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Endstation Garage

Endstation Garage

Der Schweizer, den ich Knut nennen will, kam das erste Mal vor zwei Jahren nach Pattaya. Jetzt steht er in einer Garage. Wie kam es dazu?

Der schwerstabhängige Alkoholiker hatte für eine Versicherung gearbeitet, seinen Job verloren, dafür aber eine anständige Abfindung erhalten, mit der er seinen Urlaub finanzierte.

Ihm gefiel es gut in Pattaya. Er wollte wiederkommen. Zurück in der Schweiz verkaufte er seine Eigentumswohnung und deponierte das Geld in einem Schließfach. Da gab es Gläubiger, die das Geld gerne gehabt hätten. Aber Knut drehte ihnen eine lange Nase und sagte: Nach mir die Sintflut. Er gab einem guten Freund, völlig zufälligerweise ein leitender Angestellter einer besonders verschwiegenen Schweizer Bankfiliale, den Schlüssel zu seinem Schließfach, und dann machte Knut sich vom Acker.

Zum Frühstück erschien Knut mit zitternden Händen und musste erst einmal ein paar Schnäpse trinken. So wie andere Leute, die morgens einen Kaffe brauchen, um sich an ihren Namen erinnern zu können.

Mit der Erinnerung hatte es Knut aber nicht so. Oft wusste er nicht so recht, was er am Vorabend gemacht hatte, wie er nach Hause gekommen war. In Bars bestellte er meist ein Bier, trank dazu aber eine Flasche Wodka, die er sich vorher in einem Supermarkt besorgt hatte. Irgendwie schaffte er es dann nach Hause. Oft fehlte sein Geld, manchmal war er überrascht darüber, dass jemand neben ihm im Bett lag. Einmal übernachtete er vor der Wohnungstür seines Condos, weil er in seinem Zustand den Zimmerschlüssel nicht gefunden hatte. Der war wie immer in seiner Hosentasche.

Das Geld ging weg wie warme Semmeln. Er beauftragte reitende Boten für Nachschub. So trafen sich Bekannte von ihm, die noch in der Schweiz waren, mit seinem Bankiersfreund, der an das Schließfach ging und 10.000 oder 20.000 Franken herausnahm und das Geld den Boten übergab, die dann nach Thailand flogen, um Knut das Geld zu geben. Manchmal ließ er sich von seinem Bankfreund das Geld auch überweisen oder auf Kreditkarten gutschreiben. Da vertraute er dem Banker, der wusste, wie man so etwas macht.

Irgendwann lernte Knut eine Frau in einer Bar kennen und buchte und bezahlte sie eine Woche im Voraus. Als sie nach drei Tagen verschwunden war, verstand er die Welt nicht mehr. War aber froh, als sie eine Woche später zu ihm zurückkam – da hatte sie das ganze Geld, Knuts Geld, ausgegeben. Nach einigen Irrungen und Wirrungen hatte Knut schließlich eine feste Freundin.

Sie fand heraus, wo Knuth sein Bargeld versteckt, stahl es und verschwand. Knut, völlig abgebrannt, rief seinen Banker an, der für Nachschub sorgte. Dann war die Freundin wieder da – und irgendwann wieder weg. Natürlich mit dem Geld. Niemand weiß, wie oft das so ging. Aus den Missgeschicken zog Knut keine Lehren, ganz im Gegenteil.

Knut beschwerte sich immer darüber, dass die ganze Welt gegen ihn war, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich wünschte. Dass es an seiner eigenen Dummheit oder seinem Alkoholkonsum liegen könnte, wollte er nicht wahrhaben. Auch übertrieb er immer gern maßlos. Wurde er von einem Hund angeknurrt, hatte ihn der Hund gebissen. Die Leute, die ihn kannten, dachten bei solchen Geschichten, dass Knut wohl eher vom Affen gebissen worden war.

Nicht übertrieben hat er, als er einmal von einem Polizisten angehalten wurde, weil Knut mit seinem Motorrad Schlangenlinien fuhr. Knut stieg von seinem Motorrad ab, haute den Polizisten um und fuhr weiter. In den Tagen danach suchte die Polizei nach ihm und fuhr in dem Gebiet regelmäßig Streife. Da warf Knut der Polizei vor, eine Hexenjagd zu veranstalten. Dem von ihm umgehauenen Polizisten sei doch gar nichts weiter passiert.

Knut machte immer so weiter. Hatte er sich anfangs noch für Dinge wie den Strand interessiert, spielte sich sein Leben jetzt nur noch im Condo ab. Dort trank er von morgens bis abends. Mit der einen oder anderen Gesellschafterin. Das Geld zerrann ihm zwischen den Fingern. Sein Bankier musste in immer kürzeren Abständen ans Schließfach. Knuts Bekannte, Freunde hatte er nicht, schlossen Wetten ab, wie lange das Geld noch reichen würde.

Gewonnen hat die Wette niemand. Knut klagte schon seit Wochen über Unwohlsein und Appetitlosigkeit. Die Beschwerden bekämpfte er mit einer Extraflasche Wodka. Er war bei seiner Ankunft wohlproportioniert, aber nun nahm er kontinuierlich ab. Doch er kümmerte sich nicht darum, die Tage endeten immer in Exzessen. Es gibt nichts, was nicht durch Alkohol geheilt werden könnte. So Knuts Wahlspruch.

Der letzte Exzess endete im Krankenhaus. Die Ärzte konnten Knut nicht mehr retten, er starb nach drei Tagen an multiplem Organversagen. Er hatte sich buchstäblich zu Tode gesoffen.

Geraume Zeit wartete Knut auf seine Rückreise. In einem Tiefkühlfach des Hospitals. 560 Baht pro Nacht. Ohne Frühstück.

Schließlich holte ihn der Banker dort heraus. Der erledigte von der Schweiz aus den Papierkram, sorgte für die Einäscherung in einem lokalen Tempel und ließ sich von einem Bestattungsinstitut als freier Mitarbeiter engagieren, damit er berechtigt war, Knut vom Flughafen Zürich abzuholen.

Dann brachte er Knut in eine Garage, die letzte Ruhestätte. Hier hatte Knut mit dem Banker und den anderen Kumpels immer gesoffen. Jetzt hat Knuts Urne in einem Regal einen Ehrenplatz erhalten.

Um das Geld in dem Schließfach muss sich Knut von seinem Regalplatz aus keine Sorgen mehr machen. Da der Bankier dabei geholfen hat, es vor den Gläubigern in Sicherheit zu bringen, würde er sich strafbar machen, erzählte er jemandem etwas von dem kleinen Vermögen. Er ist jetzt quasi gezwungen, das Geld zu behalten und sich etwas Schönes zu leisten. Vielleicht endlich den so wohlverdienten Urlaub. In Pattaya.

Euer Walter Weiß

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