Wachs nachgießen. Trotzdem war es eine Lust, später das Glas zu zerklopfen und die fertige Kerze in der Hand zu halten.
Omas Küchenschrank hatte auch einen Geruch. Er roch nach Ata und Vim und ein bisschen nach Holz und in den unteren Fächern muffig nach dem alten Papier der Fuldaer Zeitung, mit dem die Bretter belegt waren. Ich glaube, ich könnte heute noch, nach sechzig Jahren, unter hundert Schränken Omas Küchenschrank herausriechen.
Aber der Schrank hatte auch eine höchst gefährliche Stelle. Das war oben, wo hinter einem Sims alte Zeitungen, ein Kochbuch und zerbrochene hölzerne Suppenlöffel lagerten. Gefährlich war schon der Aufstieg, den der noch nicht ganz Vierjährige manchmal wagte, wenn Oma im Wohnzimmer war.
Zuerst den Küchenstuhl an den Schrank geschoben, über den Stuhl hoch zur Arbeitsfläche. Festhalten, eine Tür auf, aufs untere Regalbrett gestiegen, aufgepasst, dass das Oberteil des Schranks nicht samt Enkel in die Küche kippte und dann hochgezogen, bis der Kopf über den Sims ragte. Da lag sie dann. Auf der linken Seite in der Ecke lag sie immer. Die Peitsche. Ein kurzer Holzstiel, ein lederner Schaft und etwa acht lederne, steife Peitschenschnüre.
Aber Opa hat damit immer nur gedroht. Er hat sie nie benutzt. Sie war alt, bestimmt aus dem 19. Jahrhundert. Wie viele Rücken sie wohl getroffen hat, bevor sie bei uns auf Omas Küchenschrank in den Ruhestand versetzt wurde? Der kleine Junge schaudert ein bisschen und klettert vorsichtig wieder vom Schrank runter.

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