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German Angst vor Durchzug

German Angst vor Durchzug

Der Ausdruck „German Angst“ ist ein fester Bestandteil der englischen Sprache. Das Wort „Angst“ – ausgesprochen wie „Ängst“ kann für sich allein stehen und fand als Fremdwort Eingang in den englischen Sprachschatz.

Daran müssen Engländer oder Amerikaner wohl sofort denken, als bekannt wurde, dass die Deutschen mal wieder von einer schrecklichen Angst gequält wurden – diesmal vor Durchzug.

Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht glauben, und jeder würde sie in die Kategorie „Kann man sich nicht ausdenken“ einordnen. Während der Hitzewelle in Deutschland wurde vor allem in sozialen Netzwerken die Angst vor Ventila
toren und Zugluft bzw. Durchzug geschürt. Wer da nicht dran gestorben ist, dem ist dann wohl durch eine Klimaanlage der Rest gegeben worden.

Wieder einmal kann man über die Deutschen nur staunen, und wenn man in Thailand lebt und jeden Tag mit Klimaanlagen und Ventilatoren zu tun hat, dann erst recht.
Die S-Bahn in Berlin ist zu dieser Jahreszeit leerer als normalerweise, denn die meisten Pendler sind im Urlaub. Wenn man an einem warmen Sommertag einen Sitz ergattern kann, ist das schon eine große Erleichterung.

Die Autorin dieses Artikels kam dann auf die Idee, einen kleinen Handventilator aus ihrer Handtasche zu nehmen und mit diesem den Schweiß auf ihrem Gesicht zu trocknen. Weiter berichtet sie:

Die Deutsche neben mir sagte: „Können Sie den Ventilator in eine andere Richtung halten, bitte? Die Luft streift mich.

Ich bejahte und hielt den Ventilator mit der anderen Hand.

Die Fenster der S-Bahn waren geschlossen, es war schon am sehr frühen Morgen 24 Grad warm.

Die Frau beschwerte sich dann bei einer anderen Frau, die neben ihr saß, über den Wind, den mein Ventilator machte.

Ich habe Asthma!“, sagte sie bevor sie aufstand und sich im Waggon auf einen anderen Platz setzte, um meinem Folterwerkzeug zu entkommen.

Während die Temperaturen in ganz Deutschland noch hoch waren, gab es eine hitzige Debatte in den Zügen und Bahnen, einen Krieg um Durchzug.

Viele Deutsche, und es sind wohl tatsächlich die Älteren, werden alles dafür tun, um Durchzug zu vermeiden. Luftbewegungen sind die Ursache für Grippe und einen steifen Hals, glauben sie. Also schließen sie die Fenster in Bahnen, auch wenn man innerhalb der Waggons ein Ei kochen könnte.

Es gibt aber auch Leute, die wissen, dass Erkältungen durch Viren ausgelöst werden. Eine Luftbewegung lässt den erhitzten Körper abkühlen, und das Öffnen eines Fensters ist der einzige Weg, nicht bei lebendigem Leibe gebraten zu werden. Und dennoch ist die Fraktion der Durchzug-Hasser in der Überzahl, sie schließen alle Fenster und zwingen die übrigen Fahrgäste, in ihrem eigenen Saft vor sich hin zu köcheln.

Der öffentliche Nahverkehr in Deutschland kommt meist ohne Klimaanlagen aus – bis vor kurzem gab es für Klimaanlagen keinen Grund. Aber es wird wärmer, so jedenfalls kann man es immer wieder lesen, und vielleicht gibt es nach 2003, 2006 und 2018 irgendwann bald wieder einen heißen Sommer.

Für Ausländer wird schnell deutlich, ich lebe seit vier Jahren in Deutschland, dass die deutsche Idealtemperatur für Deutsche höher ist als für Amerikaner, die sich für ein arktisches Klima entscheiden würden, wenn sie die Wahl hätten. Die Logik dahinter: Man kann sich wärmer anziehen, wenn einem kalt wird. Aber man kann sich nicht vollständig ausziehen, wenn einem heiß ist, weil sich sonst die Polizei für den neuen modischen Chic interessiert.

German Angst vor Durchzug
German Angst vor Durchzug

Die Angst vor Durchzug ist in Deutschland eine Tatsache. Selbst Ärzte machen da mit. So interviewte Der Spiegel 2014 eine Gesundheitsprofessorin, die tatsächlich sagte, dass kalte Luft Erkältungen hervorruft und den Kreislauf belastet. Ist Durchzug schädlich, fragte das Nachrichtenmagazin. „Man muss bei einer kleinen Brise sehr vorsichtig sein, weil zu erwarten ist, dass man sich erkältet.

Der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann schrieb kürzlich einen Aufsatz über das „Ammenmärchen vom bösen Durchzug“. Er macht unter anderem das sinkende Bildungsniveau in Deutschland dafür verantwortlich, dass Leute jeden Humbug glauben. Die Leute haben kein Problem damit, sich an der Küste von Fuerteventura dem Wind entgegen zu stellen, aber wenn jemand das Bürofenster auf Kippe stellt, machen sie sich Sorgen um ihre Gesundheit. Laut Kachelmann sollten diese abergläubischen Durchzugs-Gegner deportiert werden, damit sie nicht die Gesundheit ihrer Mitmenschen gefährden.

In der nächsten Ausgabe: Die German Angst vor Klimaanlagen.

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